Meine Arme sind gelähmt. Ich habe einen Fehler gemacht. Nicht die Arme senken, hatte sie gesagt. Ich habe es vor lauter Stress vergessen. Es ist wie ein derber Krampf. Der Trizeps sticht fürchterlich, als ich die Arme wieder anheben will. Nach nur fünf Minuten Training komme ich an meine Grenzen.

Wenn man alles richtig macht, ist die elektrische Muskelstimulation (EMS) eine grossartige Sache. Man kann richtig viel Zeit damit sparen: zwanzig Minuten im Studio statt einer Stunde im Fitnesscenter. Hat man das Glück, dieses Training mit Sandra Heeb zu machen, wird die Sache umso angenehmer. Auch wenn man die bezaubernde Rheintalerin beim Training phasenweise lieber auf den Mond schiessen würde. Du bist ja nicht zum Entenfüttern hier, lacht sie mich an.

Eigentlich nichts Neues

Ich war ja versucht, EMS als Fitnesstraining für Faule abzutun. Muskeln aus der Steckdose: Was soll daran anstrengend sein? Schon im Vorgespräch mit Heeb wird aber klar, dass ich mich getäuscht habe. Du wirst gleich spüren, dass sich EMS und Faulheit nicht vertragen, feixt sie.

EMS ist eigentlich nichts Neues. Unlängst wurde aber das Training verfeinert. Man spricht jetzt von Muskelaktivierung, also EMA. Durch den Körper fliesst nun Mittel- statt Niederfrequenzstrom (2000 Hertz). Die Kadenz der elektrischen Aktivierung wurde verfeinert. Dazu kommt: Man lässt die Leute Liegestütze, Klimmzüge und Kniebeugen machen, während die Stromstösse durch ihre Nervenbahnen geschickt werden. Das steigert die Effizienz, meint Heeb.

Das EMA-Update verlieh der Trainingsmethode in den letzten zwei Jahren neuen Schub. Alleine in der Stadt Zürich wird es inzwischen von zehn Studios angeboten. Jenes von Heeb heisst Woo und war das zweite in der Stadt. Die meisten Studios bieten heute sowohl EMS als auch EMA an.

Zu viel Fett, zu wenig Muskeln

Die erste Ladung Strom ist noch angenehm. Eigentlich spüre ich nichts. Aber wir sind auch noch nicht im richtigen Training. Heeb unterzieht mich zuerst einer bioelektrischen Impedanzanalyse (BIA). Die Elektroden an Hand und Fuss messen Wasserhaushalt und Ernährungsstatus. Es geht um die Bestimmung meiner Körperzusammensetzung.

Da bin ich fast schon so etwas wie der Posterboy des gemässigten Schweizer Breitensports. Seit zehn Jahren jogge ich zweimal pro Woche etwa 45 Minuten lang auf flachem Terrain. Ich bin von schlanker Statur und fühle mich grundsätzlich jünger als die 36 Jahre, die ich bin. Einzig die Wölbung im Bauchbereich macht mir zunehmend Sorgen. Offenbar habe ich meine Fitness aber komplett falsch eingeschätzt.

Die BIA zeigt, dass ich für meine 1,80 Meter und 77 Kilo überdurchschnittlich viel Körperfett und zu wenig Muskeln habe. Heeb schaut mich besorgt an: Nimmst du auch genug Proteine zu dir? Es zeigt sich, dass mein Fleischkonsum die Ursache sein könnte. Den habe ich zuletzt stark heruntergefahren, ohne ihn mit anderen Proteinen zu kompensieren. Eier, Fisch und Fleisch, empfiehlt mir Heeb. Ihr Ton verrät, dass ich nicht der Erste bin, dem sie das sagt.

Alles zuckt

Zehn Minuten später spritzt mir der Schweiss aus allen Poren. Ich bin mit dem AmpliTrain verkabelt, einer Art Generator. Der Strom fliesst in einen engen Einteiler, den ich überziehen musste. Darin sind die Elektroden verteilt, die den Strom in die wichtigsten Muskelgruppen schicken. Ich sehe mich mit einer völlig neuen Form von Stress konfrontiert. Alles zuckt.

Heftige Stromstösse durchfahren meinen Körper. Heeb befiehlt mir mit bestimmter, aber motivierender Stimme, die Arme zu heben, in die Knie zu gehen, auszuatmen und die Muskeln anzuspannen. Scheinbar alles gleichzeitig. Ich kann mich nicht konzentrieren. Sie dreht am Regler des Generators. Sein Display zeigt fünf verschiedene Prozentwerte an. Es ist die Stromspannung für Arme, Brust, Bauch, Oberschenkel und Po. Kann ich beim Bauch noch etwas raufdrehen?, ruft sie mir zu. Es ist keine Frage. Ich stöhne: Nein, nicht. Sie macht weiter und verspielt für die nächsten zehn Minuten alle Sympathien.

