Das Mantra der Hightech-Szene heisst «Stillstand gleich Rückschritt», und alles Streben kennt nur eine Richtung: vorwärts, und zwar schnell. Die klassische Uhrmacherei ist gross geworden im Geist von «Gut Ding will Weile haben». Man stelle sich vor: Vom ersten mechanischen Zeitmesser, entstanden im Jahr 1300, bis zur ersten Unruhtragbaren Uhr, der Taschenuhr des Holländers Christiaan Huygens, vergingen fast vier Jahrhunderte. Das Prinzip Uhr ist seither mehr oder weniger gleich geblieben. Uhrmacher, Ingenieure und Wissenschaftler haben aber viel Versuch und Irrtum darauf verwendet, dem Gangregler möglichst isochrones, also gleichmässiges Schwingen beizubringen, sprich: genaue Uhren zu bauen.

Ende des 19. Jahrhunderts gelang dem Schweizer Physiker Charles Edouard Guillaume mit einer Eisen-Nickel-Legierung namens Invar (invariabel = unveränderlich) ein Durchbruch: Dank diesem Material können Temperaturschwankungen dem Antrieb im Uhrwerk nichts mehr anhaben. Invar wird bis heute – natürlich optimiert – als Material für die meisten Unruhspiralen verwendet. Ein Handicap hat es: Invar reagiert auf magnetische Strahlung, und die ist inzwischen – wegen Handy, Tablets und Co. – omnipräsent. Den negativen Einfluss von Magnetfeldern auf die Ganggenauigkeit von mechanischen Uhren zu egalisieren, ist eine der grossen Herausforderungen für die auf Präzision fixierten Schweizer Uhrenhersteller.

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Uhrwerke 2.0

Es war der Konstrukteur Ludwig Oechslin, der 2001 – damals im Sold von Ulysse Nardin – als Erster eine Lösung präsentierte. Sein Werkstoff: Silizium, bis dahin nur aus der Chipherstellung bekannt. Er ist vollkommen amagnetisch, leicht, hoch elastisch. Eine Jahrhunderterfindung – mit nur einem Haken: Oechslin hatte nicht daran gedacht, sie patentieren zu lassen.

Das taten wenig später Patek Philippe, Rolex und die Swatch Group. Sie entwickelten zusammen mit der Universität Neuchâtel eine Spirale aus amagnetischem Silizium. Das Trio liess die sogenannte Silinvar-Unruhspirale patentrechtlich schützen und schliesst damit alle anderen Wettbewerber von der Innovation aus, mit einer Ausnahme: Ulysse Nardin darf im Sinn eines Gentlemen’s Agreement immerhin damit arbeiten. So kam es, dass sich Baume & Mercier, ein Brand der Richemont-Gruppe, bei der Lancierung der «Clifton Baumatic» mit «TwinSpir»-Siliziumspirale grossen Ärger einhandelte.

Weil Swatch und Co. patentrechtlich gegen Baume & Mercier vorgingen, sind die «Cliftons» mit Siliziumspirale schon wieder vom Markt verschwunden, die aktuellen «Clifton»-Modelle ticken wieder mit konventioneller Metall-Unruhspirale. Heisst: Wer sich im Herbst 2018 bei der Lancierung eine gekauft hat, darf sich heute über eine Rarität freuen.

Statt abzukupfern, entschied sich Guy Sémon, einst Düsenjetpilot, heute Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des LVMH-Konzerns mit den Uhrenmarken Hublot, Zenith und TAG Heuer, eine eigene Lösung gegen störende Magnetfelder zu suchen. Geschaffen hat er etwas völlig Neues: die CNTMC-Unruh spirale, genannt Silizium-Oszillator. Sie besteht aus Kohlenstoffnanoröhrchen mit einem Durchmesser von weniger als 0,0001 Millimetern. Sie sind elastischer und zugfester als Stahl, absolut resistent gegen Magnetfelder, Temperaturschwankungen und heftige Stösse. Und: Dieses Antriebssystem kann in jedem beliebigen Uhrwerk verbaut werden. An der Baselworld 2019 präsentierte TAG Heuer die Karbonspirale in der stählernen «Autavia Isograph», in der ein entsprechend modifiziertes und chronometerzertifiziertes «Calibre 5» tickt.

Die «Inventor» aus dem Hause Zenith macht nicht ticktack, der Zeitmesser schnurrt vielmehr.

Mit der «Inventor» von Zenith lieferte Sémon zudem die Innovation schlechthin: In dieser Uhr, die dieses Jahr das Stadium der Serienreife erreicht, findet sich ein monolithischer Oszillator aus Silizium. Dieser ersetzt rund 30 Teile, die das Wesen tragbarer mechanischer Uhren seit Huygens ausmachen. Kein Ticktack mehr, dafür ein Schnurren und eine nie da gewesene Ganggenauigkeit: Über 50 Stunden bewegt sie sich im sehr engen Bereich zwischen minus und plus 0,3 Sekunden pro Tag und übertrifft damit die amtliche Chronometernorm, die in dieser Zeitspanne minus vier bis plus sechs Sekunden toleriert, bei weitem.

Harte Schalen

Die andere beachtenswerte 2019er Innovation in Sachen Antimagnetismus stammt aus einer Zusammenarbeit von Audemars Piguet und der Swatch-Tochter Nivarox. Entstanden ist eine absolut neuartige Spiralfeder. Ihr Name: Nivachron. Ihre Eigenschaften: Titan-Legierung, reagiert weder auf Magnetfelder noch auf Temperaturschwankungen noch auf Stösse. Grosser Vorteil gegenüber der Siliziumspirale: Nivachron ist günstiger herzustellen. Lanciert Mitte Februar 2019, nicht in einer Audemars Piguet oder einer Omega, sondern in einer eigens dafür kreierten, auf 1500 Stück limitierten Swatch, der «Flymagic». Nach der Einführung wird Nivachron dann in die mechanische Swatch «Sistem51» eingebaut und schliesslich in alle mechanischen Uhren des Konzerns.

