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Eterna 
Retour in die Zukunft

Kaliber 3900 von Eterna

Was passiert mit der Kaliberfamilie 39 der Grenchner Traditionsmarke? Nach dem Austritt von Chef Patrick Kury bleiben viele Fragen offen. Die Antworten können nur aus China kommen.

Von Gisbert L. Brunner und Markus Köchli
24.04.2013

Volant Limited aus dem Firmenkonglomerat Haidian, den chinesischen Eigentümern von Eterna, hätte ihre internen Turbulenzen am liebsten bis zur «BaselWorld» 2013 verschwiegen. Die «Handelszeitung» machte am 10. April 2013 den Chinesen einen Strich durch die Rechnung. Es kam ans Tageslicht, dass Eterna-Geschäftsführer Patrick Kury und Jörg Ammann Anfang März 2013 ihre Kündigungen eingereicht hatten. Auch David Vallata, Vice President, verliess das Unternehmen. Der mögliche, aber nicht bestätigte Grund: Nur zwei Jahre nach der Übernahme von Eterna hatten die Asiaten den Spass an exklusiver, aber auch kostspieliger Manufaktur verloren. Die Entwicklung des variantenreichen Kalibers 3900 zur Serien­reife und die Industrialisierungsprozesse hätten weitere 3 Millionen Franken gekostet. Dafür schien dem Vernehmen nach der Kreditrahmen chinesischer Banken nicht zu reichen. Der ­kluge Kopf Kury hingegen wollte seine Qualitäts-Uhrwerke weiterentwickeln.

Damit bleibt momentan offen, was aus dem Kaliber 3900 wird. Möglich wäre ein Verkauf des interessanten Manufakturprojekts. Investoren stehen offenbar bereit. Denkbar ist aber auch eine Veräusserung der Eterna insgesamt. Oder vielleicht sogar ein Rückkauf der ehemaligen Besitzer aus dem Porsche-Clan? Allerdings müssen mögliche Investoren wissen: Der schnelle Franken lässt sich mit traditionsreichen Schweizer Uhrenmarken selbst dann nicht machen, wenn sie zu sehr günstigen Konditionen erworben werden konnten. Diesbezüglich ist Eterna nicht der erste Fall.

Neue Uhrwerke braucht das Land

Wo aber bieten sich Eterna überhaupt Chancen? Tatsache ist, dass durchaus ein Bedarf besteht nach neuen Uhrwerken. Und zwar nach solchen, die sich nicht nur in den obersten Preisregionen bewegen. Doch damit nicht genug. Gefragt sind beispielsweise Automatikchronographen, die das begehrte, durch die neue Lieferpolitik der Swatch Group aber nur noch begrenzt verfügbare ETA 7750 substituieren können. Zwar hat Sellita das nahezu baugleiche SW 500 im Programm, aber die in La Chaux-de-Fonds produzierten Quantitäten reichen keineswegs aus, um die beträchtliche Nachfrage zu befriedigen. Bei aller Zuverlässigkeit und Präzision besitzen das 7750 und sein eidgenössisches Derivat die Achillesferse mangelnder Exklusivität. Genau hier will – oder vielleicht muss man angesichts der ungeklärten Zukunftssituation bei Eterna auch sagen wollte – die Grenchner Eterna mit dem neu entwickelten Kaliber 3900 nicht nur für sich selbst Abhilfe schaffen.

Genau genommen handelt es sich um eine ganze Kaliberfamilie, denn das Projekt 3900 gehorcht der Formel «Aus 1 plus 8 mach 78, 88 oder gar 106». Will heissen: Aus einer tickenden Plattform lassen sich unter Beifügung von bis zu 8 Modulen 78 unterschiedliche Gesichter oder Anzeigevariationen, 88 verschiedene Uhrwerke oder gar 106 Uhrentypen generieren.

Für das auf ungemeine Vielfalt bedachte Kaliberkonzept zeichneten bei Eterna in erster Linie drei Männer verantwortlich: Ex-Chef Patrick Kury (40) als Ideengeber, der technische Direktor und neuerdings Interimschef Samir Merdanovic (28) als Konstrukteur sowie Ex-Chief-Operating-Officer (COO) Jörg Ammann (35) als Projektleiter. Merdanovic ist der einzige, der noch im Haus verbleibt; er ist als Vice President nominiert und aktuell verantwortlich für Eternas Tagesgeschäft.

