Grauer Granit, transparentes Glas, archaisches Lärchenholz. Quellwasser sprudelt aus steinernen Brunnen, warmer Dampfnebel liegt in der Luft. Eine Chill-out-Landschaft, von flackerndem Feuer erhellt. Oberlichter geben den Blick auf mit Schnee bestäubte Felsen und blauen Himmel frei.

Auf vier Stockwerken und 3500 Quadratmetern hat der Stararchitekt Mario Botta für 30 Millionen einen Wellness-Tempel der Superlative in den Fels hinter dem Tschuggen Grand Hotel in Arosa gebaut. Prägnantes äusseres Wahrzeichen der Bergoase sind die dreizehn Meter hohen, verglasten Stahlkonstruktionen, die wie ein stilisierter Blätterwald aus dem Berg zu wachsen scheinen. Der grösste Teil der Anlage verschwindet im Fels – «Bauen, ohne zu überbauen» nannte Botta das Prinzip dahinter.

Alles dreht sich hier um Wellness. Kein Wunder: Exklusive Wellness-Oasen sind ein Renner, und die Schweizer Alpenhotellerie hat mit spektakulärer Architektur und Design die Nase im Wind. «Wir haben neues Selbstbewusstsein bekommen, sind an der Spitze und haben ein hervorragendes Image», sagt Richard Plattner vom «Castell» in Zuoz, der vor zwei Jahren einen Hamam eingeweiht hat. Brandneu und von der Ästhetik her überzeugend sind auch der Hamam des «Schweizerhofes» in der Lenzerheide von Architekt Max Dudler und Künstler Mayo Bucher. Oder das kürzlich neu eröffnete Sarazenenbad im Hotel Saratz in Pontresina der Architekten Hans-Jörg Ruch und Pia Schmid.

Das Motto «Zurück zur Natur» steht hinter dem Trend. Kraft aus der Natur zu tanken, ist zentrales Anliegen. Stressmanagement und neues Körperbewusstsein haben Hochkonjunktur. Überarbeitete Zeitgenossen finden Entspannung und Erholung.

Ermutigende Forschungsergebnisse für die Branche gibt es auch von der Organisation Schweiz Tourismus. Die Schweizer Hotellerie sei prädestiniert, den Wellness-Trend aufzugreifen. «Unsere unbeschreiblich schönen Natur- und Berglandschaften bieten beste Voraussetzungen für Erholung, sportliche Betätigung, Genuss sowie die Möglichkeit, die Seele baumeln zu lassen», sagt Daniela Bär, Mitglied des Direktionsstabs von Schweiz Tourismus. Und die Architektin Pia Schmid, die auch in Sachen Wellness baut, meint: «Diese Zentren sind Zufluchtsorte und eine Alternative für all diejenigen, die ihr Gleichgewicht stärken oder wieder finden und Energien auftanken möchten.»

Bottas Super-Spa betritt man vom Hotel Tschuggen aus über eine gläserne Passerelle. Diese stimmt die Besucher ein auf den reduzierten, transparent wirkenden Palast, in dessen vier Etagen durch die segelartigen Oberlichter Tageslicht geleitet wird. Einziger Kontrast in dieser lichten Umgebung sind dunkelrote Polstersessel und Sofas in der Lounge. Hier wird den Gästen Champagner oder ein Bergoasen-Eistee serviert. Für den kleinen Hunger gibt es leckeren Blattsalat mit Ziegenkäse und Basilikumpesto oder ein Kürbissüppchen mit filetierten Orangenstücken.

