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Wehmütig 
«In der Schweiz ist es akzeptiert, introvertiert zu sein»

Chantal Panozzo und die Schweiz: Inzwischen sieht sie das Leben hier weniger schwarz.Panozzo/Keystone

Expat Chantal Panozzo hat mit ihrer Schweiz-Abrechnung viel Aufsehen erregt. Nachdem die Schriftstellerin in ihre US-Heimat zurückgekehrt ist, erinnert sie sich nun an überraschend viel Positives.

Von Nele Husmann
29.07.2015

Ihr Erlebnisbericht über Ihre Erfahrungen in acht Jahren als Ausländerin in der Schweiz klingt bisweilen wie eine Satire auf das Land. Wie verkauft sich denn Ihr Buch in Amerika?
Chantal Panozzo*: Es hat eine viel grössere Zielgruppe, als ich zunächst dachte. Die Verleger in den USA hatten mich gewarnt, dass sich hierzulande keiner für die Schweiz interessiere – ein Buch müsse schon von Frankreich oder Italien handeln, um eine grössere Leserschaft anzuziehen. Doch in Wirklichkeit spricht es alle Menschen an, die als Expats in einem fremden Land Erfahrungen gesammelt haben, nicht nur Amerikaner, die sich in der Schweiz aufgehalten haben.

Nach Ihren teilweise nicht so netten Erfahrungen in der Schweiz: Sind Sie froh, wieder zurück in Chicago zu sein?
Ich habe Schwierigkeiten, mich wieder einzugewöhnen. Am meisten vermisse ich es, nach draussen zu gehen und sofort in der Natur zu sein. Hier in der Vorstadt von Chicago muss ich mich erst ins Auto setzen und rausfahren. Auch sehe ich viele amerikanische Gepflogenheiten inzwischen durch eine Schweizer Brille. Deshalb arbeite ich gerade an einem neuen Buch. Dessen Arbeitstitel heisst: «30 Dinge, die ich gern über mein eigenes Land gewusst hätte».

Sie vermissen die Schweiz also wirklich?
Ich habe es am Arbeitsplatz sehr geschätzt, wie effizient man in der Schweiz arbeitet. Hier in den USA ist man 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche im Einsatz, kriegt in Wirklichkeit aber auch nicht mehr hin. Vor allem aber ist es im Schweizer Geschäftsleben auch akzeptiert, ein introvertierter Typ zu sein. Hier in den USA muss man sich unbedingt laut verkaufen. Mir als Schriftstellerin liegt das nicht.

Was fehlt Ihnen denn noch?
Die Preise vermisse ich ganz sicher nicht. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mich an den guten Geschmack von Obst und Gemüse sehr gewöhnt hatte. Man bekommt eben doch die Qualität, für die man zahlt. Und eines ist jedenfalls sicher: Um den Käse im amerikanischen Supermarkt mache ich jetzt immer einen grossen Bogen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass mir die vielen kleinen Läden der Schweiz jemals fehlen würden. Als ich ankam, bin ich extra in den Globus in Zürich einkaufen gefahren, um eine Auswahl zu haben. Doch mit der Zeit lernte ich, die individuellen Geschäfte zu schätzen, sodass sie mir heute fehlen. Wirklich, ich sehe mein eigenes Land jetzt in einem ganz anderen Licht.

