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Hotel-Rating 2009: Flucht in Traumwelten

Hotelrating 2009

Schwierige Zeiten können sich positiv auf die Qualität ­aus­wirken: Das 13. Hotel-Rating der BILANZ zeigt, welche Hotels in der Schweiz und auf der Welt den besten Gegenwert bieten.

Von Claus Schweitzer
25.09.2009

Das Gute an der Krise ist, dass die Abneigung gegen falschen Luxus wächst und das Bewusstsein für wirkliche Qualität und individuelle Gastlichkeit zunimmt», sagt François Dussart, Hoteldirektor im Beau-Rivage Palace in Lausanne. Die Menschen interessiert ­heute nicht mehr das absolut Verrückte und Extravagante, sondern das möglichst Authentische, das perfekt gemacht ist.

Dussart versteht es wie kein anderer, das Grandhotel-Feeling in die heutige Zeit zu übersetzen, weshalb das «Beau-Rivage ­Palace» im Gesamtbild und in der Summe aller Kriterien die besten Noten unter den Schweizer Stadthotels verdient (siehe «So wurde bewertet» auf Seite 105). Betritt man den Hotelpalast, wird man zunächst in eine elegantere Ära im Stil des grossen Gatsby zurückversetzt, mit einer gross­zügigen ­Atmosphäre und liebenswürdigen Dingen wie frischen Blumen in jedem Raum. Doch man merkt schnell, dass der Luxus nicht zur Schau gestellt, sondern ­unaufdringlich in Form von dezentem ­Service, kontinuierlicher Detailpflege und subtilen architektonischen Erneuerungen spürbar gemacht wird. Für das zeitgemässe Flair inmitten des Belle-Epoque-Zaubers hat sich Dussart wahre Könner ins Boot geholt. Den Pariser Spa-Berater Jean-Louis Poiroux etwa. Er sorgt dafür, dass im Cinq Mondes Spa die besten Therapeuten der Westschweiz arbeiten. Im neuen Gourmetlokal ASP/BRP verhalf die südfranzösische Dreisterneköchin Anne-Sophie Pic dem Hotel mit mediterranen Menus von verblüffender Schlichtheit zu einem kulinarischen Quantensprung. Nur die Zimmer sind (noch) nicht auf Weltniveau.

Uneingeschränkt empfehlenswert sind die Zimmer dagegen im zweitplatzierten Fairmont Le Montreux Palace. Bei der soeben abgeschlossenen Umgestaltung des Grandhotels wurde die Réception ins Erdgeschoss verlegt und die Brasserie ­totalerneuert. Dass man sich bestens aufgehoben fühlt, liegt auch an der guten Schulung der Hotelcrew. «In Krisenzeiten haben die Gäste erst recht hohe Ansprüche und verlangen eine Topleistung für ihr Geld», sagt Hoteldirektor Michael Smithuis. Wer jedoch ein Gourmetrestaurant sucht, wird enttäuscht sein.

Die Genferseeregion bleibt mit zehn Häusern in den Top 25 tonangebend, doch Zürich holt auf: The Dolder Grand (3), das Baur au Lac (5) und das Park ­Hyatt (7) gewannen jeweils einen Rang, das Widder (11) und das Savoy Baur en Ville (14) je drei Ränge.

Die Coolness des «Dolder Grand» macht Kleingeister leicht neidisch. Anderthalb Jahre nach der Eröffnung begeistert die Küche im feinen «The Restaurant» ­genauso wie bei grossen Banketten. Die Zimmer und das Spa sind schlicht grand. Doch die sehr unbefriedigende Belegung (je nach Rechnungsart 20 bis 40 Prozent) hat Auswirkungen auf die Stimmung der Gäste und die Motivation der Mitarbeiter. Global tätige Hotelentwickler sehen das Belegungsproblem beim Basiskonzept: Der Gesamtauftritt positioniert das «Dolder» klar als Businesshotel statt als Ferienresort, wie es der Genius Loci nahelegen würde. Im Genfer City-Resort La Réserve (6) ist die Symbiose hingegen geglückt, hier halten sich Geschäfts- und Feriengäste die Waage und geht ganz Genf ein und aus.