Die oberste Etage ist dem Wasser gewidmet. Eine blaugrau schimmernde Welt der fluoreszierenden Farbe des Wassers. Hier kann man kneippen, sich besprudeln lassen oder sich in der Felsengrotte von einem milden Sommergewitter aus der Regenwalddusche berieseln lassen. Die sinnliche Reise führt von der Welt des Wassers über die Saunalandschaft und die Massageräume bis hin zum Fitness- und Medical-Wellness-Bereich im Parterre. Auf jeder Etage führt eine Terrasse ins Freie, wo man auf Tuchfühlung mit den imposanten Bergen gehen kann. Bei den Treatments hat man die Qual der Wahl zwischen Angeboten, die Vitalität und Wohlbefinden, Erholung und Entspannung, Gesundheit und Schönheit dienlich sind. Zwölf Behandlungsräume für Antiaging, Lasermedizin, Venerologie, Akupunktur, Ozontherapie. Und für das Vergnügen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gibt es zwei Spa-Suiten mit Liegewiese, Whirlpool, Sauna und Dampfbad.

Den Gigantismus einer Bergoase kann sich nicht jeder Hotelier leisten, die meisten müssen bescheidener investieren. Und für viele wird das auch zum Problem. Denn es reicht heute nicht mehr, einfach ein Schwimmbad und eine Sauna in den Keller zu bauen.

Der Trend wird von Prof. Jürg Stettler, Leiter des ITW (Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule für Wirtschaft Luzern) mit Zahlen untermauert. «Der Wellness-Tourismus-Markt ist in den letzten zehn Jahren, gemessen an den Logiernächten, mit durchschnittlich 2,7 Prozent pro Jahr deutlich schneller gewachsen als der gesamte Tourismusmarkt (1 Prozent pro Jahr). Und auch für die Zukunft stellt Experte Stettler günstige Prognosen und sagt, dass im Wellness-Tourismus-Markt mit einem überdurchschnittlichen Wachstum zu rechnen sei. Ob sich das Ganze aber auch rechnerisch auf der positiven Seite verbuchen lässt, ist noch nicht bestätigt.

«Operativ trägt sich der Hamam», sagt dazu Richard Plattner vom Hotel Castell. «Für uns ist er ein totaler Verkaufspool, denn man hat mit ihm ein Schlechtwetterangebot.» Auch Sabina Schlosser vom Hotel Waldhaus in Flims bestätigt, durch das Spa markant bessere Zahlen und mehr Logiernächte zu erwirtschaften, denn der «anspruchsvolle Gast verlangt Wellness». Und für Daniel Borter vom «Lenkerhof» ist die wirtschaftliche Komponente seines Spas zentral. «Durch unser Angebot haben wir auch Gäste im November, und die Auslastung ist ganz generell in schneearmen Zeiten viel besser.»

Für solche Aussagen sprechen die Erläuterungen von Andreas Deuber von der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH). Er sagt, dass Wellness, isoliert betrachtet, zwar nicht rentabel sei, dass allerdings Wellness-Hotels mit einer optimalen Positionierung und Führung rentabler seien als spezialisierte Normalhotels.

Bei allen herausragenden Projekten steht die «Hommage an die Alpen» im Zentrum. Die Architektur, das Design, die Materialien und auch die Angebote stellen eine bewusste Auseinandersetzung mit der Bergwelt dar. Vorreiter war vor zehn Jahren die Felsentherme Vals. Peter Zumthor schuf eine archaische und sinnliche Bade- und Therapielandschaft. Einen Zentempel, in welchem dem Wasser gehuldigt wird und der bis heute ein Vorzeigeobjekt geblieben ist. In den letzten Jahren hat sich zudem das Image der Berge gewandelt. Die Welt der Sportler und Wandervögel ist heute von einer Lifestyle-Aura umgeben.

«Die Schweizer Berge sind wieder sexy», sagt Daniel Borter vom «Lenkerhof». Der moderne Reisende sucht neue Erlebniswelten, Anreize fern vom Alltag und eine Ästhetik, die ihn überzeugt. Allerdings gibt es unter dem Trendwort Wellness auch viel Künstliches und Kitsch wie etwa auf altrömische Weise gestaltete Badelandschaften mit Palmen und Kamelen – ein Disneyland des Wellness-Tourismus. So sind auch die Hotels der Kategorie «Wellness Plus» nicht immer Destinationen für moderne Ästheten. Für die Auszeichnung müssen beispielsweise mindestens drei Schwitzbäder oder Herz-Kreislauf-Geräte vorhanden sein, ästhetische Vorgaben bestehen jedoch keine.

