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Kunst mit Triple-A

Auch in der Ausgabe 2000 des BILANZ-Künstlerratings führen Fischli/ Weiss und Pipilotti Rist die Liste an. Unter den Newcomern finden sich Entdeckungen wie der eigenwillige Konzeptkünstler Christoph Büchel.

Veröffentlicht 31.12.1999

Zugegeben, das Einteilen von Kunstwerken in Triple-A, AA+ oder AA– verrät ein erhebliches Mass an Profanität. Ein hoffnungsloser Banause mithin, wer die individuellen Ausprägungen zeitgenössischer Kunst in eine Rangliste zu pressen versucht? Überschäumende Kreativität, zur Zahlenreihe eingedampft und dargestellt in tabellarischer Form: Nein danke! Und trotzdem: Einen ebenso zuverlässigen wie stark beachteten Kompass für die öffentliche Wertschätzung der bekanntesten Schweizer Künstlerpersönlichkeiten und ihrer aktuellen Positionen bildet das auf den kommenden Seiten abgedruckte BILANZ-Künstlerrating allemal.

Um es vorwegzunehmen: Das Zürcher Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss, in unserem «Art-Beauty-Contest» seit jeher schon die Nummer eins, liess sich auch heuer nicht entthronen. Auf dem zweiten Platz folgt, ebenfalls wie gehabt, Helvetiens Video-Queen Pipilotti Rist, deren schauerlich-schöne Installationen gegenwärtig zu den mit Abstand gefragtesten Kunstexporten des Landes gehören. Bronze gewinnt der kaum weniger renommierte und international bereits vielfach ausgezeichnete Sprengstoffvirtuose aus St. Gallen, Roman Signer.

Zum achten Mal in Folge hat die BILANZ im Frühjahr 2000 bei schweizerischen Museumsdirektoren, Galeristen und freien Ausstellungsmachern eine Befragung nach den «50 wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern» durchgeführt. Was die Belegung der Spitzenränge angeht, fällt auf, wie stabil sich die aus den Antworten destillierte Rangliste im Zeitablauf verhält; klares Indiz für eine hohe Verlässlichkeit.

Nach Fischli/Weiss, Rist und Signer figurieren unter den Top-Ten der Genfer Szene-Tausendsassa und multifunktionale Kunstvermittler John Armleder, Thomas Hirschhorn, der mit seinen Installationen aus Karton, Plastik und Silberfolie für Verwirrung sorgt, Objektkünstlerin Sylvie Fleury, Glamourgirl und Aushängeschild der trendbewussten Fraktion der Szene, und der Installateur Ugo Rondinone, ein Mann mit Freude am Rollenspiel. Und schliesslich der Fotograf Beat Streuli, dessen grossformatige Menschenporträts schon beinahe den Status kunsthistorischer Werke geniessen. Sie alle – von Armleder bis Streuli – zieren hier zu Lande seit vielen Jahren den Olymp der Schöpfer von Gegenwartskunst.

Trotz der hohen Konstanz und Verlässlichkeit unserer Stichprobe haben wir uns bei der Besetzung des BILANZ-Sachverständigenrates bemüht, ihn im Vergleich zu früheren Umfragen noch breiter und repräsentativer abzustützen. Erstmals wurde die Jury zu diesem Zweck auf über 40 Personen aufgestockt (siehe «Die Jury: Rat der 41 Experten» auf Seite 188). Bei der Aufnahme neuer Mitglieder wurde darauf geachtet, dass erstens die Romandie mehr Stimmen erhält und dass zweitens das Gewicht der unabhängigen Kunstexperten, Kommentatoren und Ausstellungsmacher zu Lasten der rapportierenden Galerien tendenziell zunimmt.

Zwei hoffnungsvolle Nachwuchskünstler haben es im Jahr 2000 geschafft, quasi aus dem Stand in die Spitzengruppe der helvetischen Kunstelite vorzustossen: Die jungen Installations- und Videoschaffenden Olaf Breuning und Costa Vece – beide 1999 erstmals im BILANZ-Rating aufgetaucht – starteten ungewöhnlich schnell nach oben durch und belegen in diesem Jahr bereits die Spitzenplätze 9 und 11. Zu den Gewinnern im Topsegment gehören auch Hirschhorn (von Rang 7 auf Rang 5) und Rondinone (von Rang 10 auf Rang 7), während Silvia Bächli (von Rang 5 auf Rang 15) und Christoph Rütimann (von 12 auf 19) in der Wertschätzung durch unsere Jury merklich zurückfielen.

Insbesondere der 29-jährige Schaffhauser Neosurrealist Olaf Breuning, in unserer letztjährigen Umfrage bereits als Shooting Star gefeiert, verkörpert die aufstrebende Künstlergeneration perfekt. Ihre jungen, selbstverliebten Protagonisten halten wenig davon, sich dem Imperativ von Selbstvermarktung, Massenkommunikation und allgegenwärtiger Kommerzialisierungstendenz zu verweigern. Zumal ein solches Verhalten – zumindest in der Startphase jeder Künstlerkarriere – zu Beginn des dritten Millenniums an Selbstschädigung grenzt. Also bezieht man den kollektiven Tanz ums goldene Kalb am besten gleich an zentraler Stelle in sein persönliches Œuvre mit ein. Der gelernte Fotograf Olaf Breuning, dessen Installationen den Fetisch-Charakter unserer Konsumwelt eindringlich spiegeln, tuts mit durchschlagendem Erfolg.

