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Leben in der Stadt, essen wie auf dem Land

Im Kollektiv: Neun Gemüsetunnels betreibt die Kooperative. Keystone

Lebensmittel direkt vom Bauern: «Les Jardins de Cocagne» bietet ein Konzept für eine solidarische Landwirtschaft. Wie sich die Idee der Selbstversorger-Pioniere aus Genf erfolgreich fortgepflanzt hat.

Veröffentlicht am 04.07.2016

Das Schild am Strassenrand, das kurz vor Sézegnin in der Genfer «Campagne» den Weg nach rechts in Richtung «Les Jardins de Cocagne», der «Schlaraffenlandgärten» weist, ist winzig klein. Nach der Abzweigung und einem kurzen Anstieg rücken die ersten Gemüsetunnels in Sichtweite. Von hier bis zur französischen Grenze ist es nur noch ein Katzensprung.

Marian Oberhansli, seit 20 Jahren «Schlaraffengärtnerin», parkt den Kleinwagen auf dem Parkplatz vor der grossen Scheune. Nachdem sich die gesamte Umgebung auf der Fahrt vom Bahnhof La Plaine hierher in dicken Regenfäden aufgelöst hat, fallen nun nur noch vereinzelte Tropfen. Das Grün der Wiesen wirkt wie frisch gewaschen. Die Naturwege hingegen sind verschlammt und rutschig.

45'000 Quadratmeter Landwirtschaftsland

Neun Gemüsetunnels betreibt die Kooperative «Les Jardins de Cocagne» auf ihrem Pflanzplatz in Sézegnin. Insgesamt bewirtschaftet sie rund um Genf 45'000 Quadratmeter Landwirtschaftsland nach biologischen Richtlinien, was der Grösse von ungefähr zehn Fussballfeldern entspricht.

Heute ist Erntetag. Nadja Ramseier buddelt in einem Tunnel in der Erde. Ihre Wollmütze hat sie sich tief ins Gesicht gezogen. Die Gemüsegärtnerin arbeitet seit fünf Jahren für die Kooperative. Ursprünglich hat sie Kunst studiert, doch als ihre Tochter zur Welt kam, suchte sie eine Arbeit, die sich besser mit der Mutterrolle verbinden liess.

Als Quereinsteigerin absolvierte sie zuerst ein Praktikum und wuchs «pas-à-pas» hinein ins neue Fachgebiet. «Erschwerend war eigentlich nur», sagt sie lächelnd, «dass man auf dem Pflanzplatz immer ein Jahr warten muss, bis man die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr anwenden kann.»

Westschweizer Spezialität

Während Ramseier erzählt, zieht sie eine Mairübe nach der anderen aus dem weichen Boden und stapelt die «Navets» in einer Kiste. Hinter ihr in der Reihe tut es ihr ihre Pflückequipe gleich. Zwei junge Frauen, die ein Praktikum absolvieren, Pensionierte, Zivildienstler im Landdienst, ein äthiopisches Flüchtlingspaar, «das nicht mehr nur herumsitzen, sondern sich unter Menschen nützlich machen will».

Navets oder auch Mairüben sind eine Westschweizer Spezialität. In diesem Jahr hat die Kooperative neben der violetten Sorte eine neue weisse angepflanzt. Diese habe jedoch eine etwas merkwürdige Eigenart entwickelt, sagt Nadja Ramseier und streckt eine mandarinengrosse Knolle als Beweisstück in die Luft. Anstatt einer kugelförmigen Wurzel, hätten sich bei einigen Pflanzen jeweils gerade drei gebildet. Aus diesem Grund seien die Knollen nun viel kleiner als üblich.

Im Kolletkiv

Überraschungen dieser Art hat die Gemüsegärtnerin auf dem Feld schon einige erlebt. Nur muss sie sich deswegen nicht gleich über finanzielle Verluste den Kopf zerbrechen: «Bei 'Cocagne' teilen sich Produzenten und Konsumenten das Risiko. Fällt die Ernte überdurchschnittlich gut aus wie im vergangenen Sommer, profitieren alle davon; ist der Ertrag weniger ergiebig, geben sich alle mit weniger zufrieden.»

Ausserdem müssen die Genossenschaftsmitglieder, die ein Abo lösen und dafür einmal in der Woche einen Gemüsekorb erhalten, an vier halben Tagen pro Jahr auf dem Feld mithelfen. Danach wissen sie aus eigener Erfahrung, wie viel Knochenarbeit in so einem Gemüsekorb steckt.