Ulysse Nardin bringt Carbonium – Karbonfasern aus der Flugzeugtechnik.

Mindestens so ideenreich, wie Uhrenhersteller nach immer neuen Materialien für ihre Werke suchen, experimentieren sie mit Werkstoffen für die Gehäuse. Hier lauten die Schlagworte antiallergisch, unverwüstlich, leicht. Ulysse Nardin bringt die «Freak X» mit Gehäuse aus Carbonium, das aus Karbonfasern aus der Flugzeugtechnik besteht, halb so schwer wie Aluminium und mit einem Öko-Touch: 95 Prozent des Materials werden aus Karbon-Nebenerzeugnissen gewonnen, die in der Luftfahrttechnik anfallen.
Gern verwendet wird Titan, in der Uhrenwelt eingeführt 1980 von Ferdinand Alexander Porsche.

Carl F. Bucherer (CFB) verwendet den Werkstoff erstmals bei der neuen «Patravi ScubaTec Black Manta Special Edition». Der Name dieser Uhr ist übrigens Programm: Die Luzerner Manufaktur unterstützt damit eine Organisation zum Schutz der Mantarochen. CFB profiliert sich mit diesem Modell zudem als höchst ambitioniert in Sachen Taucheruhren: geeignet für bis zu 500 Meter Tiefe, Heliumventil zum Aufsteigen, COSC-zertifiziertes Automatikwerk.

Hoch im Kurs steht Keramik, dieser anorganische, kratzfeste, nicht metallische Werkstoff. IWC gehört hier zu den Pionieren. Seit 2007 verwendet das Unternehmen Keramik in seiner «Top Gun»-Linie. Am SIHH 2019 präsentierte es die auf 500 Stück limitierte «Pilot’s Watch Chronograph Top Gun Edition Mojave Desert» – erstmals nicht mit einer schwarzen, sondern einer sandfarbenen Keramikschale. Bulgari geht noch ein paar Schritte weiter und schickt die jüngste Generation der sportiv-eleganten «Octo Finissimo» unter dem Motto «Keramik pur» ins Rennen um zahlungskräftige Uhrenfans. Neben dem 5,5 Millimeter flachen, bis drei Bar wasserdichten Sichtbodengehäuse sind auch Zifferblatt, Krone, Gliederband und sogar die Faltschliesse aus Keramik.

Augenzwinkern und höchste Uhrmacherkunst: Das Unikat von H. Moser zeigt Zeit rein akustisch.

Herausgefordert werden die klassischen Uhrmacher von Smartwatch-Produzenten. Viele etablierte Luxusuhrenmarken reagieren darauf bis dato nicht oder nur zaghaft. H. Moser & Cie. spielt das Thema extravagant: Die Neuhauser Manufaktur greift das Design der Apple Watch auf. Die rechteckige Uhr besitzt weder Zifferblatt noch Zeiger. Wer wissen will, wie spät es ist, muss hören: Glockenklang verkündet, wie viel es geschlagen hat. Das Unikat heisst augenzwinkernd «Swiss Alp Watch», darin steckt Uhrmacherkunst vom Feinsten. Kostenpunkt: 350 000 Franken.

Smarte Dynamik

Auf die Kombination von Mechanik und smarter Elektronik lässt sich neu auch Frédérique Constant ein. Die Zeit der «Hybrid Manufacture» wird klassisch von einem Automatikkaliber angezeigt. Ins Werk integriert ist zusätzlich ein smartes Modul, das unter anderem die Bewegung und den Schlaf erfasst. Das Ganze lässt sich zwecks Auswertung mit dem Handy koppeln – ein analoger Ansatz, Smartes ans Handgelenk zu bringen. Dass die Uhrzeit mechanisch angezeigt wird, hat den Vorteil, dass sie nicht verloren geht, wenn die Batterie mal leer ist.

Durch und durch smart ist die neuste Garmin-Kollektion. Mit der Mitte März lancierten «Marq» drängt der US-Konzern nun ins Luxussegment vor und rückt den Schweizer Luxusuhrenherstellern auf die Pelle: Die Preise der neuen Modelle bewegen sich zwischen 1500 und 2000 Franken, zu kaufen gibt es sie ausschliesslich im gediegenen Uhrenfachhandel. In Sachen smart überbietet Garmin sich mit der neuen Kollektion selber: Die fünf Varianten dieser Linie bieten weit mehr als die bekannten Funktionen rund um Zeit und persönliche Fitness.

«Aviator» zum Beispiel liefert Piloten und Flugbegeisterten Flughafen-Kartenmaterial, Wetterinformationen und künstliche Horizonte. Auf Knopfdruck navigiert diese Armbanduhr notfalls auch direkt zum nächsten Flughafen. Damit zeigt Garmin, was heute in Uhrformat so möglich ist. Davon profitiert am
Ende die gute alte Mechanik: Millennials, die bislang nichts am Handgelenk zu tragen pflegten, finden via Smartwatch zur hochwertigen Armbanduhr mit klassisch tickendem Innenleben. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.

Mitarbeit: Iris Kuhn-Spogat

Dieser Text erschien in der April-Ausgabe 4/2019 der BILANZ.