Einfach kann es nicht sein, in der überschwappenden Welle der riesigen «Boliden am Handgelenk» den Charme der schlichten Einfalt wiederzuentdecken. Dennoch: Die Entwicklung ist unübersehbar. Uhren werden einfacher, eleganter – und vor allem flacher. Ist «weniger» ein totaler Trend? Unter den 36 Millionen Uhren, welche die Schweizer Uhrenindustrie 2013 schätzungsweise produziert hat, fallen die flachen zahlenmässig nicht gross auf.

Im High-End-Segment sieht es dagegen anders aus. Da hat sich das Angebot massiv ausgeweitet. Nicht alle sind sie wirklich extraflach, aber doch flach genug, um sich einen soliden Platz in der Domäne der Diskretion zu sichern. Unangefochtener Rekordhalter war lange Zeit Vacheron Constantin mit der erstmals im Jahr 1955 aufgelegten Ultra-Fine. Dafür hatten die Genfer Konstrukteure eigens ein Werk mit einer Gold-Platine und Gold-Brücken entwickelt. Das Kaliber 1003 begnügt sich mit einer Höhe von 1,63 Millimetern und die Ultra-Fine 1955 mit insgesamt 4,1 Millimetern. Die Renaissance der Ultra-Fine im Jahre 2010 war ein Signal, das nicht unbeachtet blieb.

Identitätsstiftend

Schon gar nicht in Le Sentier. Die Uhrmacher von Jaeger-LeCoultre fertigen seit über hundert Jahren eines der flachsten Werke überhaupt. Ihr Kaliber 849 begnügt sich mit schmächtigen 1,85 Millimetern und braucht minimal mehr Höhe als das Genfer Goldkaliber aus den fünfziger Jahren. Dafür gelang den Gehäusetechnikern in Le Sentier der Coup, die Master Ultra Thin Jubilee aus Anlass des 180-jährigen Bestehens von Jaeger-LeCoultre auf eine Höhe von 4,05 Millimetern zu reduzieren.

Lachender Dritter ist Piaget. Philippe Léopold-Metzger, deren langjähriger Chef, verzichtete lange bewusst darauf, Piaget mit einer Leitlinie zu assoziieren. Seit gut drei Jahren setzt er jedoch konsequent auf die extraflachen Altiplano, um das Gesicht der Marke zu konkretisieren. Dafür scheut er keinen Aufwand. Seine Uhrmacher im neuenburgischen Côte-aux-Fées gingen gründlich über die Bücher, um die beiden «friendly competitors» zu unterbieten. Mit 3,65 Millimetern Höhe setzt sich die auf dem SIHH 2014 in Genf lancierte Altiplano 38 mm 900P erkennbar an die Spitze.

Möglich wurde diese Leistung durch einen seltenen Kunstgriff. Der Boden der Altiplano ist gleichzeitig die Werkplatine. Das Werk wird – wie die Swatch und vor ihr die Delirium, die flachste Uhr überhaupt – von oben direkt in das Monocoque-Gehäuse montiert. Dass die Piaget-Uhrmacher und -Habilleure die Gelegenheit nutzten, die Mechanik zu visualisieren und sozusagen ein supergertenschlankes Halbskelett zu kreieren, freut Léopold-Metzger besonders: «Mit der Altiplano 900P gelang es, Piagets Vorstellung der feinen Mechanik im ultraflachen Format unmittelbar zu zeigen. Und damit gleichzeitig eine über Jahrzehnte aufgebaute Kompetenz. Die Altiplano 900P ist Ausdruck des Wesens von Piaget.»

Identitätsstärkende Qualitäten sind auch der Tonda von Parmigiani nicht abzusprechen. Mit ihrer sehr gross ausgebauten kleinen Sekunde und den sublimen Proportionen gibt sie der feinen Manufaktur ein verführerisch attraktives Gesicht.

Die Parmigiani Tonda glänzt mit einem exzellenten Automatikwerk. Es bescheidet sich mit 2,6 Millimetern Höhe – dank dem exzentrischen Rotor und dem stattlichen Durchmesser von 30 Millimetern. Die Uhr selber bringt es auf 7,8 Millimeter, und Parmigiani-CEO Jean-Marc Jacot ist damit zufrieden: «Die Tonda 1950 ist nicht super-extraflach, aber wirklich flach und schlicht, gleichzeitig technisch hochwertig und in dieser Kombination repräsentativ für die Marke.» Übrigens: Das flachste Automatikkaliber ist das 1208P von Piaget. Es hat eine Höhe von 2,35 Millimetern und die Altiplano selber ein Scheitelmass von 5,25 Millimetern. Und zwar mit einer Sekundenanzeige. Wenn auch einer exzentrischen zwischen 4 und 5 Uhr.

