Darf Kreativität gemessen werden? Lassen sich Fantasie, individuelle Ausdruckskraft und gestalterisches Können anhand eines simplen Punkteschemas bewerten und in eine Rangliste pressen? Oder macht sich der Blasphemie schuldig, wer eine Hitparade des visuellen Mitteilungsvermögens erstellt? Verstösst es gegen den guten Geschmack und die Sitten, die umjubelten Exponenten der Kunstszene anhand ähnlicher Massstäbe zu klassifizieren wie Hollywood-Stars, Popsternchen oder Spitzensportler?

Als sich BILANZ im Jahr 1993 erstmals die Freiheit herausnahm, einen der faszinierendsten, aber auch undurchsichtigsten aller Märkte zu durchleuchten, war die Irritation in der Szene gross. Aus der Fachwelt schlug uns damals – wie nicht anders zu erwarten – eine Mischung aus Mitleid und Empörung entgegen: Kunst, schnöde klassiert und in eine Tabelle gegossen? Unverschämt!

BILANZ setzte sich über die Schelte hinweg und veröffentlicht seither alljährlich mit Blick auf die Kunstmesse «Art» in Basel eine Liste mit den 50 wichtigsten Schweizer Künstlerinnen und Künstlern. Der Versuch, bildnerische Leistung vergleichbar zu machen, polarisiert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass wir unser Ruhmesbarometer heuer bereits zum zehnten Mal in Folge publizieren und sich dieses unter Schweizer Ausstellungsmachern, Galeristen, Sammlern und nicht zuletzt in den Reihen der Direktbetroffenen – den Künstlern – mit den Jahren zu einem anerkannten und viel beachteten Popularitätstest entwickelt hat.

Wer in den top 50 der BILANZ auftaucht, so viel scheint unbestritten, hat sich auf nationaler Ebene einen Namen gemacht und ist damit in der schnelllebigen Szene – verzeihen Sie den Vergleich! – zu einem «Label» geworden. Kreativschaffende, die in die ersten zehn Plätze vorstossen und sich dort während längerer Zeit zu halten vermögen, gehören unbestritten zum Qualitätsfundament des inländischen Kunstbetriebs. Den internationalen Durchbruch haben Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren Werken in solch luftige Höhen vorstossen, in der Regel längst hinter sich.

Als ausnehmend stabil erweist sich denn auch die Spitzengruppe in unserem zur Tradition gewordenen Beauty-Contest: Fischli/Weiss (Gold), Pipilotti Rist (Silber) und Roman Signer (Bronze) lauten wie gehabt die klingenden Namen auf dem Siegerpodest. Insbesondere Peter Fischli (Jahrgang 1952) und David Weiss (1946) sind hier zu Lande eine Klasse für sich. Seit 1993, als die beiden bereits obenaus schwangen, liessen sich die Zürcher Neodadaisten nie mehr von der Spitzenposition verdrängen. Der Kultstatus des zurückgezogen lebenden Duos blieb in ihrer Heimat bis dato unerreicht. Auf einen der vordersten Ränge abonniert sind auch die Rheintalerin Pipilotti Rist (1962), deren sinnlich aufgeladene Selbstbespiegelungen zu den gefragtesten Exportartikeln inländischen Kunstschaffens gehören, und der Ostschweizer Performancekünstler und Sprengstoffexperte Roman Signer (1938).

Seit Jahren fest im Spitzenfeld verankert sind des Weiteren der Genfer Kunstheroe John Armleder (1948), Zeitgeistsurferin Sylvie Fleury (1961), der Installations-Maniac Thomas Hirschhorn (1957) und Ugo Rondinone (1963), ein multipel agierender Interpret, der zurzeit insbesondere in New York auf einer Popularitätswelle reitet. Auf den Plätzen acht, neun und zehn folgen drei Shooting-Stars der Szene: Fabrice Gygi aus der Westschweiz, der Zürcher Fotograf Olaf Breuning und Christoph Büchel, ein Basler Installationskünstler und Virtuose des arrangierten Chaos. Betrachtet man die übrigen Gewinner im Feld, so fällt auf, dass sich seit Ende der Neunzigerjahre überdurchschnittlich viele Talente nach vorne arbeiten konnten, die sich dem Medium Fotografie verschrieben haben.

Unter den Newcomern, die den Sprung unter die top 50 dieses Jahr erstmals geschafft haben, sticht das Künstlerduo Monica Studer / Christoph van den Berg hervor. Die fiktionalen Lebenswelten, die das Basler Aufsteigerduo mit Akribie am Computer entwirft, sorgen landauf, landab für Verwirrung, Aha-Erlebnisse und schmunzelndes Entzücken. Die Prognose sei gewagt: Von diesem Paar wird man noch hören.

Machen wir uns jedoch nichts vor: Nicht wenige der hochgespülten Namen verschwinden ebenso schnell wieder von der nationalen Bühne, wie sie aufgetaucht sind. Hoffnungsvolle Nachwuchskünstler nehmen einen steilen Aufstieg, laufen mit ihren Ideen dann aber ins Leere oder tauchen schon nach kurzer Zeit wieder in die Provinzliga ab. So sucht man auch einige der letztjährigen Neuzugänge in der aktuellen Liste vergeblich.

Noch ein Wort zur Jury, die wir in diesem Jahr umfassend erneuert haben. Insgesamt 38 Kunstexperten (davon 15 Neue) haben mit der Nennung ihrer persönlichen Favoriten zur Erstellung der vorliegenden Rangliste beigetragen. Mit 47 Prozent der Stimmen kommt dabei den Vertretern von öffentlichen Ausstellungseinrichtungen (Kunsthallen und Museen) das höchste Gewicht zu. 29 Prozent entfallen auf freie Kuratoren, Kritiker und Kunstexperten, während sich der Einfluss der Galeristen und Händler auf 24 Prozent der Stimmen reduziert hat (Vorjahr: 38 Prozent).

Ob es Sinn machen würde, die Expertenumfrage durch Zusatzinformationen wie die Ausstellungsfrequenz der betreffenden Künstler oder deren Medienpräsenz über die letzten zwölf Monate zu ergänzen, bleibe dahingestellt. Eine verfeinerte Methode, so wie sie etwa vom deutschen Wirtschaftsmagazin «Capital» zur Erstellung einer international besetzten Rangliste angewandt wird, erscheint mit Blick auf eine höhere Repräsentativität zumindest diskutabel. Im letztjährigen «Capital»-Kunstkompass belegte Pipilotti Rist den achten Platz. Fischli/Weiss brachten es aus deutscher Sicht auf Rang 28. Thomas Hirschhorn wurde 62ster und der Fotograf Beat Streuli 83ster. So viel zur grenzüberschreitenden Strahlkraft helvetischer Gegenwartskünstler.

Dass nur die Galeristen befangen seien, weil sie bei einer Umfrage schier nicht anders können, als ihre eigenen Schützlinge zu portieren, entspricht einer verbreiteten Illusion. Auch vermeintlich neutrale, unparteiische Museumsvertreter und so genannt freie Kuratoren setzen in den meisten Fällen auf ein persönliches Beziehungsnetz. Mit anderen Worten gibt es selbst für eingefleischte Hitparaden-Gegner keinen fundamentalen Grund, an eine Überlegenheit elaborierterer Methoden zu glauben.
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