Nirgendwo anders so verbreitet

Wer an Genf denkt, denkt an UNO, Luxusuhren, Automobilsalon, hohe Mieten oder den Jet d’Eau, aber kaum an frisches Biogemüse und solidarische Landwirtschaft. Wie sollte man auch, der Kanton Genf ist klein und die Bodenpreise sind hoch. Dennoch ist die regionale Vertragslandwirtschaft (RVL) nirgendwo anders so verbreitet wie im westlichsten Zipfel der Schweiz.

2500 bis 3000 Haushalte im Kanton würden ihre Lebensmittel heute direkt von Bauern und Gemüsegärtnerinnen beziehen, schreibt Bettina Dyttrich in ihrem Buch «Gemeinsam auf dem Acker».

Wer der Kooperative «Les Jardins de Cocagne» einen Besuch abstattet, lernt also noch einmal ein ganz anderes Genf kennen. Das Genf der genossenschaftlich organisierten Selbstversorger und der «Agriculture contractuelle de proximité», so der französische Name der RVL, die genau hier bei den Schlaraffengärtnerinnen und - gärtnern 1978 schweizweit und wahrscheinlich auch gesamteuropäisch ihren Anfang nahm.

Leben in der Stadt, essen wie auf dem Land

Doch wer brachte die solidarische Landwirtschaft auf dem Acker damals überhaupt ins Spiel und warum gerade hier? Ende 1970er-Jahre bepflanzte der junge Agronom Reto Cadotsch die Gärten verschiedener Wohngemeinschaften in Genf: Während eines Aufenthalts in Frankreich hatte er in der Bretagne eine Gruppe von Tierärzten kennengelernt. Diese arbeiteten für die Bauern der Region, die ihnen proportional zu ihrer Anzahl Tiere einen Beitrag an die Lohnkosten bezahlten.

Als Cadotsch vor 38 Jahren mit ein paar Mitstreitern «Les Jardins de Cocagne» gründete, kopierte er das System und ersetzte die bretonischen Kühe einfach durch lokales biologisches Gemüse und die Bauern durch Menschen, die in der Stadt leben, aber wie auf dem Land essen wollen. Bedeutsam ist auch, dass die Hausbesetzerszene in Genf auf diese Zeit zurückgeht und verschiedene Leute damals nach alternativen Lebens- und Arbeitsräumen Ausschau hielten.

Marian Oberhansli, die ebenfalls auf der Suche war, wohnt seit Jahren in einem Genfer Quartier, das vor dem Abriss beziehungsweise einer Luxusrenovation gerettet werden konnten: «Les Grottes», gleich beim Bahnhof, ein charmantes alternatives Dorf in der Stadt. Das Leben im Kollektiv habe sie geprägt, sagt sie. Sie steht in der «Cocagne»-Küche, wo über einer langgezogenen Arbeitsfläche mit Spüle und Backofen Pfannen in diversen Grössen von der Decke baumeln.

Mittagessen für 15 Helferinnen und Helfer

Oberhansli bereitet für rund 15 Helferinnen und Helfer das Mittagessen zu. Karotten, Federkohl, Navets, Schnittsalat, Chicorée italienne - alles frisch vom Feld. In jungen Jahren hat sie die Kunstschule absolviert, genauso wie Gemüsegärtnerin Ramseier. Doch der eher einsame Künstlerinnenalltag habe ihr auf die Dauer nicht zugesagt. «Ich mag es, viele Menschen um mich herum zu haben.»

Neben der Feldarbeit fährt Marian Oberhansli heute zweimal pro Woche auf den Markt in Genf, um Gemüse zu verkaufen. Die Kooperative habe sich im Laufe der Zeit immer breiter vernetzt und weitere solidarische Landwirtschaftsprojekte mitinitiiert, erklärt sie, während ihre Hand mit der Kelle im Gemüsetopf rührt. Zum Beispiel "L’Affaire TourneRêve", ein Verein dem verschiedene lokale Landwirte angeschlossen sind. Interessierte können haltbare "Terroir"-Produkte über den Verein beziehen: Getreide, Teigwaren, Honig, Polenta, Würste, mehrheitlich bio.

