Mein Freund G. ist ein sturer Mensch. Und er mag es nicht, wenn es plötzlich pressiert. Wer mit ihm etwas unternehmen will, muss rücksichtsvoll planen – ausser beim Essen. Für ein gutes Essen ist G. immer zu haben, und weil er sicher schon das Budget von sieben luxuriösen Weltreisen in die Pflege seines Esserfahrungsschatzes investiert hat, weiss er, wo man gut und schön isst.

Als ich ihn frage, ob er in Basel oder Umgebung ein besonderes Restaurant kenne, zögert er keine Minute und sagt: «Wir fahren nach Metzerlen!» Gesagt, gefahren. Nach kurzer Zeit stehen wir in der ländlichen Schweiz, das «Kreuz» ist ein klassischer Betrieb, links der Bauernhof, rechts der Gasthof. Dazwischen – ein viel versprechendes Detail – steht ein Stand mit frisch gebackenem Brot, Wintergemüse und Konfitüren aller Art.

Das Restaurant Kreuz ist ein Familienbetrieb und seit 1758 in den Händen der Familie Schaffter. Stefan und Anita Schaffter führen es seit 1992 – mit Herzlichkeit und dieser typischen Gelassenheit, die nur durch viel Erfahrung gewonnen werden kann. Während Stefan in der Küche steht, bewirtet Anita die Gäste. Sie beherrscht den Spagat zwischen freundlicher Dienstbeflissenheit und gelassenem Selbstbewusstsein so gut, dass jeder und jede, die Kellner werden wollen, zu ihr in die Schule gehen müssten.

Die Jungmannschaft hat das Stübli und das Esszimmer ans Heute angepasst und es sanft renoviert. Die Wände des Esszimmers sind in einem unaufdringlichen Gelb gestrichen worden, die Biedermeiermöbel kommen vor diesem Hintergrund schön zur Geltung. Durch die kleinen Fenster dringen Ausschnitte der Landschaft in den Raum hinein, alles wird langsamer, wir lehnen uns zurück.

Das meiste, was im «Kreuz» auf den Teller kommt, stammt aus Metzerlen. Vieles sogar gleich von nebenan, wo der Bruder bauert, oder vom Metzger im Dorf, der bekannt ist für sein besonders gutes Schweinefleisch, das ebenfalls von hiesigen Schweinen stammt. Stefan Schaffter kocht damit etwa die Rahmplätzli mit Nüdeli oder das Kotelett. Im Übrigen arbeitet er gerne mit Kalbfleisch – für sein Cordon bleu etwa ist er weitherum bekannt. Seine Karte kann man als klassisch und sehr traditionell bezeichnen. Er kocht fadengerade und der Familientradition verpflichtet. Wer ab und zu einen kulinarischen Ausflug zurück in die Tage der Kindheit und an Mutters Herd nicht missen möchte, dem wird das «Kreuz» schon während des ersten Besuchs ans Herz wachsen.

G. bestellt das Kalbsgeschnetzelte mit Rösti, ich habe Lust auf das Steak vom Kalb, das heute als Tagesangebot serviert wird, und bestelle dazu Pommes frites und Gemüse. Da wie dort ist das Fleisch perfekt, das Gemüse zwar vielfältig, aber leider leicht verkocht, die Pommes frites schmecken gut, aber nicht so toll wie die Rösti in Nachbars Teller. Selber schuld! Darüber kann nur ein heftiges Dessert – wie etwa die gebrannte Crème – hinwegtrösten.

Inzwischen haben wir auch die Flasche Château Ducru-Beaucaillou leer getrunken, der Bauch ist froh, das Herz leicht, nur der Kopf hat irgendwie Mühe, sich damit abzufinden, dass nicht Sonntag ist und draussen nicht Vaters alter Opel Commodore, sondern G.s zeitgemässer Toyota steht.

Restaurant Kreuz

4116 Metzerlen SO, Tel. 061 731 14 95. Mittwochs bis sonntags 9 bis 24 Uhr, warme Küche von 12 bis 14 und 18 bis 22 Uhr. Montags und dienstags geschlossen. Vorspeisen 7 bis 15 Franken, Hauptspeisen 22 bis 45 Franken, Weine pro Deziliter ab 6, Flaschen ab 42 Franken.

Das Kreuz ist auch mit dem ÖV erreichbar: Ab HB Basel Tram Nummer 10 bis Flüh, umsteigen auf den Bus nach Metzerlen.

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