Die Umsätze vieler Stadthotels sind im Vergleich zum Vorjahr um 10 bis 25 Prozent eingebrochen, besonders betroffen sind Häuser wie das Victoria-Jungfrau (4) und das Palace Luzern (17), die stark vom ­Tagungsgeschäft abhängen. Jene Stadt­hotels, die in den letzten Jahren verstärkt auf Individualreisende gesetzt haben, etwa das «Baur au Lac» oder Les Trois Rois (9) in Basel, sind weniger angeschlagen. Auch qualitätsbewusste Viersterne-Stadthotels wie das Angleterre & Résidence (15) in Lausanne und das Montana (16) in Luzern zeigen sich relativ krisen­resistent.

Kaum Einbussen verzeichnen diejenigen Ferienhotels, die auf erschwinglichen Luxus setzen. Sie profitieren vom Tourismustrend, näher, kürzer, öfter und preissensitiver zu reisen. In Zeiten des bodenständigen ­Lebenswandels und der engeren Gürtel sehnen sich die Menschen nach ­Sicherheit – auch in den Ferien. Das Castello del Sole in Ascona, das erstmals die BILANZ-Liste der einheimischen Ferienhotels anführt, entspricht dem Bedürfnis nach Geborgenheit, Understatement und gutem Gegenwert allerbestens. Die weitläufige Anlage, die während der Wirtschaftswunderzeit für manche Trendsetter zu wenig Glamour und zu viel Swissness ausstrahlte, hat alles, was man sich von einem Ferienhotel nur wünschen kann, in dieser Vielfalt aber selbst europaweit nicht oft findet. Wenn man im «Castello del Sole» etwas kritisieren will, dann Kleinigkeiten.

Die ­Innenarchitektur ist teilweise grenzwertig, etwa in der grossmutterhaften Wohnlobby. Die Halbpensions­menus sind recht, haben jedoch nicht das Niveau vergleichbarer Ferienresorts. Aber das kann den Appetit nicht verderben. Einmal angekommen, will man gar nicht mehr weg, und mit ­jedem Tag spürt man deutlicher: Der Überfluss an Grösse und Weite bringt ein überwältigendes Raumgefühl, man wird Teil der Traumlandschaft. Und egal, wie schlecht die Zeiten sind: Das Hotel erfreut sich einer Belegung von über 85 Prozent, stabiler Zimmerraten und einer souveränen Kontinuität des Personals. Während in den Nobelabsteigen des oberen Glamoursegments die Alarmglocken schrillen, hat das zurückhaltend feine, auf authentische Erlebnisse angelegte «Castello del Sole» das Leistungsangebot erweitert.

Auch der Lenkerhof (8), das Waldhaus Flims Mountain Resort (13) und das Kulm Arosa (24) zeigen Potenzial in der Krise, weil sie bei aller Fünfsternevielfalt maximale Erholung zu vernünftigen Preisen bieten. Das Park Hotel Weggis (4) ist darüber hinaus seit Jahren der Schrittmacher einer ganzen Ferienregion, die langsam, aber kontinuierlich im Aufwind ist.

Die Massstäbe in den Alpen setzt weiterhin das Gstaad Palace (2), das stark vom Engagement der Besitzerfamilie Scherz lebt. Das Riffelalp Resort (3) setzt erfolgreich auf Authentizität statt Künstlichkeit, auf sanften statt betonharten Tourismus. Auch ganz oben auf der Landkarte der Global Traveller ist die Omnia Mountain Lodge (12) in Zermatt. Die unaufgeregte Innenarchitektur aus natürlichen Materialien und die atmosphärische Gelassenheit verleihen dem Hotel die Coolness eines Miles-Davis-Songs.

Protzhotels, in denen Masslosigkeit das Mass aller Dinge ist, wirken heute so stumpf wie die Kultur des Verschwendens. Selbst wohlhabende Reisende suchen traditionelle Schweizer Tugenden wie Bodenhaftung und Qualitätsbewusstsein – und finden diese im Suvretta House (5), das erstmals die St.  Moritzer Luxushotels anführt.

