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Horgenglarus: Heimlicher Mythos

Die meisten Schweizer sassen schon einmal auf Horgenglarus, und im Bundeshaus hocken die Parlamentarier seit über 100 Jahren ihre Session auf diesen Stühlen ab. In aller Stille schreinern die Glarner Stühle und Tische für eine kleine Ewigkeit.

Von Ignaz Miller
22.10.2010

Die Kundenliste hat ebenso grosses Format wie die Liste der Gestalter und überhaupt die Geschichte des 1880 gegründeten Hauses. Da grenzt es schon fast an Snobismus, nach 130 Jahren noch immer keinen grossen Wert darauf zu legen, ­bekannt zu sein. Doch sagen wir einmal, es sei Nonchalance. Horgenglarus kann damit leben. Wer 1931 die Zürcher «Kronenhalle» möblieren durfte und bis heute einen gleichnamigen Stuhl in der Kollektion führt, wer 1902 das neue Bundeshaus ausgerüstet hat und 100 Jahre später eingeladen wurde, diese Stühle zu restaurieren und zu ergänzen, darf sich schon etwas anders fühlen als alle anderen. Als Vertreter einer Kultmarke. Die Firma ist der letzte Überlebende unter den Bundeshauslieferanten von 1902, gibt sich aber keine Mühe zu signalisieren, dass es sie gibt. Bis auf ein paar Architekten hat fast niemand eine Vorstellung von den Glarner Tischlern. Die Kunden fragen sich allenfalls zu Horgenglarus durch, wenn sie von der Haltbarkeit ihres Mobiliars enttäuscht sind und echte Qualität suchen.

Horgenglarus versteht es, bei Materialwahl, Verarbeitung, Form und dauerhafter Beständigkeit ihrer Produkte eine beispiellos hohe Qualität zu erreichen. Was einmal Aufnahme in die Horgenglarus-Kollektion gefunden hat, bleibt nachgefragt. Eine echte Klassikersammlung. Das gilt für Werner Max Mosers Kaffeehausstuhl mit der gebogenen Lehne und dem Jonc-Geflecht von 1931 wie für die ­ansehnliche Kollektion, die sein Kollege Max Ernst Haefeli entworfen hat, und ebenso für die Schöpfungen des Ehepaars Haussmann oder von Hannes Wettstein. Max Bill und Hans Bellmann steuerten weitere bleibende Designs bei. Das älteste Modell, das heute noch produziert wird, stammt aus dem Jahr 1918.

Zeitlose Perspektive. Die Lang­lebigkeit der Glarner Stühle ist das Ergebnis von bedachter Formsuche und untadeliger Umsetzung. Horgenglarus hatte nie den Ehrgeiz, sich bei Schnäppchenjägern anzubiedern. Mit dem Angebot eines Mobiliars, das in einwandfreiem Zustand von Generation zu Generation vererbt wird, stellt die Manufaktur vielmehr eine klare Alternative dar. Bei Bedarf kann Horgenglarus jederzeit ergänzen – mit einer kurzen Lieferfrist von derzeit fünf ­Wochen. Und auch restaurieren – wie jüngst die Stühle aus dem Zürcher Zunfthaus zur Zimmerleuten nach dem Grossbrand. Insofern zeichnet sich die Alternative zu populären Wegwerfprodukten durch eine zeitlose Perspektive aus.

Wichtigste Abnehmer von Horgenglarus sind Behörden (Bundeshaus, National­bibliothek), Schulen (Kantonsschule Stadelhofen), Kunsthäuser, Theater und Opernhäuser (Basel, Bern, Berlin, La Chaux-de-Fonds, Wien, Zürich), Firmen wie Julius Bär, Hoffmann-La Roche und Novartis und vor allem gastronomische Betriebe (Hotel Widder in Zürich, Suvretta House in St.  Moritz und Dominus Winery im Napa Valley). Zu den Kunden zählt auch ein Restaurant in Zug, dessen Patron aufgeregt anrief, da er dringend ­einen Satz Stühle brauchte. Ein Regierungsrat war eingekehrt. Mit verheerendem Ergebnis. Fast hätte ihm der Stuhl, auf dem er sass, eine ernsthafte Verletzung zugefügt. Der Schreck fuhr dem Restaurateur in die Glieder, sodass er ­umgehend in Glarus Qualität bestellte.

Weg aus der Krise. Horgenglarus erwirtschaft 60 Prozent des Umsatzes im Objektgeschäft, also im Geschäft mit Grossabnehmern. Gesamtschweizerisch liegt der Anteil der Objektbranche bei 20 Prozent. Bis vor kurzem hatte die Firma nicht einmal einen Vertriebsfachmann, der den Schweizer Möbelhandel pflegte. ­Immerhin ein Markt mit einer Grösse von 3,2 Milliarden Franken. Und das Auslandsgeschäft steuert der Zufall. Mit einem Umsatzanteil von sechs Prozent ist es minim.

