Sie spielten No Limit Hold’em, wie immer, unten im Mirage Casino in Las Vegas. Sie waren nur noch zu zweit am Tisch. Max Pescatori, wohnhaft in Nevada, hatte Herz-Ass und Herz-Vier in der Hand. Chris Bigler, wohnhaft im Aargau, hatte ein Ass und eine Dame.

Pescatori fühlte sich stark mit seinem Ass und seiner Farbe und schob den ganzen Chiphaufen, der sich vor ihm auftürmte, in die Mitte des Pokertischs. «All in», alles rein. Bigler zog sofort nach. All in, alles rein. Als offene Karten kamen Bube, Dame, Dame – und Bigler hatte somit drei Damen in der Hand. Das reichte locker. Pescatori war draussen, und unser Mann aus dem Aargau steckte 160 350 Dollar ein.

Drei Wochen ist es her, seit Bigler, der einzige Schweizer Berufsspieler, sein letztes Pokerturnier in Las Vegas gewann. Das Preisgeld von 160 350 Dollar war nicht übel für ein kleines Spielchen, aber das ganz grosse Geld war es nicht. Poker gehört, zusammen mit Tennis und Golf, zu den drei einzigen Turnierspielen auf diesem Planeten, bei denen man über eine Million an einem Tag machen kann. Poker unterscheidet sich allerdings von Tennis und Golf in zwei entscheidenden Punkten, von denen uns Männersportler der zweite besonders interessiert.

Zuerst unterscheidet sich Poker von Tennis und Golf dadurch, dass am Kartentisch mehr Geld zu machen ist als auf dem Court und dem Course. Als der frühere Anwalt Greg Raymer, schwer übergewichtig, vor einem Jahr im Rio’s Casino in Las Vegas das Turnier um die World Series of Poker gewann, war sein Siegercheck fünf Millionen Dollar wert. Die 602 500 Pfund, die Roger Federer für seinen Wimbledon-Sieg bekam, nehmen sich daneben ziemlich mickrig aus. Und Tiger Woods musste bei seinem ersten Platz im Augusta Masters mit 1 170 000 Dollar zufrieden sein.

Was uns mehr interessiert, ist der zweite Unterschied zwischen Poker und Tennis und Golf. Wir Gentleman-Sportler haben ja keine Chance, an einem grossen Turnier einmal gegen Roger Federer oder Tiger Woods anzutreten. Die Profis bleiben unter sich. Beim Poker ist es anders. Wer den so genannten «Buy-in» bezahlt, zwischen 300 und 10 000 Dollar, je nach Event, kann gegen die weltbesten Pokerberufsspieler antreten, gegen Greg Raymer, genannt «Fossilman», gegen Chris Ferguson, genannt «Jesus», gegen Evelyn Ng, genannt «Evybabee», gegen Doyle Brunson, genannt «Texas Dolly» oder gegen Chris Bigler aus dem Aargau, genannt «Chris Bigler».

«Fossilman» Raymer lernte sein Pokergame an der Universität, als sie nach der Vorlesung um Fünf-Cent-Nickels spielten. Dann trieb er sich in den Casinos erst an den Drei-Dollar-Tischen herum. Chris Bigler, unser Aargauer, begann bei kleinen Turnieren in Österreich und Frankreich. Das ist auch die Richtung, die ich auf dem Weg zu unseren fünf Millionen Prize-Money empfehle.

Ich gehe mal davon aus, dass ein anständiger BILANZ-Leser die Pokerregeln einigermassen intus hat und weiss, dass ein Full House keine SVP-Parteiversammlung ist. Am besten ist es, bei kleineren Turnieren zu starten, beispielsweise in Bregenz, in Velden, in Wien, in Baden-Baden, in Seefeld, Dublin, Barcelona oder Paris. In den Schweizer Casinos hingegen kann man Poker vergessen. Die einheimischen Betreiber haben den unglaublichen weltweiten Aufschwung des Pokerns nicht mitbekommen und auch nicht den Siegeszug der World Poker Tour (WPT), sie haben nicht gemerkt, dass Poker das am schnellsten wachsende Segment der globalisierten Sport- und Spielindustrie ist.

Nach unserer Gesellenzeit gibt es nur noch eines: Las Vegas. Die Kapitale des Spiels mit ihren Poker-Rooms im «Mirage», im «Bellagio», im «Wynn», im «Palms», im «Rio’s», im «Horseshoe». Wir fahren als Männergesellschaft hin, am besten zu dritt oder zu viert.

Wir spielen nur No Limit Hold’em, die reinste Form des Pokerspiels. Hier bekommt jeder Spieler erst zwei verdeckte Karten, die nur er selber sieht. Dann kommen fünf offene Karten auf den Tisch. Jeder sucht nun aus den zwei eigenen und den fünf allgemein verfügbaren Karten die bestmögliche Kombination von fünf Karten. Dazwischen finden vier Bietrunden statt, bei denen man einen beliebig hohen Einsatz («no limit») auf den Filz legt. Wer nicht mithält, fliegt raus.

Wir spielen normalerweise von nachmittags um vier bis gegen Mitternacht. Dann ein Steak, dann ab ins Bett. Schliesslich müssen wir am nächsten Morgen wieder fit sein. Las Vegas hat 54 Golfplätze, wir schlagen ab um neun am Morgen, ein Dreier- oder Vierer-Flight.

Man kann ja nicht den ganzen Tag Poker spielen.

Kurt W. Zimmermann, Inhaber der Consist Consulting AG, Zürich

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