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Energie: Nachhaltigkeits-Rating

Wer geht am effizientesten mit Energie um? Wer hält Arbeitsverträge ein? Wer fördert Frauen? Wer setzt auf Recyclingpapier im Büro? Ein Nachhaltigkeits-Rating analysiert 50 Schweizer Firmen. Die Sieger: ABB, Swisscom und Georg Fischer.

Von Stefan Barmettler
22.05.2009

Nein, Joseph Hogan kann nicht die Wüsten dieser Welt begrünen. Er verkauft Maschinen und soll Mehrwert für die Aktionäre schaffen. Doch manchmal, da gelingt dem ABB-Konzernchef auch beides – verkaufen und begrünen. Betriebswirt Hogan ist jedes Mal fasziniert, wenn ein alter Motor durch einen neuen, energiesparenden ersetzt wird. Die Amortisationszeit liegt oft, rechnet er vor, bei unter einem Jahr. «Das ist gut für unser Unternehmen, gut für die Umwelt – und zahlt sich auch für unsere Aktionäre aus.»

Bis vor kurzem kurvte Carsten Schloter im breitbeinigen SUV durchs Land, nun ist er mit einem Sparauto unterwegs. Der Dieselmotor seines neuen Firmenwagens VW Scirocco verbrennt 4,2 Liter, die Hälfte des Vorgängers. Die Botschaft, die beim Personal ankommen soll: Weniger ist mehr. «Das Thema Nachhaltigkeit wird angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Probleme massiv an Bedeutung gewinnen», sagt der Swisscom-Chef.

Yves Serra, Chef von Georg Fischer, heizt sein Haus mit Ökoheizöl. Das ist ihm nicht nachhaltig genug, nun will er sein 25-jähriges Haus auf eine energieeffiziente Wärmepumpe umstellen, mit einem Rohrleitungssystem von – richtig – Georg Fischer. Sparen will Serra auch im Geschäft: Dienstreisen, speziell Flugreisen, sollen möglichst vermieden werden. «Daran hält sich auch der CEO.»

Hogan, Schloter, Serra – das Trio hat etwas gemeinsam: Es steht an der Spitze von Unternehmen, die als vorbildlich gelten. Die Konzerne bringen es im ersten umfassenden Nachhaltigkeits-Rating der Schweiz auf die drei Medaillenplätze: ABB vor Swisscom vor Georg Fischer.

Die unabhängige Ratingagentur ­­Oekom Research, domiziliert in München, bewertet seit 1993 soziale und ökologische Standards von Unternehmen, und zwar aufgrund von über 100 Kriterien, allgemeinen wie sektorspezifischen. Im Bereich soziale Standards gibt es Noten für Aspekte wie Sicherheit der Mitarbeiter, Gesundheit, Frauenanteil im Kader, Kinderarbeit, Zulieferverträge und Umsetzung von Corporate Governance. Beim Öko-Standing beurteilen die Experten den Verbrauch von Wasser und Strom, die Rezyklierbarkeit von Produkten und die Energieeffizienz. Die Sozial- und Ökobewertungen werden schliesslich in einem Gesamtrating zusammengefasst und benotet – von A+ bis D, von «aussergewöhnlicher Leistung» bis «kaum ein Engagement».

Höhere Priorität. Die drei Top-Firmen bringen es, wie ein paar weitere, auf eine Schlussnote B–. In der Detailanalyse schwingt ABB obenauf: ABB erreicht 2,706 Punkte (Höchstpunktzahl 4), die zehntklassierte Swiss Re bringt es auf 2,241 Punkte. Die detaillierten Bewerungen finden Sie auch auf www.bilanz/ratings.