Auch das erste «reine» Genfer Bio-Brot hat «L’Affaire TourneRêve» lanciert. Weiter unterstützt «Cocagne» mit einem Prozent aller Erträge durch den Gemüseverkauf Bauern im Senegal und in Mali. Bei den meisten dieser Projekte sei Reto Cadotsch die treibende Kraft gewesen, sagt Oberhansli. Er betreibt mittlerweile einen eigenen Bio-Betrieb in Landecy und hat vor einiger Zeit ein neues Projekt ausgeheckt: einen solidarischen Supermarkt. Hierfür haben sich in einem Quartier in Meyrin die Bewohner mit lokalen Bauern zur Genossenschaft «Equilibre» zusammengeschlossen.

Gründer-Generation geht in Pension

Nach 38 Jahren Lobbyarbeit für nachhaltige, solidarische und regionale Vertragslandwirtschaft ist bei «Cocagne» die Gründergeneration um Cadotsch und Claude Mudry nun langsam im Pensionsalter angekommen. Doch um den Nachwuchs ist es im Schlaraffengarten gut bestellt. «Wir müssen nicht aktiv nach neuen Leuten suchen. Es gibt immer wieder Anfragen. Und die verschiedenen Generationen verstehen sich gut untereinander», sagt Oberhansli.

Im Moment zählt die Kooperative 15 Lohnempfänger. Alle erhalten einen einheitlichen Monatslohn von 4500 Franken; nach dem dritten Jahr kommen jedes Jahr 50 Franken im Monat hinzu. Die Zahl der Gemüsekiste-Abonnements hat sich bei ungefähr 420 eingependelt; früher hätte es noch eine Warteliste gegeben, heute sei der Ansturm nicht mehr gar so gross. Das habe aber vor allem damit zu tun, dass es in der Region nun viel mehr ähnliche Angebote gebe, was grundsätzlich eine positive Entwicklung sei.

Erfolgreich fortgepflanzt

Das Grundprinzip der solidarischen Produzenten-Konsumenten-Beziehung à la Cocagne hat sich erfolgreich fortgepflanzt - sogar weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Zwischen St. Gallen und Sézeguin gibt es unzählige Pflanzgemeinschaften: Radiesli und soliTerre in Bern, Ortoloco und Dunkelhölzli in Zürich, TerreVision in Biel, RegioTerre im Sankt Gallischen und so weiter.

Seit 2011 existiert ausserdem ein Verband, der die regionale Vertragslandwirtschaft fördert und die entsprechende Kooperationsstelle (Solawi) bietet einen Lehrgang für solidarische Landwirtschaft an. Regionale Vertragslandwirtschaft und Direktverkauf werden als Alternative zum Angebot beim Grossverteiler rege genutzt. Denn obwohl das Bioangebot bei Migros und Coop wächst und wächst, stellen sich viele zu Recht die Frage, wie viel Bio überhaupt in einem Fenchel steckt, der von Italien im Lastwagen in die Schweiz transportiert wurde.

Auf dem Feld hat man nie ausgelernt

«Wir verzichten nicht nur auf Kunstdünger, sondern reflektieren auch globale Entwicklungen», sagt «Jardinier» Mathieu Buttex. Er ist zuständig für die Setzlinge, plant, was wann und wo auf den Acker oder in den Tunnel kommt, und er treibt auch das neuste Projekt von «Cocagne» voran: die Produktion von biologischem Saatgut. Vor dem Hintergrund, dass sich in Europa fünf Firmen die Hälfte der Patente auf Pflanzen teilen, will man mit dieser neusten Initiative der Marktkonzentration die Stirn bieten. «Wir kultivieren hier also auch ein Stück Militanz.»

Während Buttex den Traktor repariert, «weil auch das jemand machen muss», denkt er sich an den Anfang zurück: Als er im Jahr 2004 als Zivildienstler hierher gekommen sei, mitten in einem Findungsprozess und mit nichts in der Tasche als der Matur, da hätte er einfach nur Lust gehabt, in und mit der Natur zu arbeiten.

Letztlich fand er aber viel mehr bei «Les Jardins de Cocagne»: Menschen, die am gleichen Strick zogen und die ihn ermutigten, kreativ zu sein und offen für Neues. Als Produzent schätzt er die Rückmeldungen der Konsumenten, den direkten Draht zu allen. «Was ich hier mache, macht für mich einfach absolut Sinn.» - 99 Kilo Navets zeigte die Waage am Ende des Tages. Sie werden morgen im Gemüsekorb die Genfer Haushalte erreichen.

(sda/ccr)

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