Das Packen eines Koffers hat etwas Philosophisches. Wir müssen Ballast und Schnörkel abwerfen, um zur Essenz zu gelangen. Zu dem, was wir wirklich brauchen. Zugleich müssen wir pragmatisch vorgehen: Welches ist der Anlass der Reise? Wie lange dauert sie? In welche Klimazone führt sie? Mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit werden wir nach São Paulo andere Kleider mitnehmen als ins winterliche St. Petersburg.

Das Reisen ist innerhalb der modernen westlichen Welt demokratisiert. Es gelten für alle mehr oder weniger dieselben Spielregeln: möglichst rational zu reisen. Vor hundert Jahren war dies noch anders. Die Privilegierten liessen ihre gesamten Garderoben in Schrankkoffern transportieren. Gewicht und Volumen spielten keine Rolle. Heute nehmen allenfalls exzentrische Popstars wie Elton John noch ganze Garderoben mit mobilen Wandschränken auf Tourneen mit.

Das Gepäck von Geschäftsleuten soll möglichst klein sein und der Raum optimal ausgenutzt werden. Kaum jemand wird das Gesamtwerk von Immanuel Kant für eine dreitägige Geschäftsreise einpacken. Nicht nur die Auswahl der richtigen Kleidungsstücke ist indessen entscheidend, sondern auch die Art und Weise, wie wir sie im Koffer verstauen. Es ist zum Beispiel grob fahrlässig, am Abend vor dem Abflug Hemden und Hosen auf die Schnelle noch in den Koffer zu stopfen – am nächsten Morgen folgt dann der Auftritt in einem zerknitterten Hemd.

Für den Hemdenhersteller Ignatious Joseph ist dies eine Todsünde. Er ist im Monat während mindestens zweier Wochen geschäftlich unterwegs. Wann und wo man diesen Mann auch antrifft: Immer ist er perfekt gestylt. Joseph empfiehlt, für Geschäftsreisen nur das Allernötigste in einer kompakten, kleinen Tasche mitzunehmen. Seine Geschäftsreisen dauerten höchstens sieben Tage. Dies bedeute: sieben Hemden, sieben Krawatten und zwei Hosen. Ganz wichtig ist für ihn das Hemd. Es ist seine Visitenkarte. Es muss makellos sein – immer! Das Hemd sollte man einmal links und einmal rechts und dann in der Mitte falten. Lege man mehrere Hemden aufeinander, dann am besten jeweils die Kragenseite wechseln. In seiner Reisetasche hat er die Hemden immer ganz oben. Ignatious Joseph ist oft mit dem Auto unterwegs, sein Gepäck wird also nicht durchgeschüttelt. Für Notfälle hat er immer ein Reisebügeleisen dabei. Für Joseph ist das Reisebügeleisen die wichtigste Errungenschaft seit der Erfindung des Rads.

Ein ausgewiesener Experte in der Disziplin des Kofferpackens ist auch Jörg Zerbock, Direktor im Louis-Vuitton-Geschäft an der Zürcher Bahnhofstrasse. Zerbock hat einst angefangen, für seine Kunden kleine Workshops durchzuführen, in denen er zeigt, wie man einen Koffer optimal packt. Ein grosser Erfolg. Seither hatte Zerbock Gastauftritte in Russland, Japan und den USA. Die Verbindung der Marke Louis Vuitton mit dem Kofferpacken ist übrigens nicht einfach ein beliebiger Marketing-Gag. Schliesslich war Louis Vuitton professioneller Kofferpacker, bevor er seine eigenen Gepäckstücke zu produzieren begann und 1854 sein erstes Geschäft in Paris eröffnete.

«Das Ziel ist, mit knitterfreien Kleidern anzukommen und mehr in einen Koffer packen zu können», sagt Zerbock. Zuerst müsse man die Kleider präparieren, die man mitnehme. Wenn man alles vorbereitet und auf dem Bett ausgelegt habe, sollte man kontrollieren, ob etwas fehle – dann nämlich muss man gegebenenfalls später nicht den ganzen Koffer umpacken. Die Männer hätten es bei der Kleiderwahl farblich einfacher, sagt Zerbock. Wer zum Jackett noch eine Jeans mitnehme, sei eigentlich schon leger gekleidet. Bei den Frauen dagegen passten ein Paar Schuhe und eine Bluse nur zu jeweils einem bestimmten Kleid. Es scheint also doch nicht auf genetische Ursachen zurückzuführen zu sein, dass Frauen selbst auf einen Kurztrip nach Madrid tonnenweise Gepäck mitnehmen.

