Die Fédération horlogère, die Vereinigung der Schweizer Uhrenindustrie, mag das Internet angesichts des sich dort ausbreitenden Angebots gefälschter Uhren verteufeln. Drei Jungunternehmer in Martigny hingegen freuen sich über die Entwicklungen im Cyberspace. Frédéric Polli (37), Daniel Morf (34) und Jean-Loup Ribordy (35) gründeten 2003 eine Uhrenfabrik, die eigentlich gar nicht existiert und doch zu produzieren vermag. Sie ist so virtuell, wie man sich das nur vorstellen kann, und existiert nur dank Internet.

Wer sich in die Website des Trios einloggt (www.factory121.com), wird selbst zum Uhrendesigner. Mit vorhandenen

Gehäuseteilen, Zifferblättern, Zeigern und Armbändern kann jeder und jede nach Lust und Laune jonglieren und sich eine dem eigenen Geschmack entsprechende Uhr zusammensetzen. Die Zusammenstellung am Bildschirm geht fotorealistisch vonstatten. Überdies ist die Seite erstaunlich schnell aufgebaut – auch mit analogen Telefonleitungen. Das Herumexperimentieren mit unterschiedlichen Zifferblatt-, Lünetten- und Bandfarben macht Spass und kostet nichts.

Man stelle sich vor, im Uhrengeschäft das Zifferblatt einer Uhr gegen ein anderes austauschen zu wollen. Über die Kosten mag man gar nicht spekulieren. Auf www.121time.com hingegen kann man spasseshalber sogar eine Uhr kreieren, die man nie im Leben tragen würde. Alles ist erlaubt, sogar schlechter Geschmack. Für die Webseite erhielt die Firma im Jahr 2004 den «Master of Swiss Web», die Schweizer Version eines Internet-Oscars.

Beim virtuellen Zusammenbau verliert man die Kosten nicht aus den Augen. Das jeweilige Preisniveau wird nach jeder Änderung angezeigt. Zum Schluss kann man die Rückseite der Uhr sogar noch mit einer individuellen Gravur versehen. Schickt man schliesslich das Bestellformular mit einem Mausklick ab, heisst es etwa zehn Tage warten, bis der Pöstler klingelt und die schmucke runde Schatulle mit der Eigenkreation abliefert.

Wenn man den Bestellknopf drückt, existiert die gewünschte Uhr noch gar nicht. Das Abschicken des Formulars bewirkt lediglich, dass Mitarbeiter der Firma Rhodanus in Naters VS unverzüglich mit einem Ausdruck der Bestellung ins Lager gehen, dort die Komponenten für die Uhr aus den Fächern nehmen und einem Uhrmacher im Haus bringen. Dieser pickt sich die Einzelteile heraus und setzt die Uhr in kurzer Zeit zusammen. «Just in time» heisst das Zauberwort. Es ermöglicht eine schlanke Lagerhaltung, in der keine einzige fertige Uhr monatelang auf einen Abnehmer wartet.

Die Uhren von 121 Time enthalten bei aller Diversität möglichst viele standardisierte Komponenten, die für sämtliche Modelle gebraucht werden können. So haben beispielsweise alle Uhren den gleichen Stahlboden mit Schraubgewinde und denselben Glasdurchmesser.

Die drei Jungunternehmer hatten bis vor kurzem mit Uhren überhaupt nichts am Hut. «Frédéric und ich kennen uns von unserer gemeinsamen Arbeit bei einem Zigarettenhersteller», sagt Daniel Morf. «Am Anfang stand die Idee der ‹mass customization›, wie sie von Dell erfolgreich praktiziert wird», ergänzt er seine Ausführungen: «Dabei kann der Kunde ein komplexes Produkt wie beispielsweise einen Computer oder ein Auto bei der Bestellung so konfigurieren, dass es ein für ihn optimales Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Computer enthalten heutzutage jede Menge Features, auf die man gerne verzichtete, wenn sich das positiv auf den Preis auswirken würde.» Bei den Diskussionen, auf welches Produkt man die Idee anwenden könnte, kristallisierte sich die Uhr sehr bald als optimal heraus. «Mit einem einzigen Gehäuse, mehreren Zifferblattversionen und -farben, einer Auswahl an Zeigern, unterschiedlichen Lünetten und ein paar Leder- und Stahlarmbändern erhalten Sie bereits eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten», kommt Morf ins Schwärmen. Das Internet bot sich als ideale Plattform für das Vorhaben an. Ein Spezialist, der die Seite benutzerfreundlich gestaltete, war aus dem Bekanntenkreis schnell gefunden.

Nun musste nur noch jemand her, der die Uhren auch tatsächlich produzierte. Die Inhaber der Firma Rhodanus in Naters bei Brig, die seit 30 Jahren im Auftrag bekannter Marken Uhren einschalt, waren vom Konzept überzeugt. Sie erklärten sich nicht nur bereit, ihre Dienste zur Verfügung zu stellen, sondern stiegen beim Projekt auch gleich als Aktionäre ein. «Das war für uns ein grosser Vertrauensbeweis», sagt Daniel Morf, «und eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Im ersten Jahr des Bestehens produzierte und verkaufte 121 Time rund 1300 Uhren, im vergangenen Jahr waren es bereits 3000. Das ist zwar im Preissegment von 150 bis 500 Franken zahlenmässig noch nicht viel, wenn man den Vergleich mit einer Marke wie Tissot anstellt, die über eine Million Uhren im Jahr produziert. Beachtenswert ist jedoch der Zuwachs des Bekanntheitsgrades für eine Marke, die praktisch kein Geld ins Marketing investiert, kein einziges Verkaufsgeschäft hat und lediglich auf die Eigendynamik des Internets vertraut. «Das Feedback von unseren Kunden ist ermutigend», freut sich Daniel Morf, «mehr als 95 Prozent würden wieder bei uns bestellen, und 93 Prozent bewerten das Preis-Leistungs-Verhältnis als hervorragend.» Kein Wunder; schliesslich muss der Kunde mit dem Kauf nicht auch noch das PR-Budget der Marke und die Händlermarge berappen.

Für 2005 rechnen die Jungunternehmer mit einer Verdoppelung der Produktion. Ausserdem nehmen sie eine weitere Zielgruppe ins Visier: die Liebhaber mechanischer Uhren. Während alle bisherigen 121-Time-Uhren mit Quarzwerken ausgerüstet waren, sollen nach den Uhrenmessen im Frühling die ersten Zeitmesser aus dem Wallis mit mechanischen und so genannten «Autoquartz»-Uhrwerken auf den Markt kommen. «Damit sprechen wir die Leute an, die sich intensiv mit Uhren beschäftigen, aber bisher nicht über das nötige Kleingeld verfügten, sich eine mechanische Markenuhr leisten zu können. Wir werden in unsere Uhren ETA-Werke einbauen, die für ihre Robustheit bekannt sind», sagt Morf.

Eines ist sicher: Wenn die Propaganda übers Internet weiterhin so gut funktioniert, wird ein einzelner Uhrmacher bei Rhodanus in Naters die Arbeit bald nicht mehr bewältigen können. Die Zentrale von 121 Time in Martigny wird aber weiterhin so schlank bleiben können wie bis anhin. Neben den drei Gründern arbeiten bloss fünf weitere Mitarbeiter dort.

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