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Ausgewählt: Phantomjagd

Unser wahres Ich ist heute dieses und morgen jenes. Endgültig ist keines von beiden, wahr vielleicht schon.

Von Maja Wyss
28.03.2006

Die Menschen und ihre Kultur, insbesondere die westlich geprägte, beruhen auf dem Individuum, das seinen je ganz besonderen Bedürfnissen nachgeht. Nur: Was macht eigentlich das Individuum aus? Seit es Menschen gibt, beschäftigen sie sich mit der Frage, woher sie kommen, wohin sie gehen, wozu sie auf der Welt sind. Kurz: wer sie sind. «Ich bin ich», wäre die einfachste, sich selbst erklärende Antwort. Sie führt nicht wirklich weiter, schon gar nicht zum «wahren Ich», das wir ja alle suchen. Und nicht finden. Werner Siefer und Christian Weber wissen auch, warum: Wir finden unser wahres Ich nicht, weil es das gar nicht gibt.

Anhand von zahlreichen Beispielen aus der neurologischen Forschung und Praxis zeigen die Autoren auf, wie flüchtig unser Ich sein kann. Ein aggressiver und jähzorniger 51-jähriger Schläger und Drogenkonsument wird nach einem geborstenen Aneurysma im Hirn zum Dichter und Maler. Was ist nun sein wahres Ich? Das frühere, das heutige oder ein drittes, noch aufzuspürendes? Oder Neglect-Patienten, die nach einer Beschädigung der rechten Hirnhälfte links nicht mehr funktionstüchtig sind, diesen Teil der Wirklichkeit aber ausblenden und sich für vollkommen gesund erklären: Was links misslingt, existiert für sie buchstäblich nicht mehr. Wo ist deren wahres Ich, oder haben sie nur noch ein halbes Ich?

Fazit aus den medizinischen Erkenntnissen: Das Ich ist ein äusserst fragiles Gebilde. Es kann durch äussere Einwirkung von einer Sekunde auf die andere verändert oder gar zerstört werden. Dass wir von Geburt an eine Persönlichkeit in uns tragen, die wir im Laufe unserer Erziehung und Sozialisation zu einer festen Grösse weiterentwickeln, ist ein Glaube, der durch neurologische Forschungen nicht bestätigt wird.

Was nicht heisst, dass wir gar kein Ich, gar kein Selbstbild haben. Wir basteln nur zeit unseres Lebens daran herum. Passen es veränderten Umständen an, sind dabei Einflüssen aller Art ausgesetzt, von der Werbung bis zur hohen Literatur, von der Familie bis zu den meinungsbildenden Peergroups. Und das Ich ist ein äusserst wandlungsfähiges Gebilde – von «wahr» kann gar keine Rede sein. Die Suche danach, so machen die Autoren glaubhaft, endet unweigerlich im Nichts.

Werner Siefer, Christian Weber: Ich. Wie wir uns selbst erfinden
Campus Verlag, Frankfurt, 320 Seiten, Fr. 34.90

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