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Ausgewählt: Europa aus Palästina

Warum wir alle längst Europäer sind, ohne zu wissen, was das ist.

Von Maja Wyss
01.11.2005

Europa, die dem Kontinent den Namen gab, war eine phönizische Königstochter, «die in der Gegend des heutigen Gazastreifens Blumen pflückte, als Zeus sie in Stiergestalt entführte und über das östliche Mittelmeer nach Kreta trug». So beginnt Adolf Muschg den ersten seiner vier Vorträge zur Frage, was eigentlich europäisch sei. Geografisch stammt Europa aus Palästina. Wie so vieles, was Europa ausmacht. Auch das Christentum wäre ohne den jüdisch-palästinensischen Prediger Jesus von Nazareth nicht entstanden.

Adolf Muschg ist ein überzeugter Europäer, der darunter leidet, dass «meine Republik» an diesem historischen Projekt nicht teilnehmen will, und sich freut, dass sie es dennoch tut. Als einziges Land des Kontinents kann diese Republik ein Ansinnen wie die Personenfreizügigkeit schadlos dem Volk unterbreiten. Die föderalistische Mikrostruktur der Schweiz ist eine Errungenschaft, die sich die grosse Europäische Union erst noch erarbeiten muss.

Europa ist für Muschg in erster Linie der Versuch, auf diesem blutgetränkten Kontinent dauerhaften Frieden sicherzustellen. Nicht indem man alle Widersprüche eliminiert, sondern indem man sie anerkennt und zivil zu lösen versucht. Auch damit knüpft Muschg an die altgriechische Welt an. Die EU wäre dann so etwas wie die Agora Athens, wo Konflikte friedlich ausgetragen wurden. Wer die Agora – und die EU – nur als Markt versteht, macht einen grossen Fehler. Der Ort des Handels, der Markt, gehörte für die alten Griechen zum Bereich «Banausia» – und auch der heutige Markt, so lässt Muschg damit durchblicken, wird weitgehend von Banausen bevölkert.

Als rein wirtschaftliches Projekt, so glaubt Muschg, hat Europa keine Zukunft, sondern nur als kulturelles, als politisches Projekt. Das haben die europäischen Menschen besser erkannt als ihre Politiker. «Die reale Verfassung ist weiter als die geschriebene; Europa ist längst Teil der Realität aller Europäer.» Auch jener, deren Staaten nicht in der EU sind. Daran ändern weder Europa-Turbos noch Europa-Skeptiker etwas; das bleibt mit oder ohne Europa-Verfassung so, mit oder ohne Bilaterale, mit oder ohne EU-Beitritt der Schweiz.

Europa, so lehrt uns Adolf Muschg, lebt nicht, weil das in Brüssel beschlossen wird, diesem «Vatikan der regulierten Deregulation», sondern einzig darum, weil es die Menschen, die Europäer eben, so wollen.

Adolf Muschg: Was ist europäisch?
C.H. Beck Verlag, München, 126 Seiten, Fr. 26.80

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