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Ausgewählt: Parallele Welten

Die Salarierung der Topmanager ähnelt sich in den USA und Europa stark. Nur die Debatte ist anders.

Von Maja Wyss
12.07.2005

Wenn Schweizer Manager den Aufruhr um ihre hohen Saläre beklagen, verweisen sie meist auf die USA. Dort seien die Saläre noch höher, und sie würden von der Öffentlichkeit erst noch klaglos akzeptiert. Das Buch von Lucian Bebchuk und Jesse Fried, von der Harvard University herausgegeben, zeigt: Der erste Punkt trifft zu, der zweite gewiss nicht.

Nur ist die Diskussion in den USA eine andere. In Europa erregt schon die schiere Höhe der Topsaläre Anstoss, weil sie dem europäischen Streben nach sozialem Ausgleich widerspricht. Wenn in Firmen die Topsaläre 200-mal so hoch sind wie die tiefsten Löhne, gilt das a priori als unmoralisch. In den USA ist die Höhe der Spitzensaläre keine Frage der Moral, sondern eine der Leistung.

Die zwei Autoren kommen aber zum gleichen Schluss: Die Topsaläre sind zu hoch, nicht weil die Spitzenmanager böse Buben sind, sondern weil sie die entsprechende Leistung nicht bringen. Die Leistung messen Bebchuk und Fried strikt am Nutzen, der für die Aktionäre erwirtschaftet wird. Sie untersuchen, wie gross der Einfluss der Aktionäre auf die Salärgestaltung an der Spitze ist, wie transparent diese Saläre sind und wie angemessen.

Und da erweist es sich, dass die Lage in den USA sich gar nicht so sehr von der in Europa unterscheidet. Die Aktionäre haben wenig bis gar keinen Einfluss. Die Topsaläre werden zwischen Board und Management ausgehandelt, wobei oft das Prinzip «Eine Hand wäscht die andere» zum Zuge kommt: Board-Mitglieder sind häufig abhängig von Aufträgen, die das Management zu vergeben hat. Wirklich transparent ist auch das US-System nicht: Sonderzuweisungen an die Pensionskasse, Abgangsentschädigungen auch für untaugliche Manager, Fringe-Benefits auch nach der Pensionierung (Bebchuk/Fried berichten von pensionierten CEO, die lebenslang einen Firmenjet benutzen dürfen) werden nicht oder höchst unzureichend ausgewiesen. Und dass die amerikanischen Topsaläre mehrheitlich nicht durch Topleistungen zu rechtfertigen sind, belegen die Autoren mit zahlreichen Beispielen und reichhaltigem Quellenmaterial.

Kurz: Das Buch sei allen Schweizer Topmanagern empfohlen, die das Heil in Amerika suchen – sie könnten vom Regen in die Traufe geraten. Und es sei allen Kritikern empfohlen als Beispiel dafür, wie man die Salärfrage diskutieren könnte, ohne sich dem billigen Neidvorwurf auszusetzen.

Lucian Bebchuk, Jesse Fried: Pay without Performance
Harvard University Press, Cambridge, 278 Seiten, Fr. 43.40

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