Weltweit gibt es drei Differenzierermarken. Dies sind Marken, deren Käufer bewusst oder unbewusst mitteilen wollen, dass sie anders sind. Die drei Marken sind Citroën, Saab und Alfa Romeo. Citroën ist die Marke der Künstler. Saab die Marke der Intellektuellen und Selbständigen. Und Alfa Romeo ist für den Ex-Werber und Schriftsteller Rainer Baginski die Marke der Frauenfreunde, die sich nicht binden möchten und eine unberechenbare Geliebte einer zuverlässigen Ehefrau vorziehen.

In einer aktuellen Image-Ermittlung eines deutschen Fachmagazins belegt Alfa Romeo in der Rubrik «Ich mag meine Marke» Platz zwei, geschlagen nur von Porsche, aber vor allen übrigen Premiummarken. Dieses Resultat unterstreicht die grosse Loyalität, welche die schöne Fiat-Tochter bei ihren Kunden geniesst. Und in der Rubrik «Gutes Aussehen / Styling» liegt Alfa sogar auf Platz eins. Der 159er, entworfen vom Design-Papst Giorgetto Giugiaro, ist genau das, was man sich unter einem formschönen Alfa vorstellt: schlank, geschmeidig und schnörkellos. Gegenüber seinem Vorgänger, dem Alfa 156, hat sich der Neue in den Bereichen Eleganz und Stattlichkeit eindeutig weiterentwickelt.

Das Meisterstück des Alfa 159 ist die Frontansicht. Der charakteristische V-förmige Kühlergrill wird von Sehschlitzen mit jeweils drei runden Scheinwerfern flankiert. Die mit einer klaren Pfeilspitzenform in die Flanken übergehende Motorhaube verleiht dem 159er zusätzliche Dynamik. So herrlich aggressiv und maskulin blickt zurzeit nur der Alfa 159 seinen Konkurrenten BMW 3er und Audi A4 entgegen.

Das Heck bleibt knackig, aber weiterhin knapp – 405 Liter Kofferraum müssen ausreichen. Es scheint, dass die Designer im Centro Stile Alfa Romeo weiterhin nur ein kleines Herz für Grossfamilien haben.

Der Nachfolger des 156 ist in fast allen Dimensionen gewachsen, in der Länge hat der 159 über 20 Zentimeter zugelegt. Obwohl von aussen ein enormer Platzgewinn vermutet wird, bietet der neue Alfa den Fondpassagieren nicht die erwartete Geräumigkeit. Auf der Hinterbank herrscht weiterhin eine intime Atmosphäre. Kein Wunder, der Alfa ist ja auch die Marke der Frauenfreunde! Das Ambiente im Innenraum ist jedoch angenehm. Mir persönlich gefallen besonders die Sitze: Dank langen Sitzflächen und gutem Seitenhalt der Rückenlehne ist die Sitzposition von Anfang an gut. Die Materialwahl macht deutlich, dass sich Alfa Romeo in Richtung Premiumklasse aufgemacht hat. Sanft geriffeltes Aluminium lässt das Interieur nobel wirken und sorgt für extravagante Lichtreflexe.

Gestartet wird das Fahrzeug, wie es im Trend liegt, mit einem Knopf. Der 185 PS starke 2,2-Liter-Motor hat das Temperament, das man aus dem Hause Alfa Romeo erwartet. Dank seinem aufregend, beinahe schon erotisch komponierten Sound merkt man gar nicht, dass der Motor eine enge Verwandtschaft mit Opel hat. Die Sechsgangschaltung ist gut abgestuft und arbeitet präzise. Der neue Alfa ist angenehm gefedert und rollt für eine sportliche Limousine recht komfortabel. Wie Pasta al dente – nicht zu hart, aber dennoch mit Biss!

Kritisieren kann ich nur die Bedienung von Radio und Navigationssystem. Die Anzeige im Infotainment-System präsentiert sich so übersichtlich wie der römische Strassenverkehr. Die Multifunktionsschalter an der Lenksäule bleiben (mindestens für Nicht-Alfisti) verwirrend. Die Elektronik funktionierte bei unserem Testwagen nicht immer einwandfrei. Leidensfähigkeit war ja für Alfa-Fahrer früher nicht nur eine Tugend, sondern ein Must. In meinen Augen – und da möchte ich den Turinern ein Lob aussprechen – haben sich die Verarbeitungsqualität und die Touch-and-feel-Wahrnehmung deutlich verbessert, hin zur Premiumklasse.

In der Rubrik Wirtschaftlichkeit überwiegt das italienische Herz, beziehungsweise es fehlen die deutschen Tugenden. Lassen wir einmal den Restwert unbeachtet. Der Benzinverbrauch ist mit fast zehn Litern am oberen Ende der akzeptablen Bandbreite. Dazu kommen die breiteren Reifen, welche die Unterhaltskosten ansteigen lassen. Dies lässt den Alfa in unserer Vergleichstabelle etwas teurer erscheinen.

Fazit: Es gibt Automobile, die hat man schon wieder vergessen, wenn sie aus dem Katalog auf die Strasse gerollt sind. Und dann gibt es die, die begleiten uns irgendwie ein Leben lang – und dazu gehören die meisten sportlichen Limousinen von Alfa, die «Berline». Mit dem Alfa Romeo 159 zielt die Fiat-Tochter aufs prestigeträchtige Premium-Mittelklassesegment ab. Der Alfa soll dabei die sportliche Ecke dieses Segments abdecken. Das «cuore sportivo» soll höher schlagen. Beim Alfa 159 tut es das bereits. Ob die Kunden allerdings den von Alfa Romeo angepeilten Premiumanspruch wertschätzen, bleibt abzuwarten. Vedremo – schauen wir einmal.

Alfa Romeo 159 2.2 JTS Limousine

Antrieb: Vorderrad
Motor: 2,2 Liter, Benzindirekteinspritzung
Leistung: 185 PS / 136 kW
Drehmoment (1): 230 Nm bei 4500 U/min
Energieeffizienz (2): D
Tankinhalt: 70 Liter

(1) Der Drehmomentverlauf in Abhängigkeit von der Drehzahl ist massgebend für die Motorelastizität (Durchzugskraft) sowie für das Beschleunigungs- und das Steigvermögen eines Autos.

(2) Neu ist seit 2003 die Angabe der Energieeffizienz für Personenwagen, eingeteilt in die Kategorien A bis G, wobei A für energieeffizient und G für energieineffizient steht. Die Kategorie wird ermittelt, indem der Treibstoff-Normverbrauch und das Leergewicht in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden.

Beat Imwinkelried (39) ist Delegierter des Verwaltungsrates und Geschäftsführer der Auto-Interleasing AG in Basel, VR-Delegierter der EFL Autoleasing in Winterthur sowie Gründungspartner der AIL Structured Finance in Zürich.

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