An Neuenburgs Hauptstrasse, der Rue du Seyon, versteckt sich die Brasserie diskret hinter milchigem Glas. Nichts deutet auf das prächtige Interieur hin. Zufällig verirrt sich selten jemand hierher, die meisten Gäste sind Einheimische, die «La Cardoche», wie sie die Brasserie liebevoll nennen, von Kindesbeinen an kennen, oder Touristen, die den Tipp aus einem Führer haben. Seit 1997, als Philippe Girardier das heruntergekommene Lokal entstaubte und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzte, gilt «Le Cardinal» als sichere Adresse und wird oft in Führern und Medien erwähnt.

Beim Eintreten fallen einem als Erstes die Kacheln auf. Mit ihrem frischen GrünBlau und den eingebrannten Motiven, die vom nahen Seeufer inspiriert sind, prägen sie nicht nur den Raum massgeblich, sondern haben dazu beigetragen, dass das Lokal als die schönste Brasserie der Romandie gilt. Man erzählt sich, dass der erste Besitzer der Brasserie gleich zwei Sets dieser Kacheln anfertigen liess, eines davon aber Opfer eines Brandes geworden sei. Die viel gelobte Schönheit steht heute unter Heimatschutz. Das heisst aber nicht, dass es hier aus lauter Ehrfurcht steif zu- und hergeht. Im Gegenteil, am Samstag unseres Besuches ist es hier lebendig und unkompliziert. Das eingespielte Serviceteam zickzackt pausenlos zwischen den gut besetzten Tischen und bedient die sehr unterschiedlichen Gäste gleich: zackig, charmant und aufmerksam.

Die Küche bleibt dem Bistrostil der Einrichtung treu. Jeden Tag gibt es ein Menü – heute kaltes Roastbeef mit Kartoffeln – und einen Tagesfisch. Sonst wählt man von der Karte. Etwa Foie gras de Canard mit einer getoasteten Brioche, herrlich! Oder, die leichtere Variante, eine Gurken-Pfefferminz-Fraîcheur (eine kalte Suppe mit einer wunderbar poetischen Bezeichnung). Bei den Hauptspeisen fallen die Fischspezialitäten auf. Diese stammen nicht aus dem nahen See, sondern aus dem fernen Meer. Der grosse Topf Moules wird in den nächsten Stunden oft über das Buffet geschoben, kein Wunder, sie schmecken perfekt und erinnern mit den hausgemachten, groben Frites an den letzten Urlaub «en France».

Ganz so begeistert sind wir vom Fleisch nicht – das «Onglet», ein Stück Rinderzwerchfell, verlangt den Beissmuskeln viel Arbeit ab. Mit dem Klassiker von Küchenchef Jean-Luc Geyer wären wir vielleicht doch besser bedient gewesen: das Côte de Bœuf mit Sauce béarnaise oder das Entrecôte Café de Paris. Doch auch so: Der Gâteau au Citron mit Mürbeteigboden und frischer Füllung macht alles wieder gut. Auch bei den Weinen schweift man vor allem in die Ferne. Zwar werden ein paar Tropfen aus der Umgebung angeboten, das Gros der Liste stammt aber aus Frankreich, etwa aus dem Languedoc, einem Gebiet, das viel Wein für vernünftiges Geld produziert. Der Rote der Domaine des Grécaux schmeckt fruchtig und ergänzt das Essen perfekt.

Monique Rijks ist Gastrojournalistin und testet für BILANZ die sympathischsten Restaurants im ganzen Land

Brasserie Le Cardinal

Rue du Seyon 9, 2000 Neuenburg, Telefon 032 725 12 86, Vorspeisen von 8 bis 22 Franken, Hauptspeisen von 22 bis 55 Franken, Weine ab 3 Franken pro Deziliter, Flaschen ab 29 Franken.

Hotel in der Nähe: Hôtel L’Aubier, Rue du Château 1, 2000 Neuenburg, Telefon 032 710 18 58.

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