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Kunst: Kehrseite des Booms

Börsenkurven sagen nicht alles über die «Emerging Markets». Die Fotokunst aus Indien und China gibt hingegen einen Einblick in die Zerrissenheit hinter den Kulissen.

Von Brigitte Ulmer
31.08.2007

Meist sind es Gesellschaften im Umbruch, die ihren Künstlern spannenden Stoff bieten. Die frühe Weimarer Republik – politisch und wirtschaftlich ein Chaos – war künstlerisch gesehen ein exzellenter Nährboden. Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen bot den deutschen Expressionisten Otto Dix und George Grosz jene wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen, aus denen sie ihre Überzeichnungen der inneren Zerrissenheit destillierten und aus denen heutige Auktionshäuser hohe Profite schlagen.

So gesehen ist es nicht nur eine Zuckung des hungrigen Kunstmarkts, dass China und Indien und auch Russland auf dem Radar der Kunstauguren stehen. Aus diesen Ländern kommt – neben Plagiaten – auch viel Bezwingendes und Verstörendes. Die Folgen des raschen wirtschaftlichen Aufschwungs und des Umbaus maroder Städte zu futuristischen Glastempel-Akkumulationen fräsen sich durch die kollektive Seele dieser Gesellschaften. Was Künstler hinter den Fassaden erblicken, ist seit geraumer Zeit in Ausstellungen von Lille bis London, Paris bis Brüssel, Turin bis Wien zu sehen und lockt in den Katalogen westlicher Auktionshäuser die Käufer. Auch die renommierten «Rencontres de la Photographie» im südfranzösischen Arles widmen der Fotokunst aus China und Indien ihre Sonderausstellungen.

Interessant ist, wie sich die Unterschiede zwischen den beiden Wirtschaftswunderländern in deren Fotokunst niederschlagen: hier der lange Zeit hermetisch geschlossene autoritäre Staat, dort die ehemalige Westkolonie und grösste Demokratie der Welt. Viel von der Entwurzelung und dem radikalen Individualisierungszwang in China ist in den Fotobildern des 51-jährigen Gao Zhen und seines sechs Jahre jüngeren Bruders Gao Qiang zu spüren. Als Gao Brothers machen sie mit ihren provokanten Inszenierungen von sich reden. Im grossformatigen Fototableau «Sense of Space» haben sie 14 nackte Chinesen in die engen Abteile eines hölzernen Büchergestells gepfercht, jeden mit einer Kerze in der Hand. Die mehrteilige Fotoserie vermittelt ein Gefühl davon, wie sich jeder Einzelne in die Box einpasst, die ihm das marktwirtschaftliche System zuweist. Für die Serie «Hug» lassen die Brüder wildfremde Menschen sich gegenseitig auf urbanen Plätzen umarmen – möglicherweise ein Versuch, der grassierenden Beziehungslosigkeit die Macht menschlicher Wärme entgegenzuhalten.

Ein drastisches Bild vom Verhältnis zwischen megalomanen Bauunternehmungen und Menschen vermittelt auch der Chinese Li Wei. Er liess drei Landsleute aus einem fast fertigen neuen Wolkenkratzer horizontal in die Luft ragen, während sich in der Tiefe die urbane Wüste mit Stadtautobahnen und gesichtslosen Bauten entfaltet. Deutlicher lässt sich kaum sagen, wie das Leben aus den Angeln gehoben wird, und man ahnt, dass sich jenseits der Erfolgsstories auch Bitterkeit und Angst breitmachen.

Im Gegenzug scheinen Fotokünstler aus Indien eher das Private zu erforschen; sie zeigen sich auch fest entschlossen, mit alten Klischees aufzuräumen. Die stereotypen Bilder von pittoresken Märkten, von spirituellen Waschungen im Ganges und hinduistischen Tempeln weichen Bildern der neuen Realität. Fotografien thematisieren den Fortschritt und seine Begleitmusik, die Tendenz der «Westoxication», der Verwestlichung.

Der 37-jährige, in New Delhi geborene Jeetin Sharma zeigt, wie die neue Prosperität auch die Konsumkultur westlichen Zuschnitts mit sich bringt, auf Kosten lokaler Traditionen. Seit 2005 dokumentiert er das Leben in seiner Kleinfamilie; seine Kinder posieren mit Spiderman-Masken vor der Kamera, oder man sieht sie mit «Power Ranger», aggressivem Spielzeug aus den USA, und zugleich mit einer Figur des fürsorglichen indischen Gottes Hanuman. Die intimen Ansichten zeigen den Lebensalltag im erstarkten indischen Mittelstand, der die traditionelle Spiritualität mit westlicher Konsumlust zu verbinden weiss.

Auch Anay Manns Fotoserie nimmt sich lieber der Veränderungen im häuslichen Umfeld an, als – wie seine chinesischen Kollegen – politische Statements abzugeben. Er inszeniert sich mit seiner Frau auf dem Designersofa und mit Apple-Laptop auf dem Bett, auf der Suche nach Bildern, die modernes indisches Beziehungsleben jenseits der Grossfamilie zeigen. Die Bilder räumen auch auf mit dem von der Moderne ausgeschlossenen Indien. Stadtwüsten, Bilder der pilzartig wachsenden Satelliten-Businessstadt Gurgaon bei New Delhi, die Symbole des beschleunigten Lebens, friert der 34-jährige Bharat Sikka mit der Kamera ein. Darunter ist auch das Foto
eines Schafhüters, der auf der Strasse Satelliten-TV schaut. Solche Bilder geben ein Echo darauf, wie es hinter den Börsenkurven der neuen Wirtschaftsmacht aussieht.


Rencontres de la Photographie, Arles, bis 16. September.

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