Das sind ansprechende Noten, im internationalen Vergleich gar Spitzenwerte, aber noch lange nicht nachhaltig genug. Siegerin ABB punktet etwa bei folgenden Kriterien: Arbeitsverhältnissen in der Dritten Welt, entkrampftem Verhältnis mit den Gewerschaften oder dem Kerngeschäft Öko-Effizienz (Energieverbrauch, Treibhausgas-Emissionen, Wasserverbrauch). Die Transformatoren für den umstrittenen Drei-Schluchten-Damm in China allerdings haben Punkte gekostet. Hogans Vorgabe bei allen Grossprojekten: «Wir führen heute gemeinsam mit Kunden ­Sozial- und Umweltverträglichkeitsprüfungen durch.» Auch von den Lieferanten werden strenge Nachhaltigkeitsstandards verlangt.

Nachhaltigkeits-Ratings führten früher lange ein Nischendasein, rutschen bei Chefs und Anlegern nun aber auf der Prioritätenliste weit nach oben. Ein Grund sind die klassischen Firmenbewertungen, denen die Finanzwelt fast blind folgt. Dabei haben Einschätzungen der grossen Ratingagenturen wie Fitch, Standard & Poor’s oder Moody’s die Turbulenzen an den Finanzmärkten erst richtig befeuert. Sie haben drittklassigen Anlagevehikeln das Gütesiegel AAA aufgedrückt, worauf sich Investoren in (falscher) Sicherheit wiegten; nach dem Subprime-Debakel stecken die traditionellen Agenturen und ihre Parameter in der Glaubwürdigkeitskrise.

Derweil feiert die Nachhaltigkeit einen Boom: Der weltbekannte Publizist Thomas Friedman («Die Welt ist flach») rief letzte Woche am Swiss Economic Forum in Thun zur «Green Revolution» auf, wobei in den USA «grün» nachhaltig bedeutet. Sein Bonmot «Auf das Moon Race folgt nun das Earth Race» spielte auf den Wettstreit der Grossmächte an, wer zuerst auf dem Mond landen würde. Künftig sei mächtig, wer mit seinem Geschäftsmodell auf der Megatrend-Welle der Nachhaltigkeit surfe. Am WEF 2009 in Davos einigten sich die versammelten Firmenlenker auf ein halbes Dutzend Massnahmen, um die Integration von sozialem und ökologischem Verhalten in den Geschäftsalltag zu akzelerieren. Denn ­Sustainability wird, auch dank staatlichen Investments in Infrastruktur, zum Big Business. «Schweizer Anbieter von Umwelttechnik werden von den Anstrengungen zu mehr Energieeffizienz und zur Senkung der CO2-Emissionen profitieren», sagt Carsten Henkel, Managing Partner bei Roland Berger Strategy Consultants in Zürich. Eben hat Roland Berger den «GreenTech-Atlas 2.0» aufgelegt, der den globalen Umwelttechnologien bis 2020 einen Umsatz von 3100 Milliarden Euro prognostiziert, was einer Verdoppelung innert zehn Jahren entspricht.

Mehr als PR. Bereits heute gilt: «Jeder weiss, dass es Probleme gibt mit dem Image, wenn man auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit nichts tut oder nur das Minimum.» Das sagt nicht ein PR-Mann, sondern Felix Meier von WWF Schweiz. Mit seinen Forderungen rennt er heute offene Türen ein, und zwar nicht jene von Umweltbeauftragten im Strickpullover, sondern jene in der Beletage. Das Thema hat sich in Corporate Switzerland vom Randphänomen zur Chefsache aufgeschwungen. «In den letzten drei Jahren ist enorm viel passiert», freut sich der Umweltspezialist. Dass die Mitgliedschaft bei der WWF Climate Group (u.a. Swisscom, Migros, Coop, Post, ZKB) möglicherweise mehr strategisch begründet sein könnte denn mit der Liebe zu Mensch und Umwelt, stört ihn nicht. Auch nicht, dass Coop und Migros per Communiqué medienwirksam verkünden, dass sie bedrohte Fischarten aus ­ihrem Sortiment kippen. «Der Sache tut das keinen Abbruch – und Good News soll man kommunizieren.»

