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Kunst: Die Bank als Kunstwerk

Banken und Versicherungen bauen auf Kunst als Imageträger. Die BSI in Lugano hat sich gleich in ein Gesamtkunstwerk verwandeln lassen.

Von Brigitte Ulmer
11.04.2006

Wer im vierten Stock der BSI, der ältesten Bank des Kantons Tessin, aus dem Lift tritt, wähnt sich in einem Kindergarten. Farbige Kreise rauschen an einem vorbei. Neben- und übereinander in satten Farben auf die Wände appliziert, dürften sie ihre gemütsaufhellende Wirkung bei Börsenbaissen entfalten. Die Kreise ziehen sich dann – in unregelmässigen Abständen und nur noch in dezentem, gebrochenem Weiss – dem weitläufigen Gang entlang.

Die Wandfreske des Genfer Künstlers John Armleder, die sich durch das ganze Stockwerk zieht, ist Teil des eigenwilligen Kunstprojekts, mit dem es die traditionsreiche Bank sogar bis ins britische «Art Newspaper» geschafft hat. Mit ihm hat die BSI letzten Herbst ihr neu renoviertes Gebäude an der Via Canova eingeweiht.

Die Kunst ist Teil einer grösseren Geschäftsstrategie. Seit zwei Jahren gestaltet der Kurator Luca Cerizza die Filialen der BSI. Vom Erdgeschoss bis unters Dach haben namhafte Künstler wie Daniel Buren, Liam Gillick und Robert Barry den Hauptsitz in Lugano in ein Kunstwerk verwandelt. Cutting-Edge-Künstler wie Olafur Eliasson, Ceal Floyer, Philippe Parreno, Simon Starling und Liam Gillick wurden eingeladen, Werke für die Bankräume anderer Filialen zu schaffen. Unter dem Thema «Maps and Legends» wird zurzeit die Filiale in Genf mit Kunst ausgestattet. Ausserdem beschäftigt die Kommunikationsabteilung eigens eine Kunsthistorikerin. Sie arbeitet mit dem Kurator zusammen, macht Kunstführungen für die Klientel und organisiert Atelierbesuche.

Ob UBS, Credit Suisse oder Bâloise: Oft akkumulieren Banken und Versicherungen mobiles Kunstgut von Blue-Chip-Künstlern oder widmen sich dem Sponsoring. Sie tun es im Namen von Imagebildung und Kundenbindung. Denn Kunst lässt sich mit eigener Exzellenz, Innovationskraft und Pioniergeist verbinden. Paradoxerweise gleicht sich die Kunst faktisch an, wo man sich durch sie doch differenzieren will.

Die Motivation der BSI für ihr Kunstengagement ist nicht anders, aber das Resultat hebt sich ab vom Grossteil der Konkurrenz. Die Kunst lässt sich bei der nächsten Fusion nicht einfach wegsperren. Herzstück ist kontextbezogene Kunst, «Site-specific Art», eine der wichtigsten Kunstströmungen seit den sechziger Jahren. Sie ist besonders bei jenen jungen Künstlern en vogue, die in die Zonen von Design und Architektur vordringen. Gemeint ist Kunst, die sich architektonisch und sozial direkt mit dem Ort auseinander setzt.

Fragt man den verantwortlichen Kurator Luca Cerizza, ob es Kunst gibt, die er als nicht bankentauglich erachte, antwortet er mit grosser Offenheit: «Natürlich haben Banken, wie jeder andere Auftraggeber, eine persönliche Agenda. Aber ich glaube nicht, dass diese Agenda restriktiver ist als jene anderer Institutionen.» Er versuche jedenfalls, die Grenzen permanent hinauszuschieben.

Kunst ausserhalb des Galerieraums, des «White Cube», auszustellen, ist dem Kurator nicht nur geläufig. Es ist sein Anliegen. Der 37-jährige, in Berlin lebende Mailänder Kunsthistoriker und -kritiker hat, bevor er vor zwei Jahren in die Dienste der BSI trat, nicht nur in Kunsthallen und Museen, sonder auch in einer Kirche und in seiner eigenen Wohnung Ausstellungen kuratiert. Er will, sagt er, die vermeintliche Unabhängigkeit der Kunst hinterfragen und setzt damit ein Fragezeichen hinter die modernistische Konvention, die das Kunstwerk als «autonom» betrachtet. Auswahlkriterium für die künstlerische Gestaltung der BSI war denn auch, dass die Künstler im Grenzgebiet zwischen Kunst, Dekoration, Design, und Architektur arbeiten.

Der Franzose Daniel Buren, einer der wichtigsten Protagonisten der Site-specific Art, hat das ganze Erdgeschoss der BSI mit schwarzweissen längsgestreiften Portalen bestückt, die auf einer Achse hintereinander gesetzt sind. Die Tore verströmen eine minimalistische Grandezza – angesichts des Umfelds ist das nicht ohne feine Ironie: Der Pfad führt direkt zu den Kassenschaltern und den Tresorfächern. Wandapplikationen aus Aluminium des Amerikaners Robert Barry erwarten den Besucher im dritten Stock: In allen Richtungen sind Wörter wie «purpose», «decide», «reason», «believe» auf den weissen Wänden verstreut und laden den coolen Raum mit mehrschichtigen Bedeutungen auf. Barry hat die Worte im Brainstorming mit den rund hundert Bankmitarbeitern gesammelt.

Ein Energieschub aus Farbe und Form geht durch den fünften Stock, wo die Gästerestaurants untergebracht sind. Hier hat der Brite Liam Gillick Gänge und Säle in rhythmische Farbkreise und geometrische Strukturen getaucht. Mit Gillick, einem der Topshots der aktuellen Kunstszene, hat Cerizza einen der prononciertesten Vertreter der jüngeren Künstlergeneration gewonnen, die sich für die Auflösung der Grenzen zwischen Architektur und Kunst einsetzen.

Dass die Installationen und Fresken so betont nicht expressiv, so cool und minimalistisch wirken, kann man als Kommentar zur nüchternen Umgebung und zum abstrakten Tätigkeitsgebiet der Bank auslegen. Sie schiebt sich präpotent in den Vordergrund, statt sich als Dekor zu begnügen; damit bringt sie Dynamik ins Feld. Und Dynamik ist gewiss nicht schlecht fürs Bankgeschäft. Der Kurator will allerdings nicht darauf verzichten, auf die utopische Qualität der Kunst zu verweisen. «Das Ziel von Künstlern ist es, ein kritisches Licht auf die Realität zu werfen.

Sogar in einem etablierten System sollten Künstler versuchen, einen Wandel zu beeinflussen.»

Dass hier eine Bank nicht mehr aussieht wie eine Bank, ist zumindest ein Wandel, der dem Kurator der BSI gelungen ist.

ArtTalk

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