Neue Dimension

In der gleichen Kategorie – flaches Automatikwerk mit kleiner Sekunde – hat auch Chopard mit der L.U.C. XPS ihren festen Platz. Chopard-Co-Patron Karl-Friedrich Scheufele kann für sich in Anspruch nehmen, diese Kategorie kreiert zu haben. Als die L.U.C. XPS 2006 beim Grand Prix d’Horlogerie prämiert wurde, war sie die einzige flache Automatik-Armbanduhr mit exzentrischem Rotor, doppeltem Federhaus und einer Gangreserve von 65 Stunden – noch dazu mit einem Chronometer-Zertifikat. In dieser Werkkomplexität ist die L.U.C. XPS immer noch einzigartig: 3,3 Millimeter das Werk, 7,13 Millimeter die Karosserie.

Gut vertreten in dieser Kategorie ist weiterhin Zenith mit der Heritage Ultra Thin. 3,47 Millimeter sind für ein Automatikwerk ein ordentlicher Wert, 8,3 Millimeter Gesamthöhe zweifellos attraktiv. Zenith-CEO Jean-Frédéric Dufour war Produktchef bei Chopard, bevor er Chef in Le Locle wurde. Dass er eine glückliche Wahl war, um Zenith wieder in Schwung zu bringen, bestätigt sich immer mehr. Nicht zuletzt auch mit der Ultra Thin, die auch als Ultra Thin Lady mit einem kleineren Gehäuse ausgeliefert wird.

Blancpain schickte in der Kategorie der Slim-Line-Automaten die extraflache Villeret ins Rennen. 3,3 Millimeter für das Werk, Kaliber 11C5 mit 100 Stunden Gangreserve, sind mehr als eindrücklich. In der Gesamtgrösse bringt es die Villeret auf 8,55 Millimeter. Die Villeret-Variante mit der zentralen Sekunde (Kaliber 1151) glänzt mit folgenden Massen: 3,25 Millimeter für das Werk und 8,7 Millimeter für das Gehäuse. Die Sekundenanzeige kostet eben deutlich Höhe.

Das noch etwas exklusivere Feld der flachen Komplikationen teilen sich ­unangefochten Jaeger-LeCoultre und Vacheron Constantin. Die Uhrmacher aus Le Sentier brillieren mit einem extraflachen ewigen Kalender (9,2 mm Höhe), noch dazu mit vollständiger Jahresangabe und automatischem Aufzug, sowie einem extraflachen Tourbillon. 6,4 Millimeter für das Werk, 11,3 Millimeter für das Gehäuse. Ebenfalls mit automatischem Aufzug.

Auf dem Salon in Genf gibt schliesslich die extraflache Grande Reverso 1931 ihr unlimitiertes Début: mit dem einzigen flachen Formwerk (2,95 Millimeter) – also rechteckig wie das Gehäuse – und einer Gesamthöhe von 7,3 Millimetern, was gar nicht so einfach ist, da das Drehgehäuse mit seiner Halterung unweigerlich Zusatzhöhe beansprucht.

Superflach, superteuer

Eindrücklich ist die extraflache Minutenrepetition von Vacheron Constantin. Patrimony Contemporaine Ultra-Plate Calibre 1731 lautet die offizielle Bezeichnung. 3,9 Millimeter für ein Minutenrepetitionswerk ist eine Leistung, die so bald niemand nachmachen wird. Dies war nur möglich mit einer integrierten Neukonstruktion. 8,09 Millimeter für das Gehäuse sind ebenfalls ein solider Wert. Eindrücklich ist ­allerdings auch der Tarif: 362 000 Franken. Diskretion hat mitunter ihren Preis. Besonders wenn sie bei Bedarf noch tönt. Bei solchen Tarifen sind die Extraflachen kein Volumentrend. Aber sicher ein ästhetischer. Wie immer gilt: Jeder Massenbewegung geht eine intelligente Bewegung voraus.

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