Nachhaltigkeit als schiere PR-Übung? Wenn dem so wäre, sagt Carsten Schloter, wäre die Visibilität des Swisscom-Engagements ungleich grösser. Tatsächlich ist kaum bekannt, dass der Telekomkonzern mit dem Projekt Mistral, der öko­effizienten Kühlung der Rechenzentren, den Stromverbrauch um zehn Prozent senkt. Und wer weiss schon, dass Schloters Firma, zweifellos ein Energieverbraucher der Sonderklasse, der grösste Ökostrombezüger des Landes ist? Dass die Migros vor zwei Wochen am Retail World Congress in Barcelona, dem wichtigsten Branchentreffen, mit dem Titel «Nachhaltigstes Unternehmen 2008» ausgezeichnet wurde, war vorerst nur in einem Fachblatt zu lesen (siehe Box Mi­gros im Anhang).

Persönliche Mission. Oft sind es Chefs oder Grossaktionäre, denen neben der Ökonomie soziales und öklogisches Wirtschaften wichtig ist. Albert Baehny, Konzernchef von Geberit, gemäss Oekom Research mit Rang 5 benotet und in internationalen Ratings ein Musterbeispiel in Sachen Nachhaltigkeit, ist getrieben von einer persönlichen Mission: «Ich habe mir vorgenommen, meinen ökologischen Fussabdruck zu verbessern.» Als Privatmann nutze er aktiv den «CO2-Monitor», der seit Anfang Jahr via Intranet zugänglich ist. Hier können CO2-Emissionen, die im Alltag anfallen, exakt berechnet und allenfalls reduziert werden. Als Chef von Geberit versuche er zudem, das Thema bei jeder internen wie externen Präsentation anzusprechen, um «die Leute zu sensibilisieren».

Engagement statt Lippenbekenntnisse – «viele Firmen haben heute ehrgeizige Ziele», sagt Felix Meier. Seit 14 Jahren bei WWF Schweiz, ist er heute Leiter Konsum und Wirtschaft und dafür bezahlt, Schweizer Firmen für die Anliegen von WWF zu gewinnen und über Kooperationen zu verpflichten. Bis vor einigen Jahren ein Knochenjob. «Erfolg hatten nur Massnahmen, mit denen sich sparen liess», sagt er, «die meisten Unternehmen beschränkten sich aufs Minimum und aufs Naheliegendste wie Stromsparen.» Heute läuft es der Umweltorganisation wie am Schnürchen. Gemäss Meier ist die Bereitschaft zur Kooperation mit einer Nicht­regierungsorganisation (NGO) wie dem WWF in der Schweiz ungleich grösser als in allen anderen Ländern, in denen die Organisation aktiv ist.

Auch bei WWF selbst hat sich einiges getan. Statt wie bis vor kurzem zum Boykott von Tropenholz aufzurufen, macht sich die Umweltorganisation heute für den Einsatz von Tropenholz mit dem FSC-Nachhaltigkeits-Gütesiegel stark. Statt Flugreisen wegen ihrer hohen CO2-Emissionen zu verteufeln, hat WWF mit Swisscom eine Partnerschaft zur ­Lancierung von IT-Angeboten wie Video Conferencing besiegelt, die Flugreisen unnötig machen. «Die Zeit ist ideal», sagt Meier, «das Echo aus der Wirtschaft gut.» Indes: Partnerschaften mit Atom­energiegesellschaften, Erdöl- und Autokonzernen sind tabu, Kooperationen mit Unternehmen, die viel versprechen und nichts halten, werden aufgelöst. «Lippenbekenntnisse akzeptieren wir nicht», sagt Meier, «auch zum Schutz unserer Glaubwürdigkeit.»

