Karl Lagerfeld hat einen Spleen. Er trinkt sehr gerne Diet Coke – aber nur aus Gläsern von Lalique. Aus anderen Gläsern schmeckt ihm die Cola einfach nicht. Elton John ist nicht nur auf die Gläser von Lalique fixiert, sondern er sammelt einfach alles vom französischen Kristallhersteller: Parfumflacons, Skulpturen, Schmuck, Vasen, Aschenbecher, Weinkaraffen. Und in Japan hat ein Millionär sein eigenes Lalique-Museum errichtet – mit über 2500 Schaustücken.

Da drängt sich eine Frage auf: Worin gründet diese Faszination für den französischen Kristallhersteller?

Es kann kaum allein an neuen Kollektionen wie etwa White Light liegen, sondern viel eher an der kunstgeschichtlichen Bedeutung von Lalique generell. Der Gründer, René Lalique (1860–1945), gilt als einer der wichtigsten Vertreter von Jugendstil und Art déco. Und zugleich als einer der Urväter des modernen Schmucks. Er betrat immer wieder Neuland, nachdem er sich 1884 als Goldschmied selbstständig gemacht hatte. Er setzte sich über Konventionen hinweg und antizipierte Designtrends. Er experimentierte mit Materialien wie Glas, Email, Opal, Gold und Elfenbein. Dabei liess er sich von den geschwungenen Formen der Natur inspirieren, von Fischen, Muscheln, Schnecken, Raubkatzen, Blumen. Noch mehr aber dominiert eine Vorliebe für andere Rundungen: Auf zahlreichen Stücken sind nackte Jugendstil-Schönheiten verewigt.

Für Lalique-Stücke werden bei Auktionen hohe Summen bezahlt. Vor vier Jahren verkaufte das Auktionshaus Bonhams in London die Vase Quatre Pigeons für 106 000 englische Pfund. Am 9. September dieses Jahres kamen bei Christie’s in New York etwa hundert Lalique-Stücke unter den Hammer – für insgesamt 1,3 Millionen Dollar. Darunter die bläulich schillernde Vase Bacchantes für 54 000 Dollar, die Vase Terpsichore für 31 000 Dollar und das Automaskottchen Vitesse, eine nackte Schönheit, für 17 000 Dollar. Die meisten jener Auktionsstücke sind in den zwanziger Jahren kreiert worden. In früheren Arbeitsphasen, also Ende des 19. Jahrhunderts, produzierte René Lalique vorwiegend Schmuck.

René Lalique war alles andere als ein verkannter Schöpfer, seine Bedeutung wurde bereits zu Lebzeiten wahrgenommen. Im Jahr 1898 hat ihm der Louvre Schmuck abgekauft. Heute sind zahlreiche seiner Schmuckstücke der frühen Werkphase im Pariser Musée des arts décoratifs ausgestellt, so die Brosche The Kiss, die René Lalique aus Liebe zu einer jungen Französin in England kreierte. Frauen waren eindeutig das zentrale Thema seines Schaffens – und, wie man hört, auch seines Lebens.

Kristall ist nichts anderes als Glas, dem Blei zugefügt wird. So entwickelt Kristall ein unverwechselbares Klingen, wenn man es mit einem harten Gegenstand berührt. Schwarzen Kristall stellt man her, indem man bei blauem oder rotem Kristall die Farben hoch konzentriert, bis sie schwarz werden. Dies ist ein Kunsthandwerk, das immer weniger beherrschen.

Die meisten dieser wenigen Spezialisten arbeiten im elsässischen Wingen, im so genannten Village Lalique. René Lalique verlagerte 1914 die Produktion aus dem Raum Paris nach Wingen, wo noch heute 300 Leute von Hand Kristalle anfertigen, die in alle Welt vertrieben werden. Es werden noch genau dieselben Arbeitstechniken wie einst angewandt, die mitunter familienintern weitervermittelt werden: Einige der Handwerker arbeiten bereits in dritter Generation bei Lalique.

Der 1935 von René Lalique eröffnete Hauptsitz von Lalique befindet sich an der Rue Royale in Paris, in Nachbarschaft zum «Maxim’s», an einer Lage, die kaum exklusiver sein könnte. Oberhalb des Geschäfts, in dem neuere Kollektionen präsentiert und verkauft werden, befindet sich das eigene Museum. Dort sind in mehreren Räumen alte Parfümflacons, emaillierte Vasen und Weingläser zu begutachten.

Die neuen Kollektionen sind erschwinglicher als die alten Sammlerstücke. Kristall ist heute nicht mehr wie vor hundert Jahren der privilegierten Bourgeoisie vorbehalten. Swarovski zeigt exemplarisch, wie man eine Luxusmarke demokratisiert: Man verkaufe kleine, kostengünstige Artikel, die sich breitere gesellschaftliche Schichten leisten können. Lalique macht das ähnlich. So verkauft Lalique heute beispielsweise Fingerringe für rund 250 Franken. Mit der White-Light-Kollektion werden Accessoires im Art-déco-Stil vermarktet.

Alle Nachfolger der Familie Lalique, die etwas mit dem Unternehmen zu tun hatten, sind inzwischen gestorben. Insgesamt macht die Firma heute einen Umsatz von 100 Millionen Euro pro Jahr. Der grösste Markt ist Frankreich, es folgen die USA und Grossbritannien. Dass Lalique-Stücke versteigert werden und in Museen zu begutachten sind, hilft dem Markenmythos. Nicht zuletzt auch dann, wenn es um die Vermarktung moderner Kollektionen geht.

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