Glaubt man den Zahlen der Vereinigung indischer Softwarehersteller, Nasscom, dann ist die Outsourcing-Industrie auf dem Subkontinent im vergangenen Jahr mit 35 Prozent gewachsen. Kein Wunder, löst ein derartiger Boom in anderen Teilen der Welt Existenzängste aus. Unter angelsächsischen Software-Ingenieuren, welche die Outsourcing-Welle als Erste zu spüren bekamen, ist der Ausdruck «Getting Bangalored» – in Anspielung auf die südindische IT-Metropole Bangalore – längst zu einem Synonym für den globalisierungsbedingten Jobverlust geworden. Bezeichnend ist die Reaktion des britischen Premierministers Tony Blair nach einem Arbeitsbesuch vor Ort: «Als ich wieder nach Hause kam, erkundigten sich die Leute nach der Armut in Indien, wie schockierend diese gewesen sei und so weiter», wurde Blair zitiert. «Tatsächlich ist die Armut unter der Milliarde Menschen in Indien noch immer weit verbreitet. Schockiert hat mich aber das Tempo, mit der sich dieses Land verändert.»

In akademischen Kreisen ist der Streit um die volkswirtschaftlichen Folgen der Outsourcing-Welle zu einem Dauerbrenner geworden. Während die Apologeten des Freihandels argumentieren, die Verlagerung von Arbeitskräften in Tieflohnländer wirke sich langfristig für alle positiv aus, wird die «Theorie der komparativen Kostenvorteile» – bis dato eine unverrückbare Lehrbuchweisheit – von anderen, nicht weniger renommierten Ökonomen in Frage gestellt. So widerspricht etwa kein Geringerer als der amerikanische Nobelpreisträger Paul Samuelson der gängigen These, dass Freihandel per saldo zwingend zu grösseren Gewinnen als Verlusten führe. Laut dem emeritierten MIT-Professor handelt es sich bei diesem Axiom der Ökonomen um eine «populäre polemische Unwahrheit».

Entscheidend für die von der Auslagerung betroffenen Industrienationen ist
nicht die Zahl an Arbeitsplätzen, die nach Indien und anderen Offshoring-Hochburgen abwandern, sondern die Auswirkungen auf das Lohnniveau zu Hause. Wer darauf vertraue, dass der Auslagerungstrend die Durchschnittseinkommen in den Industrieländern unberührt lasse, «glaubt an Wunder», so Samuelson. Die Auslagerungswelle drückt schon heute auf die Saläre an den traditionellen Standorten, weil nicht wenige Arbeitgeber die Angst vor der Billiglohnkonkurrenz als psychologisches Druckmittel verwenden. «Jede Arbeit, die nicht notwendigerweise den physischen Kontakt mit der Kundschaft oder mit Mitarbeitenden voraussetzt, ist potenziell von der Auslagerung bedroht», warnt US-Ökonomieprofessor Lester C. Thurow. «Fast alle Arbeitsplätze im Finanzbereich könnten verlegt werden, denn die ganze Industrie funktioniert elektronisch, nicht von Mensch zu Mensch.»

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