Öko-Effizienz. Die aktuelle Rezession wird zum Lackmustest für die Nachhaltigkeitseuphorie, sind Experten überzeugt: Kostenfaktor oder Marktchance? Otto Bisang, im November 20 Jahre Umweltbeauftrager bei der Credit Suisse, sieht der gegenwärtigen Situation gelassen entgegen. Er hat schon manche Krise durchlebt. «Als ich begann, war ich allein.» Heute kümmert sich bei der CS eine ganze Nachhaltigkeitsabteilung mit Juristen und Naturwissenschaftlern um die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards. Einen Abbau gab es nie, auch in der Krise von 2001 nicht, obwohl Bisang immer wieder für Anliegen und Ressourcen kämpfen musste.

Bisangs Argument: Mit Öko-Effizienz lässt sich sparen. So hat die CS mit einer neuen Virtualisierungssoftware 2008 die Server-Auslastung derart erhöht, dass 5500 dieser Stromschlucker – jeder vierte – abgeschaltet werden konnten. Allein in der Schweiz kauft die Bank pro Jahr Strom für 30 Millionen Franken. Jede Einsparung wirkt sich doppelt aus: tiefere Kosten, geringere CO2-Kompensationszahlungen. Seit 2006 ist die Bank in der Schweiz CO2-neutral unterwegs. Diese Efforts schlagen auf das Oekom-Rating durch – mit Rang 9.

Das Attribut nachhaltig findet auch bei Investoren Anklang. Gemäss dem «World Wealth Report 2008» investierten zehn Prozent der Anleger mit einem Investi­tionsvolumen von über einer Million Franken in sogenannte Socially Responsible Investments. In der Schweiz stiegen die verwalteten Vermögen von Nachhaltigkeitsfonds letztes Jahr um elf Prozent.
Eine andere Statistik spricht ebenfalls dafür, dass sich der Trend auch in der aktuellen Krise wird halten können. Investments in nachhaltig geführte Unternehmen erweisen sich als krisenresistenter, jedenfalls bis jetzt. Dies zeigt eine Berechnung der Bank Sarasin, die seit 20 Jahren Nachhaltigkeitsanalysen betreibt und in der Branche als Vorreiter gilt (siehe Grafik im Anhang).

Sarasin macht es vor. Manche Gepflogenheit erinnern an eine NGO: Intern wird ausschliesslich mit rezykliertem Papier gedruckt und kopiert, 85 Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen. Auch eine Studie der Universität Zürich und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim belegt, dass Aktien von Firmen mit höherem Nachhaltigkeits-Rating besser sind als andere – und zuverlässiger. Steigende Energiepreise und strengere Umweltauflagen sind künftig Kostentreiber, die öko-effiziente Unternehmen eher abfedern können. Zudem reduzieren sich die finanziellen Risiken möglicher Zusatzkosten (Reputation, Produktehaftpflicht).

Führende Positionen. Auffallend ist: Schweizer Industriekonzerne belegen in ­internationalen Vergleichen oft Top-Positionen. Michael Diaz, Geschäftsführer der Schweizer Rating-Agentur Inrate: «Gerade die Schweizer Industrie stand im Fokus der NGO, das hat ihr Nachhaltigkeitsniveau erhöht.» Holcim-Grossaktionär Thomas Schmidheiny, als Zementhersteller ein riesiger CO2-Emittent, nahm sich deshalb frühzeitig der Treibhausgase an. Heute ist der Zementhersteller weltweit führend, wie die Bewertungsagentur Sustainable Asset Management SAM in ihrer Studie «Die nachhaltigsten Unternehmen der Welt» zeigt. Hier einen Spitzenplatz zu belegen, ist Gold wert: Mit den Resultaten von SAM wird der Dow Jones Sustainable World Index berechnet, der wichtigste globale Gradmesser nachhaltiger Investments.

Die Nachhaltigkeitswelle der Investoren hat, wie das Oekom-Rating zeigt, die Konzernchefs definitiv erfasst. Nicht nur: CS-Experte Otto Bisang, Mann der ersten Nachhaltigkeitstunde, radelt frühmorgens im Sport-Tenue von der Zürcher Goldküste ins Büro hinter dem Paradeplatz, wo ein frisches Hemd, Krawatte und Anzug auf ihn warten.

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