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Zukunft 
Indien muss die Medizin von unten revolutionieren

Ayurveda-Behandlung: Indien muss in der Medizin den eigenen Weg finden.   CNN International

Indische Hersteller suchen nach neuen Wegen. Gerade bei der medizinischen Technologie sollen rasch kreative Lösungen her. Denn die Säuglingssterblichkeit ist die höchste der Welt.

Von Sumnima Udas (CNN International)
30.08.2015

Man sagt, Innovation entstehe aus Notwendigkeit – und es gibt kaum ein Land, in dem dies besser beobachtet werden kann als in Indien. Die Nachfrage ist immens: Angefangen von Kühlschränken, die ohne Elektrizität laufen, über Herzoperationen für 800 Dollar, bis hin zu den günstigsten Autos der Welt, finden indische Hersteller immer wieder erstaunliche Wege, um die Bedürfnisse der 1,2 Milliarden Einwohner des Landes zu befriedigen.

Diese ausgeklügelten Lösungen erinnern an die Seidenstrasse vor Jahrhunderten: Auch damals wurde der Transportweg dazu genutzt, um komplexe indische Ideen wie Buddhismus, Algebra und Ayurveda in die Welt zu tragen. Für die CNN Serie reise ich nach Bangalore, das Silicon Valley Indiens, und erfahre dort, wie manche Firmen die Grundprinzipien von Innovation auf den Kopf stellen.

Reverse Innovation rettet Leben

Für gewöhnlich werden neue Ideen zuerst in Ländern mit hochentwickelter Wirtschaft konzipiert und entwickelt, bevor sie an Schwellenmärkte geliefert werden. Aber bei GE Healthcare – einem Joint Venture zwischen dem indischen Software-Giganten Wipro und General Electric – werden die kostengünstigen Produkte zur Krankenversorgung zuerst auf die Bedürfnisse der über 600 Millionen Inder ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung zugeschnitten und erst dann für globale Märkte aufbereitet.

Dieses Vorgehen nennt sich ‚reverse Innovation‘ und verändert nicht nur den Ideenfluss, sondern rettet sogar Leben. Ein gutes Beispiel dafür sind Säuglingsinkubatoren. Ein Grossteil der indischen Krankenhäuser – vor allem in ländlichen Gegenden – kann sich die Geräte nicht leisten. Jene, die Zugang zu den Inkubatoren haben, können sie aufgrund infrastruktureller oder sozialer Hürden oft nicht einsetzen.

Stromversorgung ist ein grosses Problem

So stellt zum Beispiel die instabile Stromversorgung, die regelmässig zwischen 80 und 400 Watt schwankt, ein grosses Problem dar. Solche Umstände erfordern innovative Massnahmen. Wie zum Beispiel Systeme, die unterschiedliche Spannungen ausgleichen. Ein weiteres Hindernis ist die Temperatursonde, die wie eine Nabelschnur mit dem Baby verbunden ist und die Wärme des Mutterleibs simulieren soll.

Vor allem in den ländlichen Krankenhäusern kam es aufgrund der Abnutzung und falschen Reinigung oft zu Schäden an dem Gerät. Um dieses Problem zu beheben, wurden die neuen Sonden mit kugelsicherem Kevlar-Material ausgestattet, um längere Haltbarkeit zu garantieren. Die niedrigen Kosten bedeuten aber nicht immer auch geringere Qualität. Das Design ist absichtlich kompakt und schlicht gehalten, damit das Krankenhauspersonal nicht vor der Bedienung der Maschinen zurückschreckt. Und natürlich darf nicht unterschätzt werden, dass diese Inkubatoren für einen Bruchteil des gewöhnlichen Preises zu erhalten sind.

Über den Tellerrand blicken

In den Fabriken von Bangalore werden 26 verschiedene Produkte zur Krankenversorgung auf diese Weise entwickelt und hergestellt. Die Geschäftsführer sagen, Indien sei der perfekte Ort für diese Art von Innovation. Seine Einwohner wüssten genau, was in ihrem Land gebraucht werde und besässen die nötige intellektuelle Kapazität sowie das exzellente Ingenieurwesen, um bei Problemlösungen über den Tellerrand zu blicken.

Und tatsächlich gibt es wohl kaum einen besseren Ort als Indien, um bezahlbare Produkte zur Versorgung von Neugeborenen zu entwickeln. Schliesslich kommt hier beinahe jede Sekunde ein Baby zur Welt. In Vanivilas, dem grössten Kinderkrankenhaus in Bangalore, kann ich mit eigenen Augen sehen, welche Auswirkung die günstigen Säuglingsinkubatoren haben. In den Gängen warten hunderte Mütter auf Neuigkeiten über ihre frühgeborenen Babys. Sie nehmen die oft langen Wege nach Vanivilas auf sich, weil die meisten anderen Krankenhäuser über keine Inkubatoren oder Wärmgeräte verfügen.

Glühbirne statt Inkubator

In den Dörfern ist eine 100 Watt starke Glühbirne oft das einzige Mittel, um die Frühchen warm zu halten – vorausgesetzt, die Häuser haben Zugang zu Elektrizität. Indien hat die höchste Säuglingssterblichkeitsrate der Welt. Über 750'000 Babys sterben jedes Jahr in ihrem ersten Lebensmonat. Einer der Hauptfaktoren dafür ist der Mangel an Inkubatoren und Wärmegeräten.

Selbst in Vanivilas starben früher durchschnittlich jeden Tag vier Babys. Doch die Einführung der neuen Inkubatoren vor fünf Jahren hat geholfen, die Sterblichkeitsrate bereits um die Hälfte zu senken. Nachdem sie für den indischen Markt entworfen und hergestellt wurden, werden diese Inkubatoren schliesslich in über 72 Länder exportiert. Und sie sind bloss ein Beispiel für die reverse Innovation in Indien, die gegen eines der grössten Probleme im Gesundheitssystem des Landes ankämpft.

CNN International Korrespondentin Sumnima Udas bereist jeden Monat ein anderes Land entlang der Seidenstrasse. In dem 30-minütigen Format wird die moderne Welt in den historischen Kontext gestellt. Weitere Informationen finden Sie auf der Microsite und unter #CNNSilkRoad. Diese Kolumne lesen Sie in der Schweiz exklusiv auf handelszeitung.ch.
 

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