Dann schiebt sie mich vor den Cologna. Wie der Name schon impliziert, imitiert man damit die Bewegungen eines Langläufers. Man zieht Griffe an Schnüren von oben nach unten und geht in die Knie, etwa so, als würde man auf der Loipe skaten. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Füsse starr bleiben. Als Heeb das vor dem Training vorgeführt hatte, sah es viel flüssiger aus als bei mir.

Umstrittene Wirkung

Russische Wissenschaftler sollen die EMS in den siebziger Jahren an ihren Olympia-Athleten ausprobiert haben. Als eine Art natürliches Doping. Man sprach von 30 bis 40 Prozent mehr Kraft durch die Muskelstimulation. Später setzten sich seriöse Wissenschaftler mit dem Thema auseinander.

Einzelne Studien weisen einen leichten Vorteil gegenüber herkömmlichem Krafttraining aus, andere stellten keinerlei Unterschied fest. Offenbar fühlten sich viele Probanden danach einfach stärker, ohne tatsächlich an Kraft zugelegt zu haben. Unter Sportwissenschaftlern geht die Geschichte eines Kugelstossers um, der nach mehreren EMS-Trainings zwar das Gefühl hatte, Löcher in die Kugel drücken zu können, diese aber keinen Zentimeter weiter stiess.

Auch an der Kondition arbeiten

Für Profisportler scheint EMS eine willkommene Ergänzung zu sein. Kraft und Fitness werden trainiert, die Gelenke geschont. Nach Verletzungen kann EMS gezielt die Muskeln reaktivieren. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sieht in der Methode ein nützliches Instrument, um Muskelmasse aufzubauen. Aber wer abnehmen oder einfach fit bleiben wolle, müsse eben auch an der Kondition arbeiten.

Sandra Heeb weiss das. Die diplomierte Wellnesstrainerin war früher Geräteturnerin und machte daneben Leichtathletik. Als sie damit aufhörte, legte sie stark an Gewicht zu. Dank EMS habe sie 15 Kilo wieder verloren, die Hälfte davon in zweieinhalb Monaten. Ohne Ausdauertraining und proteinreiche Ernährung hätte sie das aber nicht geschafft.

700 Kalorien verbrannt

Noch fünf Minuten. Ich komme an meine Grenzen. Einfachste Übungen werden mit den Stromstössen zur Tortur. Ich muss mich konzentrieren, bloss keine Fehler machen. Die Arme bleiben jetzt oben. Für eine Sekunde entspanne ich meine Oberschenkel. Als der maledeite AmpliTrain neue Stromstösse losschickt, zucke ich zusammen. Aber nicht deswegen muss ich eine Pause einlegen. Mir wird etwas schwindlig ob der ganzen Anstrengung. Die intermuskuläre Koordination und Heebs Befehle brachten mich ins Schwanken. Sie hält mir einen orangen Powerdrink hin, der mich tatsächlich innert einer Minute wieder auf die Beine bringt.

Die letzte Runde wird aber nochmals brutal. Auch wenn ich keine Übungen mehr machen muss. Jetzt setzt der Apparat schnelle, harte Stösse ab. Das Anspannen der Muskeln ist dermassen anstrengend, dass mir die letzte Minute wie zehn vorkommt. Dann ist endlich Schluss. Ich habe in den 20 Minuten zwischen 600 und 700 Kalorien verbrannt.

Neun von zehn kommen wieder

Heeb hält beide Hände flach in die Luft, und ich bringe noch knapp genug Kraft auf, um einzuschlagen. Später sitzt sie im Schneidersitz auf dem Boden und räumt ein, dass sie mich etwas hart drangenommen habe. Fakt ist aber, dass nach dem Probetraining neun von zehn Leuten wiederkommen, bekräftigt Heeb. Täglich betreue sie inzwischen 10 bis 15 Kunden. Nun findet sie selber fast keine Zeit mehr fürs Training.

Für mich ist das nichts. Doch mich interessiert auch die Hantelbank nicht. Joggen genügt mir. Wer Gewicht verlieren oder Muskeln aufbauen will und wenig Zeit hat, ist beim Stromtraining aber bestens aufgehoben. EMS eignet sich ganz besonders für Menschen, die ihre bewegungsarme Arbeit mit Fitness in der Mittagspause kompensieren wollen.

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