Es ist eine angenehme Sache mit der modernen Technik: Ich, eigentlich Automuffel, seit zwei Jahren begeisterter Audi-Cabrio-Fahrer, weiss immer um den Gesundheitszustand meines fahrbaren Untersatzes. Neulich beispielsweise leuchtete bei jeder Betätigung des Zündschlüssels eine Meldung im Display auf: «Noch zehn Tage bis zum Service!» – «Noch neun Tage …» – «Noch acht …» Am Schluss brachte ich den Wagen pflichtbewusst zum Check-up. Mein A4 ist zwei Jahre alt, 44 Jahre jünger als ich. Der Unterschied zwischen der Blechkarosse und mir: Ich war noch nie im Leben bei einem Check-up. Warum auch? Ich fühle mich gesund, treibe regelmässig Sport – mindestens zweimal Tennis, zweimal Kraft- und Ausdauertraining in der Woche –, ernähre mich normal, trinke unregelmässig und mässig Alkohol, und selbst mein schlimmstes Laster, ein paar Zigaretten in Gesellschaft, scheint mir vertretbar, wenn ich vergleiche, wie um mich herum wacker geschmaucht wird. Also: Was soll da ein Check-up?

Das war meine Stimmungslage bis am 4. Februar 2005, 14.45 Uhr, meinem Termin im CheckupZentrum der Klinik Hirslanden im Zürcher Seefeld. Es empfängt Jeannette Wegmann, diplomierte Turn- und Sportlehrerin ETH, ausgebildet in Ernährungsberatung und zusammen mit drei weiteren Fachleuten zuständig für den Bereich Prävention. «Die meisten», sagt Jeannette Wegmann, «kommen zum Check-up, weil sie die Bestätigung wollen, dass alles okay ist, um dann weiterzuleben wie vorher.»

Ja dann, denke ich, ist das wohl nicht so wild mit dem Check-up, und begebe mich vertrauensvoll in die Hände der Hirslanden-Mediziner. Und diese erweisen sich als flink. In schnellem Tempo habe ich abzugeben: Urin-, Stuhl-, Blutprobe, in denen gewissermassen der wissenschaftlich eruierbare Code für den Gesundheitszustand verborgen liegt. Dann kommt der Computer ins Spiel. Die Lungenfunktion erscheint in verschiedenen grafischen Darstellungen auf dem Bildschirm: das maximal ausgeatmete Luftvolumen in Litern zum Beispiel oder der so genannte Peak-Flow, die maximale Stromstärke der ausgeatmeten Luft. Die Sauerstoffpumpe, reduziert auf ein paar Schaubilder. Immerhin ist das Resultat beruhigend: «Lungenfunktion normal.»

Dann nimmt der Computer meine Wirbelsäule ins Visier, in aufrechter und gebückter Haltung sowie unter leichter Haltearbeit. «Normale Doppel-S-Form in aufrechter Haltung», hält Wegmann fest, und auch unter Belastung erkennt der Computer nur normale Werte. In gebückter Haltung jedoch zaubert der Rechner diesen verdächtigen roten Punkt zwischen den zweiten und den dritten Lendenwirbel. Im Mediziner-Jargon: «Bei L 2/3 bei Flexion segmentaler Winkel zwölf Grad.» In den normalen Sprachgebrauch übersetzt, bedeutet dies ein erhöhtes Risiko eines Bandscheibenvorfalls. Was ist zu tun? «Sie müssen beim Bücken und Gewichte-Heben auf eine gerade, stabilisierende Rückenhaltung achten», sagt Wegmann, «und die Koordination der Rumpfmuskulatur verbessern sowie langes, statisches Sitzen vermeiden.» Hausaufgaben, die, so glaube ich, zu erfüllen sind.

Nächster Posten beim Gesundheits-Parcours ist das Ruhe-/Belastungs-EKG. Das bedeutet Fahrradstrampeln, während der Computer die Daten ausspuckt: Puls vor Belastung 62, Puls bei Höchstbelastung 172, Puls fünf Minuten nach Belastung unter 100 Schlägen. Die Blutdruckwerte vor, während und nach der Belastung sind normal. «Ihrem Herzen geht es gut», urteilt Check-up-Arzt Andreas Jent und schiebt nach, «soweit man das auf Grund dieser Untersuchungen sagen kann.» Fünfzig Prozent der für den Herzinfarkt verantwortlichen Durchblutungsstörungen am Herzen spüre der Patient nämlich nicht. Sie könnten durch ein Belastungs-EKG erkannt werden. «Aber», mahnt Andreas Jent, «dies ist erst erkennbar, wenn mehr als fünfzig Prozent einer Blutbahn am Herzen verstopft sind. Geringere Werte sind medizinisch nicht erkennbar.» Klingt beunruhigend.

Beruhigend sind dagegen die nackten Zahlenreihen der diversen Laboranalysen. Blutzucker, Nieren- und Leberfunktionen, Urinstatus: alles in bester Ordnung. Auch die verschiedenen Blutfette, die Cholesterine, befinden sich im grünen Bereich. «Die momentane leichte Erhöhung der Triglyceride», meint sanft der Arzt, «erfordert unter anderem eine Gewichtsreduktion.» Hoppla! Da also liegt der Hund begraben. Und auch das neudeutsche Fitnesszertifikat, der Body-Mass-Index (BMI), ist aus dem gleichen Grund leicht erhöht. Gnadenlos, diese Wissenschaft. Sie übersieht nichts, sie beschönigt nichts. Und es hilft auch nichts, dass ich noch nie in meinem ganzen Leben das Gefühl hatte, zu viele Pfunde mit mir rumzuschleppen. Nun denn, schauen wir dem verbesserungswürdigen Teil der Resultate des schriftlichen Hirslanden-Checks also unverblümt ins Auge: «Ich empfehle Ihnen eine allmähliche Gewichtsreduktion durch kalorienreduzierte, fettarme Ernährung und Fortsetzung von regelmässigem Bewegungstraining», schreibt der Arzt. Und Andreas Jent hat mir selbstverständlich auch eine Richtzahl mit auf den Heimweg gegeben. Die bleibt allerdings, mit Verlaub, mein kleines Geheimnis. Denn in spätestens zwei Jahren, beim nächsten Check-up, ist Kassensturz. Mal schauen, dass ich dann am gleichen Tag mein Cabrio in den Service bringen kann.

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