Was darf Google kosten? Bei keiner anderen Aktie gehen die Meinungen der Analysten derzeit so weit auseinander. Im August 2004 mit 100 Dollar gestartet, erreichte die Aktie im Januar mit 475 Dollar ihren vorläufigen Zenit. Seitdem ist das Papier stetig gefallen, auf derzeit 365 Dollar und 108 Milliarden Dollar Börsenwert. Geht es weiter bergab?

Nein, meint Safa Rashty, Analyst der amerikanischen Investment Bank Piper Jaffray. Er sieht Google bis Jahresende auf 600 Dollar klettern. Mark Stahlmann vom Investment-Haus Caris & Company lehnt sich noch viel weiter aus dem Fenster. Er prophezeit, dass Google in den nächsten Jahren einen Börsenwert von knapp 600 Milliarden Dollar erreichen könnte. Scott Devitt von Stifel Nicolaus fühlt sich bei solchen Prognosen an den kollektiven Taumel Ende der neunziger Jahre erinnert. Er rät seinen Klienten, die Papiere von Google zu verkaufen. «Die Bewertung ist verrückt, verglichen mit dem, was sie tun», sagt auch Fred Hickey, Autor des renommierten Newsletters «High-Tech Strategist».

Das Stochern im Nebel liegt darin begründet, dass Google sich nicht um Wall-Street-Traditionen schert. Gewinnprognosen lehnt das Unternehmen generell ab. Umso fiebriger reagieren Anleger auf überraschende Äusserungen hochrangiger Google-Manager. Der Kurssturz von 13 Prozent im Nachgang einer skeptisch aufgefassten Präsentation von Finanzchef George Reyes vor ein paar Wochen unterstreicht, wie das Misstrauen wächst.

Schlecht kommt an, dass die Gründer mittlerweile zu Milliardären aufgestiegen sind. Auch das Bekenntnis von Google-Chef Eric Schmidt, dass Google nicht zum langfristigen Wohl ihrer Aktionäre, sondern demjenigen ihrer Kunden operiere, sorgte für weiteres Unbehagen. So sehr, dass Google die Investor-Relations-Abteilung ausbaute. Diese könnte vielleicht erklären, warum bei einem der wertvollsten Unternehmen der Welt gemeine Aktionäre keinen Einfluss haben. Denn die Aktien sind in zwei Klassen, A- und B-Papiere, eingeteilt. Obwohl Unternehmensinsider rund um die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin sowie Vorstandschef Schmidt in den letzten zwölf Monaten etwa 2,8 Milliarden Dollar über Aktienverkäufe einsackten, halten sie nach jüngsten Zahlen 69 Prozent an Google. Der Trick: Die so genannten B-Aktien haben ein zehnfaches Stimmrecht. Brin, Page und Schmidt halten davon 83 Prozent – und so die Kontrolle. Chinesische Verhältnisse also am vermeintlich so anlegerfreundlichen US-Aktienmarkt.

Pessimisten warnen, dass Google an Schwung verlieren und in diesem Jahr Marktanteile im Online-Werbegeschäft an Microsoft und Yahoo abgeben könnte. Und auch Kunden murren schon: Unternehmen beklagen sich, dass die Werbung auf Google zu teuer sei.

Zudem gelten in diesem Jahr auch für Google veränderte Vorschriften für die Bilanzierung von Aktienoptionen. Wer die Google-Finanzberichte aufmerksam liest, findet eine Vielzahl von Warnhinweisen. «Der Methodenwechsel wird wahrscheinlich einen äusserst negativen Effekt auf unseren Cashflow haben», heisst es da eindringlich. Über die Höhe können Anleger nur spekulieren. Als fast sicher gilt, dass Google in diesem Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag für Optionen negativ in der Gewinnberechnung verbuchen wird. Schätzungen, die bis zu einer halben Milliarde Dollar reichen, sind nicht von der Hand zu weisen. Das wäre ein Drittel des Gewinns 2005. Damit würden sich die optimistischen Gewinnschätzungen der Analysten in Luft auflösen. Das für 2006 geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt mit 41 ohnehin sehr hoch.

Anleger sollten sich an Microsoft und Cisco erinnern. Nach den ersten stürmischen Wachstumsjahren flachten die Kurskurven enorm ab. Seit acht Jahren ist mit beiden Papieren kein Blumentopf zu gewinnen. Auch der Google-Kurs dürfte früher oder später eher bei 100 als bei 1000 Dollar landen.

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