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Hier fährt der Chef: Chrysler 300 C Touring Hemi

Er ist protzig und liegt nicht nur ökologisch nicht im Trend. Gerade deshalb dürfte der Chrysler 300 C viele Anhänger finden – und ebenso viele Gegner.

Von Beat Imwinkelried
2005-06-27

Wer Wert darauf legt, dass an jeder Ampel die Fussgänger ins Auto gaffen, sollte sich sofort mit der Beschaffung eines Chrysler 300 C Touring befassen. Ein Auto für Extrovertierte, begeistern sich die einen, ein protziger Gangsterschlitten, ärgern sich die anderen. Ursache dieser Polarisierung ist die recht provokative Formgebung: hohe Gürtellinie, niedrige Dachlinie und die sich daraus ergebenden Sehschlitze. Dann der monströse Kühler und die lange Motorhaube. Pech für alle Bankangestellten und Unternehmensberater: Wem ein diskreter Auftritt wichtig ist, der kann mit Lesen aufhören. Das Auto eignet sich als Firmenfahrzeug allenfalls für den Verkaufsdirektor von Red Bull.

Schade, denn der Wagen hat einiges zu bieten. Den 5,7-Liter-Hemi-Motor mit seinen 340 PS zum Beispiel. Dank einem abenteuerlichen Drehmoment von 525 Newtonmetern distanziert sich der Chrysler damit klar von den übrigen Konkurrenten in der oberen Mittelklasse. Der nächstbeste (Mercedes-Nobel-Kombi E 500) hat immerhin 65 Newtonmeter weniger. Die Hemi-getunten Motoren sorgten bei Chrysler bereits von den fünfziger bis in die siebziger Jahre für leistungsstarke «muscle cars». Mit tiefem Grollen setzt sich der 300 C in Bewegung. Bei einer Reisegeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn ist der Innenlärm allerdings überraschend mild. Die Fahrleistungen sind in jedem Fall beeindruckend: In 6,6 Sekunden lässt sich das wuchtige Ding von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Beim abrupten Bremsen sorgen die 1,9 Tonnen dann allerdings für Vibrationen und etwas Schaukelei. Dasselbe gilt bei Unebenheiten auf der Fahrbahn.

Das Cockpit entspricht dem typischen amerikanischen Design. Das dominante, grosse Lenkrad, die grossen Anzeigen sowie die beachtliche, edle Analoguhr sind auf den US-Geschmack abgestimmt. Über den Geschmack der Inneneinrichtung lässt sich streiten, über die Funktionalität nicht: Diese entspricht dem europäischen Oberklassenstandard, insbesondere dank der leistungsstarken Klimaanlage und den Audiogeräten.

Mit solch grosszügigen Aussenabmessungen herrschen auch innen First-Class-Platzverhältnisse vor. Im breiten Fond können sich drei Erwachsene herrschaftlich ausbreiten. Der Nachteil des Chrysler: Die bei uns üblichen Normparkplätze im Einkaufszentrum bieten kaum genug Platz, damit beidseitig überhaupt ausgestiegen werden kann.

Das Leder der Sitze ist gut, wie übrigens die gesamte Verarbeitung im Innenbereich. Die Sitze könnten aber mehr Seitenhalt bieten.

Aus Marketingsicht stellt sich die interessante Frage, ob Chrysler ein Premiumhersteller ist oder werden kann. Einiges spricht dagegen: In den Vereinigten Staaten ist Chrysler als Volumenmarke positioniert. Überdies legt die Konzernstrategie fest, dass nie die neueste Technologie und die neuesten Plattformkomponenten der Mercedes-Produkte in die Chrysler-Modelle eingebaut werden. Als dritter Grund ist anzuführen, dass Mercedes wohl kaum Geld in Chrysler-Modelle investiert, die dann in Konkurrenz zu Mercedes-Benz treten. Schliesslich sind die Märkte auch grundverschieden: Europäischer Luxus ist ausgerichtet auf Finesse im Detail und die Geschichte der Marke, während amerikanischer Luxus sich eher auf Komfort und Grösse konzentriert. Das ist einer der Gründe, warum Lexus in den USA dermassen erfolgreich ist: Die japanische Marke verkörpert fast ausschliesslich amerikanischen Luxus.

Wie ist es um die Wirtschaftlichkeit bestellt? Das Resultat mag verblüffen: Wer sich das Preisschild des 300 C anschaut, fühlt sich als Schnäppchenjäger. Allein die 18-Zoll-Felgen sind ihr Geld wert. Als vierradgetriebener 300 C Touring Hemi mit 5,7 Liter AWD und 340 PS kostet der Spass 75 500 Franken. Die einzigen vergleichbaren Konkurrenten mit Acht-Zylinder-Aggregaten und Vierradantrieb sind der Mercedes E 500 4Matic sowie der Audi A6 Avant 4.2 Quattro. Beide sind jedoch gut und gerne 20 000 Franken teurer. Doch nun kommt es. Der Benzinverbrauch ist erwartungsgemäss hoch: Auf der Autobahn sind es fast 13 Liter, in der Stadt bei flotter Fahrweise dann eher 15 Liter. Dank Zylinderabschaltung (wird wenig Leistung gebraucht, schalten sich vier der acht Zylinder aus) wird Schlimmeres verhindert.

Im Übrigen ist der Restwert des 300 C doch deutlich schlechter als beim Audi oder beim Mercedes, und zudem geht das Servicepaket mit Gratisunterhalt nur bis 60 000 statt bis 100 000 Kilometer wie bei den deutschen Konkurrenten. Folglich liegt der 300 C in einer Gesamtkostenbetrachtung dann plötzlich gleichauf mit dem Audi A6.

Fazit: Das provokativ gestylte, grosse und hochwertig ausgestattete Auto überzeugt mit moderner Technik. Wer Freude hat am Blues-Brothers-Kult und an den Hubraum-Exzessen der siebziger Jahre, findet hier endlich ein Fahrzeug, das dank Mercedes technisch auf einem guten Stand ist und über einen bärenstarken Motor verfügt.

Chrysler 300 C Touring

5.7 Hemi V8 AWD
Antrieb: Vierradantrieb
Motor: 5,7 Liter, 8 Zylinder MSD (Multi Displacement System)
Leistung: 340 PS / 250 kW
Drehmoment (1): 525 Nm bei 4000 U/min
Energieeffizienz (2): G
Tankinhalt: 76 Liter

(1) Der Drehmomentverlauf in Abhängigkeit von der Drehzahl ist massgebend für die Motorelastizität (Durchzugskraft) sowie für das Beschleunigungs- und das Steigvermögen eines Autos.

(2) Neu ist seit 2003 die Angabe der Energieeffizienz für Personenwagen, eingeteilt in Kategorien von A bis G, wobei A für energieeffizient und G für energieineffizient steht. Die Kategorie wird ermittelt, indem der Treibstoff-Normverbrauch und das Leergewicht in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden.

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