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Schweizer Profigolf  
Neubeginn mit 31 Jahren

Julien Clément: Der Genfer nimmt einen zweiten Anlauf als Profigolfer. «Die Pause hat mir gutgetan.»

Die Männer sind trotz wenigen Lichtblicken an einem ­historischen Tiefpunkt angelangt. Das Beispiel des begabten Julien Clément zeigt auf, dass die Schweiz den Anschluss verloren h

Von Peter Lerch
03.04.2013

Die Bestandesaufnahme im Frühling 2013 ist ernüchternd. Seit nunmehr acht Jahren verfügt kein Schweizer Profi mehr über das Spielrecht auf der grossen europäischen Tour (PGA European Tour). Weit schlimmer noch ist die Tatsache, dass man in diesem Jahr selbst auf der Spielerliste der Challenge Tour, des zweithöchsten europäischen Circuit, keinen Schweizer entdeckt. Das war seit der Gründung der Challenge Tour Ende der 1980er-Jahre noch nie der Fall.

Die Europa-PGA-Tour und die Challenge Tour umfassen etwa 500 Profis. In der Weltrangliste liegt Martin Rominger als bester Schweizer auf dem 802. Platz. Der 33-jährige Engadiner spielt seit Jahren zur Hauptsache auf der Asien-Tour; in Europa hat er den Aufstieg in die grosse Tour nie geschafft.

Herbst für Herbst nehmen gegen ein Dutzend Schweizer Profis die dreistufige Qualifikation zur Europa-PGA-Tour in Angriff. Die besten 150 messen sich jeweils im Dezember in Spanien im Qualifikations-Final, an dem 30 respektive 25 Tourkarten für die nachfolgende Saison vergeben werden. Letzten Herbst brachte es kein einziger Schweizer unter die verbleibenden 150 Kandidaten – zum ersten Mal seit 1999. ­Damals jedoch spielten gleich zwei Schweizer – Paolo Quirici und André Bossert – auf der grossen Tour; sie mussten sich der Qualifikation also gar nicht stellen. Insofern ist der neuerliche Flop bislang einmalig.

In diesem Jahr können die Schweizer praktisch nur noch über Einladungen sporadisch auf der Challenge Tour spielen. Die Golfprofi-Vereinigung Swiss PGA kann an ihre Profis rund 30 solcher Wildcards im Austausch mit anderen Veranstalternationen vergeben. Dies ist nur dem Umstand zu verdanken, dass es in der Schweiz nach wie vor ein Challenge-Turnier gibt. Aber selbst dieses stand zuletzt auf der Kippe. Nach dem Ausstieg des Titelsponsors Credit Suisse per 2012 sah es lange Zeit danach aus, als würde das jeweils Mitte Juli auf Golf Sem­pachersee stattfindende Turnier sterben. Zumindest heuer ­jedoch bleibt es – dank den Bemühungen von Turnierdirektor Daniel Weber – unter dem Namen Swiss Challenge am Leben.

Clément: «Ich hatte die Lust verloren»

Julien Clément persönlich ist letzten Herbst an einem gol­ferischen wie gefühlsmässigen Tiefpunkt angekommen. «Ich ­hatte die Lust und die Motivation komplett verloren», sagt der 31-jährige Genfer. Er schied an neun von zehn Turnieren auf der Challenge Tour der Saison 2012 nach zwei Runden aus und musste ohne Preisgeld abreisen. Das einzige einigermassen brauchbare Ergebnis lieferte er als 43. auf Golf Sempachersee ab.

Clément war der bis anhin letzte Schweizer Spieler auf der Europa-PGA-Tour. Er büsste dort Ende 2004 das reguläre Spielrecht ein. Er hat seither den Wiederaufstieg nie geschafft, vereinzelte Spitzenergebnisse glückten ihm jedoch immer wieder. Sein Name ist besonders mit dem Omega European Masters in Crans-Montana, dem traditionsreichen Turnier der Europa-PGA-Tour, eng ­verbunden. Auf dem Walliser Hochplateau qualifizierte er sich ab 2007 fünfmal in Folge für das Finalfeld; keinem anderen Schweizer ist in der Vergangenheit eine auch nur annähernd so gute Serie geglückt. 2008 verpasste er den möglichen Sieg lediglich um 1 Schlag; vor ihm klassierten sich nur Nordirlands Superstar Rory McIlroy und der Franzose Jean-François Lucquin, der das Stechen gegen McIlroy gewann. Im ­vergangenen Jahr waren Cléments Ergebnisse derart schwach, dass er in Crans-Montana nicht einmal mehr starten konnte.

Immerhin hat Clément über den Winter Freude und Motivation so weit wiedergefunden, dass er die Karriere nicht an den Nagel hängt, wie eine Zeit lang zu befürchten war. «Die Pause hat mir gutgetan», sagt er heute. «Ich habe wieder Lust.» Aufgrund der Arbeit mit seinem Trainer Gavin Healey glaubt er, spielerisch und nicht zuletzt «im Kopf» wieder ein Stück vorangekommen zu sein.

Clément ist bereit, von ganz unten neu anzufangen. Ganz unten heisst: Er muss sein Glück erstmals auf den Circuits der dritten Kategorie suchen, auf der Alps Tour und der in Deutschland beheimateten Pro Golf Tour (vormalige EPD-Tour). Aber selbst auf diesen Satellite-Tours ist es mittlerweile schwer, den Weg nach oben zu finden. Das Durchschnitts­niveau steigt auch dort von Jahr zu Jahr. Und nur die jeweils besten fünf Spieler der Jahreswertung steigen in die Challenge Tour auf. Clément hat sich vorgenommen, zuerst parallel auf beiden Tours zu spielen und sich danach, je nach Aussichten, für eine der beiden zu entscheiden. Daneben wird er eine Reihe von Turnieren in der Schweiz bestreiten; die Swiss PGA bietet ihren Spielern unter anderem sechs Turniere im Rahmen der ASGI Swiss PGA Tour an. Im Herbst wird sich Clément wie ­seine übrigen Schweizer Kollegen erneut auch auf dem ­beschwerlichen Weg der Qualifikation zur Europa-PGA-Tour versuchen. «Ich bin für diesen Neuanfang bereit», so Clément.

Trotz der düsteren Momentaufnahme gibt es im Schweizer Profigolf durchaus auch Hoffnung. Martin Rominger beispielsweise, überlegener Sieger der Schweizer Jahreswertung 2012, spielt auf der Asian Tour auf konstant gutem Niveau; auch bei seinen wenigen Auftritten in Europa konnte er im letzten Jahr oft überzeugen. Ken Benz, 24-jähriger Zürcher, absolviert heuer seine erst dritte Saison als Profi. Anfang Februar gewann er – im Rahmen der Pro-Golf-Tour in der Türkei – erstmals ein internationales Turnier. «Ich habe im Winter viel Mentaltraining gemacht, das hat mich weitergebracht», begründet Benz.

Schweizer Erfolge auf den europäischen Circuits sind ohne­hin selten geworden. Der zuvor letzte Sieg glückte dem Bündner Claudio Blaesi im Mai 2009 auf der Alps Tour. Benz’ Sieg war erst der 13. eines Schweizers überhaupt; vier davon errang André Bossert in den 1990er-Jahren. ­

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