Ein weiterer Punkt sei die Wahl des Koffers, sagt Zerbock: Je delikater der Inhalt, desto fester solle die Hülle sein. Weiches Gepäck habe gegenüber hartem den Vorteil, dass man in irgendeine Ecke noch etwas hineinkriege. Und nun die Kernfrage: wie einpacken? Zerbock öffnet einen Koffer: «Man beginnt mit einer schweren Schicht und legt dann eine leichte darüber und dann wieder eine schwere.» Schwer sind Dokumente, Bücher oder Schuhe, leicht sind Hemden oder Hosen. Apropos Hosen: Zerbock legt eine Hose in den Koffer, die Hosenbeine über den Kofferrand hinaus. Bei einer zweiten Hose legt er die Beine auf einer anderen Seite über den Kofferrand hinaus. Erst wenn alles im Koffer drinnen sei, so Zerbock, würden die Beine hineingelegt. Der Clou: Es entstehen keine Knitter in den Hosenbeinen.

Hemden und Jacketts seien die eigentlich delikate Schicht, so Zerbock. Wichtig sei es, bei beiden die Kragen hochzuschlagen. Auch beim Jackett gilt das Gleiche wie bei Hosen: Die Ärmel werden über den Kofferrand gelegt und erst ganz zum Schluss hineingelegt. Das verhindert Falten. Und Falten sind der eigentliche Urfeind jedes professionellen Kofferpackers. Im Übrigen verhält es sich bei diesen Schichtungen ähnlich wie in der Weltpolitik, wo mehr ökonomische Verflechtungen auch mehr politische Stabilität bedeuten.

Und wenn das Hemd nun trotzdem zerknittert ist und man kein Reisebügeleisen dabeihat wie Ignatious Joseph? «Man hängt die Kleidung über der Badewanne auf und füllt dort sehr heisses Wasser ein», sagt Zerbock. So verschwinden die Falten. Allerdings gibt es auch hier keine Regel ohne Ausnahme, denn es funktioniert nur mit Baumwolle, Wolle und Kaschmir. Leinen dagegen saugt die Feuchtigkeit auf wie ein Schwamm, die Knitter aber bleiben.

Die Schuhe sind ein weiteres wichtiges Thema. Auf jeden Fall sollte man sie in einen Beutel packen, sagt Ignatious Joseph, dessen Erkennungsmerkmal seine roten Schuhe sind, die er bei einem Transsylvanier in Wien massschneidern lässt. Poliercrème sollte stets mit dabei sein. Joseph stopft seine Schuhe in der Regel mit Papier, Holzspanner wären die – allerdings schwerere – Alternative.

Wie in allen Glaubensfragen gibt es auch beim Kofferpacken keine letzten Wahrheiten. Die Abweichungen zwischen den verschiedenen Glaubensschulen manifestieren sich in Details. Zum Beispiel bei der Krawatte. Ignatious Joseph tendiert dazu, die Krawatte ganz am Schluss über die anderen Kleider zu legen – und nicht zu rollen. Jörg Zerbock dagegen plädiert fürs Rollen, und noch besser sei es, die Krawatte in Seidenpapier einzurollen und das Ganze abermals mit Seidenpapier zu umschlagen. «Manche verstauen dieses Päckchen dann in einem Schuh, aber ich finde diesen Gedanken nicht so angenehm», sagt Zerbock. Auch ein Smoking oder ein Abendkleid lasse sich, ganz mit Seidenpapier umhüllt, mit eingerollten Ärmeln zusammenlegen, was allerdings viel Platz beanspruche. Natürlich ist dies mit dem Seidenpapier eine ziemlich nostalgische Angelegenheit – Businessleute reisen kaum mehr so.

Eines ist inzwischen aber klar geworden: Es gäbe gute Gründe, das Kofferpacken in den akademischen Kanon aufzunehmen.

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