Total out: die unlängst noch boomen­den, meist mit viel Traritrara auftretenden Butler im Hotel. So hat man im Grand Resort Bad Ragaz (10) oder im Badrutt’s ­Palace (15) in St.  Moritz oftmals den Eindruck, dass sich die Butler irgendwie beschäftigen müssen – und damit dem Gast mehr im Weg sind als von zusätzlichem Nutzen.

Bedenkenswert: Hinter allen topgesetzten Ferienhotels – das «Gstaad Palace» ausgenommen – stecken finanzstarke Mäzene. Kann ein familiengeführtes Hotel gleichwohl konkurrenzfähig bleiben? Ja. Insbesondere das Waldhaus in Sils (19), das Victoria (22) hoch über dem Genfersee, das Parkhotel Bellevue (23) in Adelboden und das Mirabeau Hotel & Residence (25) in Zermatt beweisen, wie viel Stil, Service und Qualität bei moderaten Zimmerpreisen möglich sind. In der Kategorie der Drei­sterne- und Unique-Hotels gelingt dies dem Cœur des Alpes in Zermatt unver­ändert am besten, was viel mit Gastgeberin Leni Müller-Julen zu tun hat, die so manches mit vordergründiger Nonchalance anpackt und mit hintergründiger Arbeit und Passion vollendet.

Während in den letzten Jahren vor allem spektakuläre Grosshotels die Ratings der weltbesten Stadthotels anführten, schlägt heute mancherorts der David den Goliath. Lieber individuell, stimmig und warmherzig statt spektakulär, modisch und unpersönlich.

Unangestrengter Luxus und souveräne Gastlichkeit sind sehr schwer in die ­Realität umzusetzen, doch den kleinen, feinen Stadthotels One Aldwych (3) in London, The Greenwich Hotel (4) in New York sowie dem Aman at Summer Palace in Peking (6) gelingt dies so gut, dass sie sich problemlos gegen die mörderische Hotelkonkurrenz vor Ort behaupten können. Insbesondere das vom Schauspieler Robert De Niro konzipierte «Greenwich Hotel» im New Yorker Stadtteil Tribeca bietet genau das entspannte Lebensgefühl, das heimatlose Manager heute zum Leben brauchen. Das Hotel ist extrem smart und zugleich so altmodisch wie ein Füllfederhalter. Über allem schwebt ein Hauch von Subversivität, dennoch ist es hier in höchstem Masse gemütlich.

Auch die Luxushotelgruppen setzen vermehrt auf überschaubare Strukturen. Das im Juni 2008 eröffnete Four Seasons Hotel Firenze, das den Sprung auf den ersten Platz geschafft hat, ist mit 116 Zimmern verhältnismässig bescheiden angelegt, bietet dafür jede Menge Platz inmitten der City und hat den mit 4,5 Hektar Fläche grössten privaten Garten der Stadt. Man fühlt sich wie auf einem eleganten toskanischen Landgut und weiss die Museen und Trattorien um die Ecke.

In Europa ist Istanbul die aufstrebende City-Destination. New York bleibt der Catwalk der modernen Hotelwelt. Sowohl die Konzerne als auch ungezählte unabhängige Häuser rivalisieren auf ihm wie ­eifersüchtige Models. Man kämpft mit den besten Küchenchefs, den tollsten Interior-Designern, den schönsten Begrüssungs­damen um Gäste. Doch weder das Design noch die Jagd nach Superlativen seien die Felder, auf denen New Yorks Hotels in Zukunft um die Krone fechten würden, sagt André Balazs, Besitzer des trendsetzenden Mercer (10) und des soeben eröffneten Standard in New York. Den Unterschied mache vielmehr die Kreativität des Service aus. Nur sie könne unverwechselbare Merk­male schaffen. Balazs weiss, dass er damit die Achillesferse der weltweiten Hotellerie trifft: den Mangel an Personal, das einen solchen Service garantieren kann.

