1. Home
  2. Lifestyle
  3. Die Fotografie als Feind oder Freund der Malerei

Kunst 
Die Fotografie als Feind oder Freund der Malerei

Imported Image
Kamera: Ein Bild war nicht immer Vorbild.  Pixabay

Gepaust und abgemalt? Eine neue Ausstellung im deutschen Neuss zeigt den Konkurrenzkampf von Malerei und Fotografie. Die Kuratorin musste sich dafür als Detektivin betätigen.

«Wer sieht das menschliche Gesicht richtig, der Fotograf, der Spiegel oder der Maler?», fragte sich Pablo Picasso einst. Wie die Fotografie die Porträtkunst beeinflusste, zeigt eine Ausstellung im deutschen Neuss.

«Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und der Faulen.» Ein vernichtendes Urteil fällte der französische Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) über die Fotografie.

Vorbild Foto

1839 erfunden, trat die Fotografie schon in den folgenden Jahren ihren Siegeszug an. Überall entstanden Ateliers. Zum ersten Mal gab es eine Alternative zur teuren und zeitraubenden Porträtmalerei. Sogar Fotofeind Baudelaire liess sich ablichten, und zwar von Nadar, dem Starfotografen der Zeit. Exakt nach dem Vorbild dieses Fotos fertigte dann der Impressionist Édouard Manet eine Radierung an, nur mit dunklerem Hintergrund.

Manets Baudelaire-Porträt ist im Besitz des Clemens Sels Museums im deutschen Neuss. Das Museum nahm seinen Bestand an Porträts berühmter Maler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zum Anlass, den Einfluss der Fotografie auf die Malerei auszuloten.

Das Verhältnis der Maler zur konkurrierenden Fotografie war äusserst zwiespältig, wie die vergangenen Sonntag eröffnete Ausstellung «Wunsch und Wirklichkeit» (bis 18. Februar 2018) anhand von 100 Werken und rund 80 Fotografien bekannter Künstler zeigt.

Im Verborgenen

Manchmal ist der Einfluss der Fotografie direkt zu belegen wie etwa bei Manets Baudelaire-Porträt. Jugendstilmaler Franz von Stuck pauste sogar ungerührt die Fotos seiner Frau oder Tochter auf die Leinwand durch. Aber: «Er vertuschte und verheimlichte die Fotos zu Lebzeiten», sagt Kuratorin Romina Friedemann.

Denn ein Porträt nach einem Vorbild abzumalen, galt als unkünstlerisch, als Makel. Erst in den 1960er Jahren habe man im Stuck-Nachlass rund 110 Fotos gefunden, sagt Friedemann. Und darauf sind sogar noch die Einkerbungen der Pauslinien zu erkennen.

Vergleicht man allerdings die Fotos mit den gemalten Porträts, so erkennt man deutliche Unterschiede – und die Handschrift des Künstlers. Auf dem Porträt schaut Stucks Tochter Mary unschuldiger und jünger aus. Ihr Dekolleté ist nicht mehr so freizügig wie auf dem Foto, sondern hochgeschlossen. Beim Porträt von Stucks Frau ist nur noch der Kopf nach Vorlage gemalt, beim Kleid hat er künstlerische Freiheit walten lassen.

Zu Asche gemacht

«Bis heute sind Reaktionen negativ, wenn es heisst, ein Maler habe vom Foto abgemalt», sagt Friedemann. Monatelang recherchierte sie in Archiven und Nachlässen nach Fotografien, die Ähnlichkeiten zu Porträts aufweisen könnten. Der Bezug ist häufig nur zu vermuten, aber nicht immer wie im Fall von Stuck zu beweisen.

Denn das Fotografieren von Modellen blieb, so Friedemann, oft ein «streng gehütetes Ateliergeheimnis». Aus Angst vor Enttarnung hätten viele Künstler ihre Fotos vernichtet oder versteckt.

Von Technik profitiert

Auch der belgische Künstler Fernand Khnopff leugnete zu Lebzeiten, dass er etwas mit Kameratechnik zu tun habe. In der Ausstellung aber ist ein Foto seiner Schwester Marguerite zu sehen, das sie mit einem auf Kopf und Schulter hohepriesterlich drapierten weissen Bettlaken zeigt. Jahre später malte Khnopff das Porträt Marguerites mit eben dieser Kostümierung. Erst nach seinem Tod wurden in seinem Atelier eine professionelle Kamera und Fotoabzüge gefunden.

Die Technik der Fotografie könnte den Stil der Künstler auch beeinflusst haben, so eine These der Ausstellung. So porträtierten sich Künstler wie Otto Dix gern selbst im Profil. Die Erfindung des Selbstauslösers ermöglichte es dem Künstler, ein Profilfoto von sich als Vorlage zu erstellen, anstatt langwierig Spiegel zu arrangieren. Letztlich trug die Fotografie vielleicht auch zur künstlerischen Befreiung der Porträtmaler bei: Sie mussten keine Wirklichkeit mehr nachahmen.

In sozialen Netzwerken werden heute täglich über 100 Millionen Fotos gepostet. «Und das sind zum grossen Teils Porträts», sagt Friedemann. «Wie möchte ich aussehen, wie soll man mich sehen, was ist das optimierte Bild von mir?» Diese Fragen aber sind so alt wie die Porträtkunst. Heute würde Dix vielleicht ein Selfie von sich posten.

(sda/jfr)

Anzeige