Wenn Sie eine Sache ändern könnten, die Ihnen den Start in der Schweiz erleichtert hätte?
Wichtig wäre, dass alle Länder dem Ehepartner eines ins Ausland entsandten Mitarbeiters sofort eine Arbeitserlaubnis erteilen. Dass «trailing spouses» zu einem Leben im Müssiggang verurteilt sind, macht das Leben unnötig schwer und belastet auch das Gleichgewicht einer Beziehung. Das gehört aber nicht nur in der Schweiz geändert, sondern auch in den USA und in vielen anderen Ländern. Das würde die internationale Mobilität extrem erhöhen. Ich persönlich hatte Glück, dass eine kleine Schweizer Werbeagentur bereit war, mich beim Antrag auf ein Visum für die Schweiz zu unterstützen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie schwer es für Sie war, die Sprachbarriere in der Schweiz zu überwinden.
Die Briefe sahen immer sehr bedrohlich aus. Das Schlimmste war, als die erste Stromabrechnung kam und ich bis ins Mark erschrak, weil ich dachte, es handle sich um ein Deportationsschreiben der Ausländerbehörde. Zum Glück war das Unternehmen meines Mannes sehr hilfsbereit. Die Personalabteilung half einem unbürokratisch, solche Briefe zu übersetzen. Sie boten mir und meinem Mann auch wöchentliche Deutschkurse an. Dennoch half das bei der Integration nicht viel, weil der Alltag ja auf Schweizerdeutsch vonstatten geht. Die eine Hälfte der Schweizer stieg sofort auf Englisch um, wenn ich sie ansprach. Die andere Hälfte sprach nur Schweizerdeutsch – da war gar keine Kommunikation möglich.

Würden Sie denn noch mal in die Schweiz zurückkehren?
Das überlegen mein Mann und ich gerade. Unsere Aufenthaltsbewilligung läuft noch bis 2016. Bis dahin müssen wir uns entschieden haben. Wir denken dabei auch an die Zukunft unserer Tochter. Sie spricht bereits Schweizerdeutsch. Das ist schön – aber auf der globalen Ebene gesehen wird das viel weniger nützlich sein als Englisch.

Am Ende haben Sie sich also doch in der Schweiz sehr wohl gefühlt?
Schon, auch wenn wir immer Aussenseiter blieben, so sehr wir uns auch bemühten, hineinzupassen. Viele Schweizer schimpfen über «die Ausländer» – auch direkt gegenüber uns. Da fühlt man sich nie ganz willkommen. Zugegebenermassen waren wir als Amerikaner angesehener als Osteuropäer oder Afrikaner – auf denen wurde besonders viel herumgehackt. Bei Amerikanern geht man wenigstens davon aus, dass sie für einen wichtigen Job geholt wurden, also auf einer höheren Ebene in den Unternehmen tätig sind. Lustig war das allerdings, als mein Mann sich entschloss, das Alphornspielen zu lernen. Das fiel ihm leicht, weil er Trompete beherrscht. Sobald er sein Alphorn dabei hatte, wurden wir von allen Seiten positiv angesprochen und hatten auch das Gefühl, besser aufgenommen zu sein. Die Schweizer brauchten wohl ein klares Zeichen, dass wir uns auf ihre Kultur gern einlassen wollten. Wenn das Horn doch nur nicht so sperrig gewesen wäre!

Sie erzählen viel davon, wie einsam Sie sich anfangs fühlten. Hatte Ihr Ehemann weniger Probleme?
Eindeutig. Der arbeitete in einem internationalen Team mit anderen Mitarbeitern aus aller Welt in einem Schweizer Konzern. Da war nicht ein Schweizer dabei. Ich dagegen musste mich in unserem Ort, in Baden, mit den Nachbarn auseinandersetzen. Man fühlt sich nicht sehr willkommen, wenn Fremde einen auf der Strasse ansprechen und kritisieren, weil man sein Kind angeblich zu dünn angezogen hat oder das Altglas zur falschen Zeit in die Tonne wirft, weil man das Schild nicht versteht. Das ist vielleicht nicht unfreundlich gemeint, verletzt aber sehr.

