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Ausgewählt: Produktiver Müssiggang

Warum Faulenzen schöpferischer sein kann als Arbeit.

Von Maja Wyss
23.08.2005

Arbeit ist aller Laster Anfang. Jedenfalls in einer Zeit, in welcher der Gesellschaft die Arbeit ausgeht. Wenn der Begriff «Sockelarbeitslosigkeit» Allgemeingut und der dahinter steckende Tatbestand als «normal» betrachtet wird, dann verliert die als Arbeitsgesellschaft gedachte Marktwirtschaft ihre innerste Legitimation. Wenn Arbeitende zu «human resources» werden, zu versächlichten Quellen von Arbeitskraft, dann wird ihre Existenz als Menschen beeinträchtigt.

Eberhard Straub weist in seinem munter geschriebenen Buch nach, dass Arbeit in der Geschichte der Menschheit bis ins 19. Jahrhundert nie als sinnstiftend für die menschliche Existenz betrachtet wurde. Arbeit erscheint in der Schöpfungsgeschichte der Bibel als Strafe, die mit der Vertreibung aus dem Paradies verknüpft ist («Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen»). Thomas von Aquin hielt übertriebene Arbeitslust für eine Folge ungewöhnlicher Trägheit des Herzens. Goethe bezeichnete schon seine Zeit (1825) als «veloziferisch» – eine Wortschöpfung aus Velocitas (Geschwindigkeit) und Luzifer. Für ihn entsprach die Beschleunigung aller Lebens- und Arbeitsrhythmen einem satanischen Prinzip. Schiller riet seinen Lesern: «Fliehet aus dem engen dunklen Leben in der Ideale Reich.» Und für Karl Marx war lohnabhängige Arbeit per Definition «entfremdet» – sie macht den Menschen sich selbst fremd.

Umso erstaunlicher, dass sowohl die kapitalistische Marktwirtschaft (die in christlichen Ländern entstand) als auch die kommunistische Staatswirtschaft (die sich auf Marx berief) die Arbeit zum wesentlichen Merkmal der Gesellschaft machten. In den Marktwirtschaften ging es dabei um die individuelle Arbeitskraft, im Kommunismus um das Kollektiv; Arbeit war aber in beiden Systemen innig verbunden mit dem Menschsein. Der real existierende Sozialismus hat sich selbst erledigt, und die Arbeitsgesellschaft, die unter der Fahne der Marktwirtschaft segelt, befindet sich laut Straub «in heilloser Auflösung».

Straubs Gegenrezept: die Rehabilitierung des Müssiggangs. Ohne Müssiggang keine Musse und ohne Musse keine Kreativität. Nur ist die so entstehende Kreativität auf die Vervollkommnung des Menschen gerichtet. Und die hat nur sehr bedingt mit Arbeit zu tun.

Eberhard Straub
Vom Nichtstun
WJS Verlag, 136 Seiten, Fr. 28.60

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