Ein Gehäuse, ein Zifferblatt, Zeiger und ein Armband, um das Ganze am Handgelenk zu befestigen: So zeichnet jedes Kind eine Uhr, wird es darum gebeten. Und so sehen die Modelle der meisten Uhrenmarken ja tatsächlich auch aus. Aber es geht auch anders, wie eine Handvoll Marken jedes Jahr an den beiden Schweizer Uhrenmessen Baselworld und SIHH vormachen.

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Die eine ist Urwerk. 1996 gegründet von Felix Baumgartner und Martin Frei, ent­stehen in dieser Genfer Manufaktur seit je Uhren, die so gar nichts mit tradierter Genfer Uhrmacherkunst zu tun haben; Baumgartner und Frei gelten als provokante Pioniere der Haute Horlogerie, also jener Uhrmacherei, die sich durch grosses Wissen, viel Handarbeit und hohe Stückpreise auszeichnet. Zu Pionieren macht sie ihr Ehrgeiz, die Grenzen dessen, was eine mechanische Uhr sein kann, laufend zu verschieben und neue Wege einzuschlagen, um die Uhrzeit anzuzeigen.

Designer Martin Frei (l.) und Konstrukteur Felix Baumgartner

Designer Martin Frei (l.) und Konstrukteur Felix Baumgartner.

Quelle: Ralf Baumgarten

Die ersten zwei «Urwerke» namens UR-101 und UR-102 ähneln mehr Raumschiffen als traditionellen Uhren, obschon ihr Innenleben den Genfer Standards durchaus entspricht. Anstelle eines Zifferblattes besitzt das linsenförmige Objekt eine Art Windschutzscheibe und ein Uhrwerk, das völlig anders tickt als in herkömmlichen mechanischen Uhren. Auf einem – je nach Modell – drei- oder vierarmigen Karussell sind drehbare Satelliten montiert, die in komplexer Interaktion und mit ausgefeilter Mechanik die Zeit anzeigen. Da die Zeit abzulesen, ist eine Wissenschaft für sich.

Atomuhr für den Heimgebrauch

Statt einer neuen Spielart ihres Uhrwerks präsentierten Baumgartner und Frei am Genfer Uhrensalon AMC, eine Atomuhr für den Heimgebrauch, 35 Kilo schwer, 2,7 Millionen Franken teuer. Im Preis inbegriffen ist eine mechanische Armbanduhr, die nachts statt auf den Nachttisch in die Atomuhr gelegt wird, wo sie von dieser aufge­zogen, eingestellt, reguliert wird. «AMC ist das Ambitionierteste, was wir je gemacht haben», so Baumgartner. Die grösste Herausforderung habe darin bestanden, Atom- und mechanischer Uhr beizubringen, «wie sie miteinander kommunizieren können».

Aluminiumschrein, der Atom-Mutteruhr für eine mechanische Armbanduhr ist
Quelle: ZVG

Baumgartner und Frei sind ein gelernter Uhrmacher und ein studierter Desi­gner. Die Gründer einer anderen Uhrenmanu­faktur, die sich nicht an Konventionen hält, sind ein Ingenieur und ein Venture-Kapital-Geber, Lucien Vouillamoz und Patrick Berdoz. Ihre Marke heisst HYT, ihre Spezialität: Zeitanzeige mit Flüssigkeiten.

Wie Essig und Öl

Die Idee dafür stammt von Vouillamoz respektive von den alten Ägyptern. Diese nutzten für ihre Zeitmesser Wasser, das sie gleichmässig aus einem Gefäss ausfliessen liessen. Die Zeit lasen sie an Markierungen ab. Vouillamoz fasste den Entschluss, eine Armbanduhr zu bauen, welche die Zeit mit Flüssigkeit anzeigt. Mit im Boot hat er den in Sachen Start-ups erfahrenen Patrick Berdoz. Der Plan: zwei verschieden ein­gefärbte, sich abstossende Flüssigkeiten – ähnlich wie Essig und Öl – in einem ­geschlossenen System mit Hilfe von Mechanik so fliessen zu lassen, dass sie zur Zeitanzeige taugen. 2010 gründeten sie in Neuenburg HYT und Preciflex. HYT, kurz für «Hydromechanical Time», für die Vermarktung der Erfindung, Preciflex für die Erfindung der Technologie.

Lucien Vouillamoz

Lucien Vouillamoz ist der Kopf hinter der Idee, Zeit als Flüssigkeitsmenge anzuzeigen.

Quelle: ZVG

Die technische Lösung für die fluide Zeitanzeige war rasch erfunden und patentiert und wurde dann an ein mechanisches Uhrwerk von Chronode in Le Locle gekoppelt.