Sie haben schliesslich in der Schweiz gearbeitet. Was war Ihre grösste Überraschung?
Das mag zum Teil an der merkwürdigen Werbeagentur gelegen haben, die mich einstellte: Mein Vorgesetzter machte mir gegenüber oft Bemerkungen über andere Frauen. Hier in den USA hätten sie ihn ohne jeden Zweifel den Job gekostet wegen sexueller Belästigung. Viele Mitarbeiter arbeiteten dort hinter verschlossenen Türen in Einzelbüros. Schliesslich kam heraus, dass sie am Arbeitsplatz Pornos im Internet ansahen. Dafür würde man in den USA sofort entlassen, aber diese Firma behandelte das wie ein Kavaliersdelikt. Ich erinnere mich auch fast schmunzelnd an einen Abend, als alle Mitarbeiter – auch die Frauen – in ein Tabledance-Striplokal ausgeführt wurden.

Wie empfanden Sie denn die Schweiz in Sachen Emanzipation? Ist das Land auf einer Höhe mit den USA?
Die Schweiz kommt mir deutlich weniger emanzipiert vor. Frauen werden noch immer so behandelt, als ob sie am besten zu Hause blieben – das spiegeln auch die Ladenschlusszeiten wider. Viele Geschäfte bleiben über Mittag, wenn berufstätige Frauen einkaufen könnten, geschlossen. Ich erinnere mich auch an den Tag, als ich Rat suchte, ehe ich mich als freie Texterin selbstständig machen wollte. Ich traf mich mit einem Mentor im Kanton Aargau. Der fragte mich, wie alt ich denn sei und ob denn mein Ehemann davon wüsste – und warum er an dem Treffen nicht teilnehme. Dabei war ich damals 31 Jahre alt und fand mich völlig imstande, allein über meine Karriere zu entscheiden. Er empfahl mir auch, mich nicht selbstständig zu machen, wenn ich später Kinder wolle – das lohne sich nicht.

Zugleich sind doch die Schweizer Gesetze zuvorkommend für Frauen mit Kindern.
Das ist wirklich ein Paradox. In den USA ist die Kultur so viel offener gegenüber arbeitenden Müttern, doch in der Praxis sind die Gesetze viel weniger freundlich und machen es den arbeitenden Mütter deutlich schwerer. Eine Stelle in Teilzeit wahrzunehmen, ist in der Schweiz ein Kinderspiel, dabei sind die unterschiedlichsten Ausgestaltungen möglich. Da sind die USA im Vergleich sehr unflexibel. Auch dass Angestellten 14 Wochen bezahlter Mutterschaftsurlaub gewährt wird, ist für amerikanische Verhältnisse ein Traum.

Die lustigsten Stellen in Ihrem Buch handeln von Ihrer Nachbarin Regula – deren Vornamen Sie aber erst nach mehr als einem Jahr herausfanden.
Sie hat sich mir erst ganz langsam geöffnet. Wir sind aber doch gute Freundinnen geworden. Allerdings hat sie mich bis zum Schluss regelmässig belehrt, wie man den Wäschetrockner im gemeinsamen Waschkeller richtig entflust oder den Gully auf dem Balkon perfekt reinigt. Einmal aber habe ich sie ertappt, wie sie vergessen hat, den Strom im Waschkeller abzuschalten, nachdem sie mit der Wäsche fertig war. Erst freute ich mich diebisch über die Gelegenheit, es ihr endlich heimzahlen zu können und ihr diese Schlappe vorzuhalten. Aber so bin ich einfach nicht. Ich machte den Schalter aus und verlor kein Wort darüber.

*Die amerikanische Autorin Chantal Panozzo (37) kam 2006 als Ehefrau eines entsandten Managers in die Schweiz. Mit ihrem auf Englisch verfassten Abrechnungsbuch «Schweizer Leben: 30 Dinge, die ich gern gewusst hätte» sorgte sie 2014 für Schlagzeilen. Sie plädiert für die unmittelbare Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Ehepartner von Expats, um deren Eingliederung in die Gesellschaft zu beschleunigen. Heute wohnt sie in Chicago. Ein Buch über ihre Rückkehr in die USA ist in Arbeit.

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