Ein Besuch der Manufaktur führt in ­eine andere Welt. Der 1880 in Horgen ­gegründete Betrieb produziert seit über 100 Jahren in Glarus in den Sälen einer noch älteren Textilfabrik, die der ersten Krise in ihrem Gewerbe zum Opfer gefallen war. Nachdem Horgenglarus in den 1990ern ins Schlingern geraten war, sprang vor elf Jahren Markus Landolt (49) mit Investitionen ein. Der vorgängige ­Besitzer hatte sich mit Liegenschaften verspekuliert und in der Not dem Betrieb Liquidität entzogen. Am Ende hatte er nicht einmal mehr die Pensionskasseneinlagen für die Mitarbeiter bezahlen können. Landolt stabilisierte die Firma. Erste Priorität hatte der Savoir-faire-Transfer von den bewährten Kräften zum Nachwuchs.

Die zweite Priorität hatten Ersatzinvestitionen. Zusätzlich zu den hundertjährigen Dampfbiegeöfen beschaffte er neue Öfen. Und er führte im Werkzeugpark der Schreiner drei grosse Maschinen mit numerischer Steuerung ein. Der rationalisierende ­Effekt ist unübersehbar, wenn man sich die riesige Schablonensammlung an den Wänden der Horgenglarus-Kollektion ansieht. Was dort hängt, programmieren die Maschinen nun nach und nach.

Zugleich machte sich Landolt Gedanken darüber, wie zeitgerecht die Kollektion sei, und beauftragte grosse Namen: Hannes Wettstein sowie das Ehepaar Robert und Trix Haussmann. Landolt stiess aber auch auf neue Gestalter, etwa Regula Harder, Stefan Meile und Jürg Spreyermann.

Die Gestaltung ist aber nur ein Wesenselement der Manufaktur. Die Qualität fängt bei Horgenglarus damit an, dass die Firma ihre Hölzer seit über 90 Jahren aus dem Jura bezieht. Buche, Esche, Eiche, Ahorn, Kirsch- und Nussbaum wachsen unter den strengen Bedingungen des rauen Juras mit seiner kalkhaltigen Erde langsamer. Dafür geben sie das härtere Holz ab. Ein hartes Holz wiederum verschlägt nicht so schnell. Es verzeiht auch einmal unachtsamen Umgang, auf den ­jeder Beizer gefasst sein muss.

Die Qualität setzt sich fort bei der Konstruktion. Horgenglarus beherrscht seit über 100 Jahren die Holzbiegetechnik. Sie verbindet höhere konstruktive Festigkeit mit einer klassischen Ästhetik. Die Stuhlrahmen werden ebenso wie die Lehnen gebogen – und nicht gesägt. Das ist wesentlicher als James Bonds Insistieren, dass der Cocktail gerührt und nicht geschüttelt sein müsse.

Handwerkliche Exzellenz. Auf Qualität achtet Landolt selbst bei so einfachen Ausgangsprodukten wie dem Bast für das Jonc-Geflecht. Horgenglarus vertraut die Flechtarbeit den geduldig und sorgsam arbeitenden Kräften der Flechtwerkstatt Männedorf am Zürichsee an. Landolt, der nüchterne Rechner, der er auch ist, begründet das so: «Handgeflochten ist es besser ­proportioniert als mit der Maschine.»

Handwerkliche Exzellenz dominiert auch beim Feinschleifen der Oberflächen. Und in der Montage, wenn Beine, Lehne und Rahmen mit der Sitzfläche sorgsam verzapft und im letzten Arbeitsgang die Beine auf identisches Mass gepasst werden. So ergibt es sich, dass die 36 Säger, Schreiner, Tischler, Sattler, Polsterer, ­Innendekorateure und Lackierer pro Tag nicht mehr als 80 Stühle fertigen. Im Jahr sind es 18 000 Exemplare. Dazu kommen noch ein paar hundert Tischplatten mit dem massiven Blatt, für das Horgenglarus ebenso bekannt ist wie für die guss­eisernen Füsse, die heute die Giesserei Chur im Auftrag der Glarner fertigt.

Beizen und Lackieren, alternativ auch Ölen oder Seifen heissen die finalen Sta­tionen der Herstellung. Lackiert wird – nach Grundieren und Beizen – dreimal, dazwischen schleift eine geübte Hand mit einem hochfeinkörnigen Papier. Alles ­andere wäre ja keine Mühe – und somit nicht Horgenglarus.

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