2012 kam die erste HYT heraus – und gewann am Grand Prix d’Horlogerie de Genève gleich die Auszeichnung «Best Innovative Watch». Eine HYT zeigt zwar die Minuten über herkömmliche Zeiger an, doch die Stunden ähnlich wie ein Thermometer, bei dem die eingefärbte Flüssigkeit im Glasröhrchen mit jedem Grad höher klettert. Bei einer HYT wird der Anteil der grünen, roten oder blauen Flüssigkeit im Glasröhrchen mit jeder Stunde grösser. «Diese Art von Anzeige ist sehr spielerisch», sagt Vouillamoz, der sich wie ein Kind über seine Erfindung freuen kann. Seine Uhren heissen HO, H1 oder H2O und kosten zwischen 30 000 und 300 000 Franken.

HYT Uhr

Die Marke HYT kommt futuristisch und farbenfroh daher.

Quelle: ZVG

«Opus»-Kreationen

Anders als Vouillamoz war Maximilian Büsser kein Branchenquereinsteiger, als er sich selbständig machte. Zuletzt war er CEO der Uhrendivision des New Yorker ­Juweliers Harry Winston. Als er dort 1998 anfing, waren Harry-Winston-Uhren ein Novum. Als er dort aufhörte, 2005, war die Firma – sie gehört seit 2013 zur Swatch Group – eine profilierte Uhrenmarke. Dank Büsser.

Dieser hatte die Marke ab Jahr 1 ins Gespräch gebracht mit der Idee, jenen Uhrmachern, die er am meisten bewundert, nacheinander jedes Jahr Carte blanche zu gewähren, auf dass sie im Namen Harry Winstons eine möglichst aussergewöhn­liche Uhr kreieren – unter Einhaltung bestimmter Designcodes. Diese Kreationen, jeweils schlicht «Opus» genannt, wurden zu einem fieberhaft erwarteten Ereignis mit immer aussergewöhnlicheren Zeitmessern. Harry Winston wurde rasch als echter Uhrenhersteller wahrgenommen. Büsser aber war unzufrieden, weil er sein Ding lieber im eigenen Namen durchgezogen hätte und nicht für einen Arbeitgeber.

Max Büsser

Max Büssers Uhren sind kinetische Objekte mit Zeitanzeige, manche passen an den Arm, andere in die Stube.

Quelle: ZVG

Uhr im Quallendesign

Zwei Jahre nachdem er Harry Winston verlassen hatte, tauchte er während des SIHH in einem Genfer Hotel wieder auf. Er lud Journalisten und Uhrensammler ein, um sein erstes Projekt vorzuführen: ein seltsam anmutendes Instrument fürs Handgelenk in Form einer liegenden 8, in der Mitte ein Tourbillon. Auf der Rückseite rotiert eine Aufzugsmasse, die aussieht wie die Streitaxt seiner Lieblings-Comicfigur Captain Future. Büs­sers Markenname ist sein Programm: Max Büsser and Friends, kurz MB&F.

MB&F Uhr

Max Büsser and Friends, kurz MB&F.

Quelle: ZVG

Die «Friends» sind die zahlreichen Uhrmacher, Zulieferer und Designer aus Harry-Winston-Zeiten. Was MB&F hervorbringt, nennt der Gründer nicht Uhr, sondern «Horological Machines» – sie haben mit herkömmlichen Uhren kaum etwas gemeinsam. MB&F bringt jedes Jahr eine neue Verrücktheit heraus, für die jeweils auch ein neues Uhrwerk konstruiert werden muss. 2019 war es die Tischuhr Medusa, ein filigranes Objekt aus Muranoglas, das einer majestätischen Qualle weit ähnlicher sieht als einem Zeitmesser.

MB&F Uhr

Eher majestätische Qualle als Zeitmesser.

Quelle: ZVG

Was Urwerk, HYT und MB&F produzieren, lässt zuweilen an Fritz Langs Film «Metropolis» von 1927 denken, an Vorstellungen vergangener Zeiten, wie man sich damals eine ferne Zukunft, die heutige Gegenwart, imaginierte. Sie evozieren Bilder stromlinienverkleideter Dampflokomotiven, die noch heute futuristisch aussehen, obschon die Technologie unter der Hülle hoffnungslos veraltet ist. Sie huldigen aber durchaus auch dem sogenannten Steampunk, einem Stil, der versucht, sich die Zukunft aus der Sicht der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorzustellen. Die Technik der mechanischen Armbanduhr ist dazu geradezu geschaffen, wirkt sie doch in der vernetzten Technologie, die uns umgibt, wie aus der Zeit gefallen.

Die Zeitmesser von Urwerk, HYT und MB&F gehören heute zum Exklusivsten, was die Branche zu bieten hat. Ihre Preise sind fünf- bis sechsstellig, manchmal gar jenseits davon, pro Jahr werden nur wenige hundert Exemplare hergestellt. Nach anfänglichen Berührungsängsten haben die etablierten Hersteller, Händler und Uhrenmessen eingesehen, dass die «neuen Wilden» keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung darstellen – und sind offen für sie. Baumgartner, Vouillamoz und Büsser sind nur gerade drei von vielen, die daran arbeiten, dass nicht vergessen geht, dass eine Uhr nicht einfach eine Uhr ist.

Dieser Artikel erschien in der April-Ausgabe 2019 der BILANZ.