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Hier fährt der Chef: Renner mit Rücksitzen

Mit dem Quattroporte stellt Maserati den Modellen der deutschen und britischen Luxusklasse eine Alternative mit eigenwilligem Charakter entgegen.

Von Beat Imwinkelried
17.01.2006

Es war Liebe auf den ersten Blick. Diese ist in der Kunst ebenso geheimnisvoll wie im sonstigen Leben. Genau genommen handelt es sich nicht um den ersten Blick, denn das Gesehene war ja schon vorher da. Es ist eher eine Offenbarung als eine Entdeckung. Ähnliches geschieht beim erstmaligen Anblick des Maserati Quattroporte. Steht man vor dem über fünf Meter langen Viertürer mit seiner markanten Frontgestaltung, seinen drei groben Kiemen auf der Seite, ist der erste Eindruck prägend. Die Linienführung ist eine Verneigung vor dem italienischen Altmeister Pininfarina. Das Auto gefällt sowohl den jungen Frauen als auch den etwas reiferen Damen («mein Traumauto», sagte die Mutter eines Bekannten, als ich am Freitagabend vorfuhr). Das Auto hat, was vielen heute fehlt: Charakter.

Auch das Interieur folgt diesem Anspruch. Die eindrucksvolle Villa Medici war ursprünglich für Kardinal Giovanni Ricci ein Ort der Inspiration. Wenn man sich im Innern des Quattroporte niederlässt, überkommt einen das Gefühl, dass die Maserati-Designer ihr Studio in der Villa Medici gehabt haben müssen, als sie dieses Auto skizzierten. Angetan ist man von den edlen Hölzern und Lederbezügen und Details wie dem Design der Uhr: kostbar und prunkvoll, aber dennoch leicht, luftig und fliessend. Quattroporte, du bist der Mozart unter den Luxuslimousinen. Du hast nicht diese Schwere des BMW 7ers oder der S-Klasse.

Doch was schön ist, ist nicht immer praktisch. Mein Partner bei AIL Structured Finance tat sich beispielsweise schwer, mit seiner (zugegebenermassen überdurchschnittlichen) Körpergrösse von 1,97 Metern zwischen Nyon und Zürich eine bequeme Sitzposition zu finden. Da halfen auch die elektrisch verstellbaren Sitze mit Massagefunktion in der Komfort-Ausstattung nicht weiter. Es scheint, als sei diese Körpergrösse in Italien nicht vorgesehen.

Es gibt auch sonst Punkte, die besser gelöst werden könnten. Das so genannte robotisierte 6-Gang-Getriebe dürfte dabei der Knackpunkt sein. Entweder man liebt es, oder man gibt vermutlich den Wagen bald zurück. Ruckfreies Anfahren und komfortable Gangwechsel setzen einen geübten Gasfuss voraus – meiner scheint definitiv zu ungeübt zu sein. Auf jeden Fall habe ich in den wenigen Tagen nie ein butterweiches Schalten hingekriegt. Deshalb habe ich öfters auf die manuelle Schaltung mit den fest an der Lenksäule stehenden Schaltwippen gewechselt. Damit macht das Fahren richtig Spass – die sportlicheren Naturen werden ihre Freude haben.

Für den Vielfahrer stellt sich allerdings die Frage, ob letztlich dem sportlichen Fahrspass oder dem Komfort, der bei einer 150 000-Franken-Limousine auch im Automatik-Modus geboten werden muss, eine höhere Priorität einzuräumen ist. Bei aller Liebe zum italienischen Design ist doch zu sagen, dass der Kofferraum für dieses Fahrzeugsegment zu klein geraten ist. Er reicht kaum fürs lange Wochenende in der Villa Feltrinelli am Gardasee. Auch bei der Verarbeitung im Interieur gibt es kleine Mängel zu bemerken, die nicht tragisch sind, aber in dieser Preisklasse nicht vorkommen sollten: Der Schieber bei der rechten Innenbelüftung wackelt, die Drehgriffe beim Navigationssystem haben zu viel Spiel.

Die eingangs erwähnte Liebe flammt aber auf, sobald der Zündschlüssel gedreht wird, um den 4,2-Liter-V8-Motor zum Leben zu erwecken. Nur schon der Sound beim Betätigen des Gaspedals im Stillstand lässt die Liebe zur Leidenschaft werden. Als ich den Maserati im Sportmodus auf den Gempen jagte und dabei der Motor bei höheren Tourenzahlen so richtig aufjaulte, war es dann um mich geschehen.

Der Blick auf die Tankanzeige lässt Fahrer wie mich aber sehr schnell wieder auf den Boden zurückkommen. Wie bei allen Leidenschaften wollen wir hier nicht zu viele Zahlen ausbreiten. Der Verbrauch genügt jedoch beim 90 Liter fassenden Tank für nur etwas über 500 Kilometer. Die Betankung kostet bei den heutigen Benzinpreisen so viel wie eine gute Flasche Tignanello beim gepflegten Business Lunch. Für den leidenschaftlichen Quattroporte-Fahrer dürfte es aber keine Frage sein, wo er das Geld lieber abliefert.

Wie sollte man sich den Lenker und Besitzer eines Quattroporte vorstellen? Entweder ist er männlich, 40 Jahre alt, erfolgreicher Unternehmer und hat auf sanften Druck der Ehefrau den 911er gegen einen familienfreundlicheren Sportwagen eingetauscht, oder er ist ein in Würde gereifter ehemaliger CEO, der sich auf ein paar VR-Mandate konzentriert und sonst tut, was er will. Auf jeden Fall ist er nicht kleinlich im Umgang mit sich und der Umwelt.

Fazit: Dieses Auto ist eine gelungene Kombination aus rasender Sportlichkeit und höflicher Zurückhaltung. Der Quattroporte-Fahrer lebt die distinguierte, elegante Nachlässigkeit. Ihm sind Eleganz und Fahrspass wichtiger als fehlerlose Verarbeitung. Wirtschaftliche Kriterien sollten beim Entscheid nicht zuoberst stehen.

Maserati Quattroporte Limousine

Antrieb: Hinterrad
Motor: 4,2 Liter V8
Leistung: 400 PS / 294 kW
Drehmoment (1): 451 Nm bei 4500 U/min
Energieeffizienz (2): G
Tankinhalt: 90 Liter

(1) Der Drehmomentverlauf in Abhängigkeit von der Drehzahl ist massgebend für die Motorelastizität (Durchzugskraft) sowie für das Beschleunigungs- und das Steigvermögen eines Autos.

(2) Neu ist seit 2003 die Angabe der Energieeffizienz für Personenwagen, eingeteilt in die Kategorien A bis G, wobei A für energieeffizient und G für energieineffizient steht. Die Kategorie wird ermittelt, indem der Treibstoff-Normverbrauch und das Leergewicht in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden.

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