Das Servicekonzept im südenglischen Whatley Manor lautet: Antiservice. Das weltbeste Ferienhotel ist der Ort, wo man diese subtile, schwer definierbare Qualität exemplarisch geniessen kann. Mit Antiservice sind nicht unfreundliche Portiers gemeint, die dem Gast signalisieren: Trage deinen blöden Koffer ruhig selbst. Antiservice bedeutet für die Mitarbeiter, selbständig und situationsabhängig herauszuspüren, wann man den überaufmerksamen Service zurücknimmt und den Gast besser allein lässt.

Das Haus bietet zudem etwas, das fast alle Boutique-Hotels zu bieten vorgeben, aber selten wirklich erreichen: Hier abzusteigen ist, wie wenn man in einem exklusiven privaten Anwesen wohnt, dabei jedoch über die Ausstattung eines Luxushotels verfügt – ­etwa über zwei Restaurants. Das eine ist mit zwei «Michelin»-Sternen ausgezeichnet, aber dennoch so «low key», dass sich auch jüngere Grossstadtmenschen zu ­Hause fühlen. Der Garten zählt zu den schönsten der Welt und lässt dem Gast fühlbare Freiräume für seine eigenen Vorstellungen. Hier darfst du sein, wie du bist, sagt dieses Hotel. Alles ist möglich, wenn es passt. ­Etwa ein Picknick in einem abgelegenen Teil des Gartens oder die private Benützung des Spa spätabends. Das Personal passt sich an – Improvisation zugunsten des Gastes macht hier keinen nervös.

Während führende Hotelgruppen wie Four Seasons, One & Only und Orient Express vor allem Bestehendes interpretieren und vermehrt mit ökologisch nachhaltigen Konzepten brillieren, gelingt es einzelnen unabhängigen Hotels immer wieder, die Grenzen des Bekannten zu verschieben und Hotelfans aus aller Welt an den entlegensten Orten in fein dosierte Aufregung zu versetzen. In der Southern Ocean Lodge (3) im südlichen Australien, auf Schloss Elmau (12) in den bayrischen Alpen und im Tauana (21) im brasilianischen Bahia ist der Gast hautnah in wilder Natur und zugleich von inspiriertem Zen-Luxus umgeben. Nichts wirkt in diesen Hotels wie von der Marketingabteilung entworfen, ganz im Gegenteil: Über allem schwebt ein Hauch von Abenteuer.

Den einen, wahren Stil, an dem sich die ganze Hotelwelt orientiert, gibt es ohnehin nicht mehr. So bieten die Top-Ferienhotels in den globalen BILANZ-Charts sehr unterschiedliche ­Interpretationen davon, was Luxus heute sein kann. Allen Häusern gelingt es, innerhalb ihrer Mauern eine eigene Welt mit unvergleichlichem Flair und lokalem ­Lebensgefühl zu schaffen, sei es mit dem Service-Fokus des Four Seasons Resort Koh Samui (2), dem während hundert Jahren gewachsenen Grandhotel-Charme des Splendido Portofino (4), dem Green Chic des Soneva Fushi (9) oder dem aussergewöhnlichen Erlebniswert der Safari-Lodge Londolozi (14). Das ist nicht selbstverständlich, denn bei allen Annehmlichkeiten erinnern heute selbst scharfsinnig arrangierte Lifestyle-Resorts wie das Amanpuri (7) auf Phuket, das One & Only Reethi Rah (22) auf den Malediven oder das Budersand Golf & Spa (24) auf Sylt daran, dass auch sehr exklusiver Luxus ein Massengeschäft geworden ist und somit der Gefahr unterliegt, austauschbar zu werden.

In einem hart umkämpften Markt seine eigene Profilierung zu finden und mit ­immateriellen Werten oder innovativen Konzepten Emotionen zu wecken, ist die grosse Herausforderung. Die Karten mögen weltweit neu gemischt werden, doch eines bleibt in der Luxushotellerie gleich: Sie verkauft noch immer Träume.

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