Speziell erwähnenswert sind die Namen derjenigen Nachwuchstalente, die es anlässlich unserer aufdatierten Umfrage erstmals in die Top-50 geschafft haben. Es sind dies im laufenden Jahr insgesamt neun an der Zahl. Den grössten Sprung nach vorne (von null auf Rang 23) vollbrachte diesmal der Basler Konzeptkünstler Christoph Büchel (34), ein ideenreicher Kopf, der sich unter anderem auf die Rekonstruktion von physisch erfahrbaren Psychogrammen verlegt hat. An der Kunstmesse von Chicago vor zwei Jahren provozierte Büchel mit dem Einbau einer begehbaren «Wohnung einer fiktiven Person, die nichts wegwerfen kann».

Nicht minder beklemmend wirkt seine 1999 präsentierte Behausung eines mutmasslichen Chaoten, der tausenderlei Aktivitäten beginnt und keine davon zu Ende bringt: Angebissene Sandwiches und leer getrunkene Flaschen in einem ansatzweise frisch tapezierten Dachzimmer, hier ein liegen gebliebener Staubsauger, dort ein Packen eingeweichter Unterwäsche, ein angefangener Brief in der Schreibmaschine, Berge von Kippen und verbrauchten Teebeuteln, eingetrocknete Farbrollen und Spachtelmasse, flachgedrückte Kaugummis, zerfledderte Fotoalben, ein angeknabberter Schokohase, Kartonbehälter mit Kabelresten, Chilireste auf einem Campingkocher, angeschimmeltes Obst, ein ausgebauter Motorblock auf einem behelfsmässigen Tisch, Möbelpolitur und Kirschensaft unter dem Schrank und so weiter und so fort. Christoph Büchels Detailversessenheit trägt die Handschrift eines Obsessiven. Genau so authentisch, als wäre gleichsam er, der Impresario selbst, von zwanghafter Unordnung getrieben, arrangiert und reflektiert er das perfekte Chaos.

Wie schwierig es für einen kompromisslosen Kreativen sein kann, den Sprung von der alternativen Ecke hinein in die etablierte Kunstwelt zu schaffen, hat Büchel leidvoll erfahren müssen. Trotz diversen Ausstellungen an renommierter Adresse, trotz zahlreichen gewonnenen Auszeichnungen und Stipendien hat ihn seine Tätigkeit im Verlauf der letzten zwölf Jahre immer wieder an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Bis heute lebt der 34-Jährige, wie er selbst sagt, «von der Hand in den Mund». Bei einem Interpreten wie Büchel mag dies vor allem daran liegen, dass es sich bei seinen subversiven Grossinstallationen, mit denen er hier zu Lande auch schon die Kunsthalle von St. Gallen bespielen durfte, um extensive Materialschlachten handelt, gewissermassen das Gegenteil von wohnzimmerfähiger Kaufkunst. Wer möchte zu Hause schon ein gigantisches Labyrinth installieren, das ausser Schrott und angeschimmelten Nahrungsmitteln vornehmlich Mobiliar aus der Brockenstube enthält?

«Wenn man so arbeitet wie ich, bleibt die finanzielle Lage prekär», bestätigt der eigenwillige Konzeptkünstler. «Mit Glück bekommt man gerade mal seine Materialkosten erstattet.» An seinem Werk hätten bis dato vor allem die Fotografen und Grafiker verdient, die bei Ausstellungen die Gestaltung der Einladungskarten übernähmen, scherzt Büchel. In Anbetracht seines eindrücklichen Vorrückens in der Gunst unserer Experten dürfte sich das womöglich bald ändern.

Beachtlich ist auch der Vormarsch eines zweiten Nachwuchskünstlers aus der Nordwestschweiz: Lori Hersberger (von null auf Rang 27). Seit der gut vernetzte Basler auf Einladung von Star-Kurator Harald Szeemann an der Biennale in Venedig einen schwimmenden Teppich montieren durfte, scheint Hersbergers Fortkommen als Künstler gesichert.

Auf Platz 34 schaffte es Stefan Banz, ein autobiografisch veranlagter Fotograf, der seine Kamera vornehmlich benutzt, um die eigenen Kinder in absurd-alltäglichen Situationen auf Papier zu bannen. Nic Hess (Platz 39), Daniela Keiser (45), Sidney Stucki (47), Zilla Leutenegger (48), Emanuelle Antille (49) und Silvia Gertsch (50) heissen die übrigen sechs Newcomer in der Liste.

Erstmals haben wir die 41 Jurymitglieder in diesem Jahr gebeten, in einer gesonderten Aufstellung auch noch die Namen der ihrer Meinung nach hoffnungsvollsten, vom breiten Publikum noch zu entdeckenden Nachwuchskräfte des helvetischen Kunstbetriebs aufzulisten. Das Resultat dieser gezielten Talentsuche finden Sie in der Tabelle «Newcomer und Absteiger» auf Seite 187).

Im Verbund mit frischen Köpfen wie Chantal Michel, Nicolas Fernandez oder Yves Netzhammer taucht dort als «Hoffnungsträger der Kunstszene Schweiz» auch das Künstlerduo Sabina Lang und Daniel Baumann aus Burgdorf auf. Ähnlich wie der Hardcore-Konzeptionalist Christoph Büchel beschäftigt sich das Paar vornehmlich mit Wohn- und Lebensräumen, die zu Ausstellungsräumen mutieren und umgekehrt. Radikal inszenieren die beiden ihren eigenen Geschmack, der sich an Design und Mode der Sechziger- und Siebzigerjahre orientiert. Mit grossflächigen Sujets und Mustern, von denen eine Auswahl auf den vorhergehenden Seiten zu sehen ist, transformieren Lang/ Baumann ehrwürdige Bügerhäuser in plüschbewehrte Chill-out-Lounges und erwecken selbst die sterilsten Ausstellungshallen zu Oasen ihres bunt-geometrischen Spieltriebs.

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