Ganz am Nullpunkt musste das Trio keineswegs starten, denn mit dem Grossdatumskaliber 3030 hatte sich Eterna 2005 nach mehrjähriger Abstinenz wieder auf dem Manufakturparkett zurückgemeldet. Als Entwicklungsplattform in Richtung eines Chronographen eignete sich das Automatikwerk unter anderem wegen seiner flachen Bauweise allerdings nicht. Ähnlich verhält es sich mit den Kalibern 3800 und 3505, bei denen die Zugfeder manuell gespannt werden muss.

Echtes Potenzial zur Verwendung in einem neuen Uhrwerk, welches dem angedachten Kriterienkatalog gerecht werden würde, bot indes der patentierte Spherodrive. Hinter diesem rätselhaften Namen verbirgt sich eine spezielle Lagerung des Federhauses. Energiezufuhr und Energieabgabe sind im ­Gegensatz zu klassischen Werkskonstruktionen klar voneinander getrennt. Somit stand ein erster Baustein für das neu zu Ent­wickelnde bereits fest. Auf der Grundlage dieses gleichermassen effizienten wie zuverlässigen Antriebssystems konnten Kury und sein Team die nächsten Schritte in Richtung eines bislang ungekannten modularen Kaliberkonzepts gehen. Die von Anbeginn intendierte Palette erstreckt sich von einer Basisvariante mit Handaufzug und zwei oder drei Zeigern bis hin zur «anspruchsvollsten industrialisierbaren Komplikation», wie Kury den Automatikchronographen tituliert. «Diese Art mechanisches Uhrwerk stellt wegen des Zusammenwirkens vieler Komponenten eine besondere Herausforderung dar. Proto­typen sind dabei eine Sache. Die Serienproduktion in grös­seren Stückzahlen steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.»

Verändern, abspecken oder umbauen

Bei der Kaliberfamilie 39 rückte jedoch noch eine ganz ­andere, in dieser Form bislang noch niemals realisierte Auf­gabenstellung in den Vordergrund. Die grösste Innovation ­besteht darin, dass sich die tickende Basis durch Entfernen und Hinzufügen von Baugruppen innerhalb kürzester Zeit im Rahmen der konzipierten Varianten verändern, abspecken oder aufwerten lässt. Nach Demontage einer Blindbrücke lässt sich dort zum Beispiel ein Automatikmodul mit Reduktions­getriebe, Klinkenwechsler und Kugellagerrotor platzieren. Ein Handgriff genügt zum Switch zwischen dezentral oder mittig positioniertem Sekundenzeiger. Ähnlich verhalten sich die Dinge bei Gangreserveanzeige oder dem Datum, hier wahlweise mit Zeiger oder Fenster. Beim integrierbaren Zeitzonen-Dispositiv lässt sich aus technischen Gründen nur der 24-Stunden-Zeiger unabhängig verstellen.

Aus Wettbewerbsgründen hat sich Eterna bei der Zahl ­unterschiedlicher Bauteile gemässigt. Wenn immer möglich, kommen standardisierte Komponenten zum Einsatz. Für etliche davon genügt ein einziges Stanzwerkzeug. Anfänglich fasste Eterna das Liga-Verfahren zur Produktion. Unverblümt liess Kury zudem wissen, dass Partner im Grenchner Umkreis rund 70 Prozent aller Komponenten produzieren sollten. Das Stammhaus selbst beherbergt schon drei hochmoderne Fertigungszentren. Somit sollte die Kaliberfamilie 39 noch im Laufe des Jahres 2013 ans Licht der Öffentlichkeit treten. Der Anfang war den Basisversionen zugedacht, denn die hatten ihre Zuverlässigkeitsprüfungen bei Chronofiable bereits erfolgreich ­absolviert. Dieses Prozedere steht dem Chronographen noch ­bevor. Apropos Chronograph: Seine Dimensionen und Anschlüsse stimmen 100-prozentig mit jenen des ETA 7753 überein. Mit dieser Zusatzfunktion ist das Ende der Fahnenstange keineswegs erreicht. Mondphasenindikation und Rattrapante befinden sich bei der Eterna im Status Nascendi. Was mit ihnen passieren wird, ist nach den personellen Veränderungen offen.

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