Was inhaltlich und gestalterisch Bestand hat, ist von herausragenden Architekten, Künstlern und Designern konzipiert. Die Suche nach dem Aussergewöhnlichen steht im Zentrum. «Ein Wellness-Bereich darf nie die artifizielle Repetition von Klischees sein», sagt die Architektin Pia Schmid, denn «geistiges Wohlbefinden wird durch starke sinnliche Assoziationen initiiert.»

Meist wird mit Gestein und Hölzern aus der Region gebaut. In der Lenzerheide sind dies Solo-Granit und Lärchenholz. Das Spa des «Lenkerhofs» nimmt Bezug zu den Wasserfällen der Region und setzt Zeichen mit Steinen aus der Simme. Beim Sarazenenbad kommt Serpentin und Granit zum Zuge. Um Erfolg und Bestand zu haben, muss die Architektur in die Bergwelt passen. Das in der Zwischenzeit vielfach ausgezeichnete Spa Delight des Parkhotels Waldhaus in Flims ist ein gelungenes Beispiel. Den Architekten Pia Schmid und Hans Peter Fontana gelang mit dem gläsernen Kubus im Hotelpark ein spannender Kontrast zu den historischen Bauten. In der Nacht wirkt er wie eine beleuchtete Laterne, und bei Tag spiegelt er die Natur. Mit Bioteich und Erdsauna schufen sie eine spirituelle Erlebniswelt.

Beim «Castell» will Richard Plattner «the fine art of relaxing» offerieren. Man wollte ein Architekturhighlight, das in die Alpen passt. So hat man bewusst kein orientalisches Bad kopiert, sondern das berühmte Amsterdamer UN Studio mit dem Bau beauftragt. Und Mayo Bucher hat im Hamam im «Schweizerhof» die Wände mit perlmuttschimmernden Farben gestaltet. «Wie das Innere einer Muschel sollen die Räume gleichzeitig Schönheit, Sinnlichkeit und Geborgenheit ausstrahlen.»

Alpen und Hamam, vielleicht auf den ersten Blick ein Widerspruch, passen durch solche Kombinationen gut zusammen. «Zudem ist der Dampf Ausgleich zur trockenen Bergluft», erklärt Plattner. Viele der alpinen Luxushotels sind Inbegriff von Tradition und schauen auf eine über hundert Jahre alte Geschichte zurück. Aus der Symbiose von Alt und Neu entsteht meist etwas ungemein Spannendes. Wie im «Castell», wo der Hamam in die alten Kurräume aus den Jahren 1912/13 gebaut wurde. Auch das Sarazenenbad im «Saratz» ist in einem alten Kellergewölbe untergebracht. Hier war zudem die Familiengeschichte Inspirationsquelle, stammt doch die Familie Saratz der Legende nach von den Sarazenen ab, muslimischen Arabern, die im 10. Jahrhundert ins Engadin einfielen.

Die meisten Hotels mit Spa-Betrieb setzen neben den bekannten exotischen Behandlungsangeboten wie Lomi Lomi Nui oder LaStone-Therapie auch auf alpin inspirierte Behandlungen. Genutzt werden vermehrt heimische Naturprodukte wie Bergpfefferminze in der Aromatherapie, Johanniskrautöl bei Entspannungsmassagen, Murmeltieröl bei Vitalmassagen oder Arnikaöl bei Regenerationsmassagen. Wellness soll nicht im Sekundentakt verabreicht werden, so lautet eine weitere Devise. «Wir schleusen die Menschen nicht durch ein Programm», sagt Nuot Saratz, «sie sind ja hierhergekommen, um Ruhe zu finden.» Emotionen und Sinnlichkeit stehen im Zentrum. Eine entsprechende Stimmung wird mit Formen, Farben, Texturen, Licht und Materialien geschaffen. «Denn die Ingredienzen für das Luxusdesign der Zukunft», sagt Pia Schmid, «sind Raum, Zeit, Ruhe, Distanz.»

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