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Jäger und Sammler von Kurt W. Zimmermann: Britische Schlammschlacht

Was Männern grossen Spass macht und Frauen nie verstehen werden. Diesmal: Zum Abschluss unseres Breviers der Männersportarten nochmals ein paar anständige Schlücke Whisky bei Regen und Wind.

Von Kurt W. Zimmermann
05.12.2006

Normalerweise ist der «Times» jede Gefühlsregung fremd, wie sich dies in England geziemt. An diesem Novembertag im Jahr 2006 aber wird die «Times» von den Emotionen übermannt. Voller Pathos titelt das Blatt: «Tributes and tears flow as nation’s favourite slips away.»

Hommagen und Tränen fliessen. Einer der grössten Söhne der Nation ist tot. Desert Orchid ist im Alter von 27 Jahren gestorben.

Desert Orchid war ein Grauschimmel. Seine grösste Tat war sein Sieg 1989 im Gold Cup in Cheltenham. Es hatte tagelang geregnet, das Geläuf war knöcheltiefer Morast, und Desert Orchid hasste jeden Schritt. Während des Rennens fegte ein gewaltiger Schneesturm über die Rennbahn, doch der Grauschimmel siegte in einem epischen Kampf mit anderthalb Längen Vorsprung.

Nach seinem Rücktritt 1991 wurde zu seinen Ehren eine jährliche Parade durchgeführt. Die Queen besuchte das Pferd regelmässig in seinem Stall. An Weihnachten wird nun seine Asche in Kempton beigesetzt, die Urne kommt unter Desert Orchids lebensgrosse Statue.

Es ist klar, dass wir in unserem Brevier der Männersportarten nicht am klassischen Wintervergnügen vorbeikommen: Steeplechasing. Die britischen Hindernisrennen zwischen November und April sind für einen winterharten Mann Pflicht. Sie unterscheiden sich von normalen Pferderennen etwa so sehr wie die Ardennenschlacht von einer Frühlingsfahrt. Man ist draussen, es ist kalt, es ist nass, es ist schlammig, es ist windig.

Es ist so kalt, so nass, so schlammig und so windig, dass es auf den englischen Rennbahnen im Winter nicht einmal einen formalen Dresscode gibt. Das will in Britannien etwas heissen. Man geht also in Hemd, Krawatte und Pullover, Flanellhosen und darüber ein Tweedjackett, darum herum eine frisch gewachste Schicht von Barbours, auf dem Kopf den dunkelbraunen Racing Hat.

Als Erstes geht man in die Bar. Die Bar ist klein, aber in der Bar stehen schon ein paar Dutzend Kollegen in Hemd, Krawatte, Pullover, Flanellhosen, Tweedjackett, Barbours und dunkelbraunem Racing Hat. Man ist am Aufwärmen. Es ist kalt draussen. Drinnen in der Bar ist es tropisch feuchtwarm. Die Fenster beschlagen sich. Der Geruch nach Whisky ist durchdringend. Die Nasen sind vom Temperaturunterschied rosarot. Sechs bis sieben Rennen gibt es pro Nachmittag. Es sind Rennen mit den härtesten Pferden dieses Planeten. Sie sind gezüchtet in der kavalleristischen Tradition des Empires. Ausdauernd müssen sie sein, um über die drei Meilen und mehr zu kommen, unbeugsam und furchtlos angesichts der gewaltigen Hecken und Hindernisse, die sie im geschlossenen Feld überspringen müssen. Man könnte auch sagen: Allzu intelligent sollten britische Steeplechasers nicht sein.

Nach jedem Rennen draussen in Kälte und Wind kehrt man zurück in die tropisch feuchtwarme Bar. Man muss aufwärmen. Selbst die Spiegel in der Bar beginnen sich nun zu beschlagen. Noch ein Whisky. Die Nasen verfärben sich wegen des Temperaturunterschieds von Rosarot zu Rot.

Hindernisrennen gibt es in Englands Winter jeden Tag, meist auf drei bis vier unterschiedlichen Bahnen. Es gibt Männer, die im Winter allerdings arbeiten müssen. Das ist zwar ungesund, aber manchmal unvermeidlich. Wir empfehlen hier deshalb nur jene zwei Ereignisse, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Mitte März steigt im Westen Englands für vier Tage das Cheltenham Festival, dort, wo Desert Orchid gewann. Mitte April folgt für drei Tage das Grand National Meeting in Aintree bei Liverpool.

Cheltenham und Aintree sind auch deshalb so unvergleichlich, weil dann die Iren zu Tausenden herüberkommen, um ihre besten Pferde gegen die besten Chasers Englands antreten zu sehen. Die Iren unterscheiden sich von den Engländern in zwei Punkten: Sie sind doppelt so pferdeverrückt, und sie trinken dreimal so viel Whisky. Wenn die Iren die Bar der Rennbahn entern, dann beschlagen sich die Fenster und die Spiegel innert Sekunden.

O.k. Das war die letzte Kolumne in unserem Brevier der Männersportarten. Es hat uns durch Eisrinnen und Wüsten, durch Fussballstadien und Stierkampfarenen, durch Pokerräume und Schiffskajüten geführt. Wir enden, wie es sich gehört, in einer Bar.

Ich bin bloss ein Kolumnist. Wäre ich ein Pferd, dann würde man zum Abschied sagen: Tributes and tears flow as nation’s favourite slips away.

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