Nach dem Erscheinen des Uno-Weltklimareports Anfang Jahr will sich die Politik nun ernsthaft mit dem globalen Klima befassen. An sich ein erstaunlicher Sachverhalt, denn die meisten Aussagen dieses Reports waren längst bekannt. Immerhin können es sich seither nur noch hoffnungslose Ignoranten erlauben zu negieren, dass der Erde der Kollaps droht, wenn wir unsere CO2-Emissionen nicht drastisch reduzieren. Und viel wichtiger: Regierungen wollen jetzt endlich zur Tat schreiten.

So haben die 27 Staaten der EU Anfang März wenigstens die Absicht kundgetan, bis 2020 den CO2-Ausstoss um 20 Prozent zu reduzieren. Wir Europäer gehören ja auch zu den grössten Umweltverschmutzern der Welt. Falls nur schon ein bescheidener Teil des Projekts realisiert würde, wäre das, gemessen an dem, was bislang getan wurde, bereits ein beachtlicher Fortschritt.

Indes ist leider Skepsis angebracht, wissen wir doch bestens, was allzu oft auf grosse Absichtserklärungen folgt: nichts.

Es gab 1992 in Rio einen pompösen Erdgipfel, und 1997 wurde feierlich das Kyoto-Protokoll unterzeichnet – beides mit kläglichen Resultaten. Zudem herrscht ein enormer Zeitdruck. 2030 werden voraussichtlich über acht Milliarden Menschen unseren Globus bevölkern. Falls bis dahin nichts geschieht, wird die Menschheit dannzumal 53 Prozent mehr Energie verbrauchen als heute, laut OECD soll sich der Strombedarf gar verdoppeln. Und 2030 ist schon in weniger als einer Generation.

Aber schauen wir uns doch das ambitiöse EU-Programm an: Die Quoten für den CO2-Ausstoss der Industriebetriebe und Kraftwerke müssen massiv verkleinert und ihre Verteilung viel strenger kontrolliert werden. Bis 2020 sollen erneuerbare Energien (Wasserkraft, Windstrom, Biomasse usw.) heute unvorstellbare 20 Prozent des Energiebedarfs decken. Das von Kohlekraftwerken ausgestossene CO2 soll unter dem Meeresboden oder in Salzstöcken gelagert werden. Doch noch ist unklar, ob die Technologie überhaupt funktioniert, und höchst fraglich, wo man diese CO2-Lager anlegen kann, zumal schon die Atomabfälle keiner will. Und ob es kurzfristig durchsetzbar ist, die Isolation der Häuser radikal zu verbessern und treibstoffarme Autos zu bauen, bleibt mehr als ungewiss. Die deutsche Automobilindustrie jedenfalls baut schon mal die Abwehrfront auf.
Doch selbst wenn es der EU gelänge, ihr Programm umzusetzen – was geschähe in China, Indien und den USA? Nichts ist globalisierter als die Umweltverschmutzung. Zwei Drittel des weltweiten CO2-Ausstosses gehen zulasten der USA. Doch seit Jimmy Carter hat keine US-Regierung irgendetwas Wesentliches dagegen zu unternehmen versucht. Und auch jetzt deutet nichts darauf hin, dass Washington sich getrauen wird, die an den unbegrenzten Ressourcenverbrauch gewöhnten Amerikaner mit einschneidenden Massnahmen zu konfrontieren.

Oder China: Das Land ist dabei, zur grössten Volkswirtschaft zu werden. Doch bereits jetzt ist es eine der übelsten Dreckschleudern der Welt. Anfang März hat der Volkskongress zwar beschlossen, das jährliche Wachstum auch aus Umweltgründen von zehn auf acht Prozent zu reduzieren – ein höchst schwammiges Ziel. Und wie dessen Realisierung in einem Marktsystem funktionieren soll, bleibt das Geheimnis der Regierung.

Oxford-Professor Timothy Garton Ash hat es auf den Punkt gebracht: «Es bleibt das unausweichliche Dilemma, dass dieser Planet keine 6,5 Milliarden Menschen ertragen kann, wenn sie alle den Lebensstil der heutigen Mittelklasse im reichen Norden haben.» Muss also jemand den Chinesen, Indern und Menschen in Schwellenländern, welche die «Segnungen» der westlichen Lebensweise in Griffnähe sehen, verbieten, so zu leben wie wir? Wer soll dies sein? Oder soll unsereins den Lebensstil ändern, obschon wir uns Alternativen noch nicht vorstellen können und in ein gesellschaftliches System eingebunden sind, dessen Grundlage der stete Verbrauch ist? Elektrizität kommt aus der Steckdose, Benzin aus der Zapfpistole. Solange das funktioniert, gibt es keinen Leidensdruck. Ohne Leidensdruck wird nichts Einschneidendes passieren.

Beispielhaft ist doch die Antwort unseres Energieministers Moritz Leuenberger auf die Frage der «Berner Zeitung» nach seinem privaten Energieverbrauch: Die Höhe der Stromrechnung einzelner Personen sei nicht entscheidend.

Andreas Z’Graggen ist Gründer der BILANZ, ehemaliger Chefredaktor von BILANZ und «Berner Zeitung». Seit Anfang 2007 ist er Partner der Zürcher Kommunikationsagentur Gisler.Meier.Repele.Z’Graggen.
andreas.zgraggen@gmrz.ch

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