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Kunst: Shi Jinsong: Over the top

Der Chinese Shi Jinsong macht aus den Begierden und den Exzessen Kunst. Das gefällt Sammlern in den USA, China und Europa, darunter Uli Sigg und Charles Saatchi.

Von Brigitte Ulmer
02.03.2007

Die China-Welle rollt über den westlichen Kunstmarkt. An Auktionen in New York und Hongkong treiben Chinas Neureiche Preise von Künstlern in die Höhe, von denen man heute nicht weiss, was sie morgen wert sind. Oft, etwa bei der Pop-Art chinesischer Prägung, findet sich die Vorstellung bestätigt, dass viel von dem, was in hiesigen Galerien zu sehen ist, willig die Markterwartungen im Westen bedient. Plakative, illustrative Mao-Inszenierungen in schreienden Farben oder China-Style-Pop-Art lösen zwar bei Kennern bereits Ermüdungserscheinungen aus – nicht jedoch im siedenden Kunstmarkt.

Kunst aber, die ästhetisch innovativ ist, begnügt sich nicht mit der Adaption vergangener Kunststile oder der Illustration von Geschichtslektionen; sie operiert vielschichtiger. Zu den interessanteren Künstlern des neuen China gehört Shi Jinsong. Seine Kunst sieht auf den ersten Blick aus wie Design, das ein bisschen «over the top» ist. In ihrer Skurrilität und Unfunktionalität verdichtet sie westliche und chinesische Sichtweisen von Objekten mit visionärer Kraft. Sie funktioniert wie ein Fenster, von dem man nicht weiss, ob das Glas den Blick nach aussen freigibt oder unser eigenes Bild spiegelt.

In Shi Jinsongs Lederkostümen, die in der Zürcher Galerie Arndt & Partner zu sehen sind, sind sorgsam überdimensionierte Muskelpakete eingenäht: Halb Pirelli-Männchen, halb Männlichkeitssymbol, trifft in ihnen die Hypermoderne auf Wünsche von Unbesiegbarkeit. Gleichzeitig sind sie eine Karikatur der chinesischen Bereitschaft, völlig unkritisch und ohne Rücksicht auf eigene Tradition westliche Ideale und Normen zu übernehmen. Shi Jinsong weiss darum aus eigener Anschauung: «Wenn junge, reiche Chinesen nach ihrer Europareise zurückkehren, adaptieren sie sehr schnell und unkritisch, was sie gesehen haben. Hauptsache, es ist neu und schön.» Logo-Applikationen von Firmenbrands wie Marlboro und Mercedes werden zur Rüstung von jungen, reich gewordenen Chinesen, die sich westliches Konsumverhalten und westliche Körperkonstruktionen wie eine Uniform umlegen.

Shi Jinsong, 1970 in der Provinz geboren und aufgewachsen, ist erst wenig in den Westen gereist. Mit 25 schloss er sein Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie in Hubei ab, er arbeitete vorwiegend mit Lehm, Stein und Holz. Erst Ende der neunziger Jahre fand er zu der konzeptuellen Arbeitsweise und den unkonventionellen Materialien, für die er bei Sammlern wie Charles Saatchi, dem Werbemagnaten, und Uli Sigg, dem ehemaligen Schweizer China-Botschafter, begehrt ist. Für die erste Arbeit, die in der Ausstellung «Alors, la Chine» im Centre Pompidou 2003 in Paris zu sehen war, wechselte er zu Karamell und Zucker. Er überzuckerte Flaschen, Teller und Spielzeugautos und machte sie zu süsslichen Objekten einer auf Reichtum und Konsumprodukten gründenden neuen Zeit, zu bitteren Zeugnissen einer entleerten Gesellschaft. Die Ausstellung war umstritten wegen ihres kolonialen, exotischen Blicks. Daran nahm die Karriere der Künstler im Westen aber keinen Schaden.

Die Präsenz im renommierten Museum gab Shi Jinsongs Karriere einen Schub, seither wurde er regelmässig in China und in der New Yorker Galerie Chambers Fine Arts ausgestellt und 2005 in der Ausstellung «Mahjong», der Sammlung Sigg im Kunstmuseum Bern. Da stellte er ein ästhetisch perfektes, präzis gearbeitetes Büro-Ensemble aus, das sich erst bei näherer Betrachtung als Arrangement von Folterinstrumenten herausstellte. Die hochglanzpolierte Installation aus Chromstahl war eine Metapher auf den Schraubstock des Spätkapitalismus.

Anders als die meisten erfolgreichen Künstler hat Shi Jinsong nicht weltumspannend Wohnsitze. Er lebt in Wuhan und Peking, sei viel zu Hause bei seiner Familie und reise wenig. Seine kleine Tochter, erzählt er, hat ihn zu einem weiteren Kunstobjekt inspiriert, das nun in der Galerie Arndt & Partner zu sehen ist. Als Jinsong vor sieben Jahren Vater wurde, zog er los ins Warenhaus und stand erstaunt vor einer Grossauswahl von Baby-Buggies, alle in Pastellfarben. Für Shi Jinsong sind Kinderwagen die Verkörperung von Projektionen und Wünschen der Erwachsenen. Er dachte dieses Konzept konsequent weiter und fabrizierte einen Kinderwagen mit scharfkantigen Handgriffen, Zehenfolter und Nägeln.

Das Werk mag aus westlicher Perspektive an die spezifische Situation in China erinnern, wo sich der Turbokapitalismus mit mittelalterlichen Mentalitäten verbindet. Doch Shi Jinsong sieht darin mehr: Statt der rosarot gefärbten Welt zeigen die Objekte mit Sarkasmus, wo die Babys real hineingeboren werden. «Überall auf der Welt herrscht Brutalität, das ist nicht ein chinesisches, sondern ein globales Problem.»

Shi Jinsong in der Gruppenausstellung «Remixed & Revisited: New Visions on China», Galerie Arndt & Partner, Zürich, bis 10. März, www.arndt-partner.com

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