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Schanghai 
Das Paris des Ostens

Eindrückliche Skyline von Shanghai.   Keystone

Die chinesische Millionenmetropole hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Aber auch die Geschichte wird mittlerweile geschätzt und gelebt.

Von Daniel Tschudy
04.03.2015

Es ist kein Geheimtipp mehr, aber wer sich eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang in die Bar «Vue» auf dem 33. Stock des ­Luxushotels Hyatt on the Bund begibt, ­erlebt Schanghai in seiner ganzen Dimension. Die Aussenplattform bietet nicht nur einen Whirlpool (Badehosen kann man an der Bar kaufen), sondern vor allem einen spektakulären Blick über die 23-Millionen-­Metropole.

Auf der östlichen Seite des Huangpu-Flusses sieht man den erst 25 Jahre alten global-urbanen Stadtteil Pudong mit dem futuristischen Fernsehturm Oriental Pearl sowie ­unzähligen Wolkenkratzern, auf der Gegenseite die 1,5 Kilometer lange Uferpromenade Bund mit ihren in verschiedenen­ alten europäischen Stilen errichteten Gebäuden aus dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Alt und neu liegen sich also gegenüber – zwei völlig unterschiedliche Stadt­gesichter mit rund 100 Jahren Altersunterschied.

Paris des Ostens

Schanghai, seit 2007 mit Basel in einer Städtepartnerschaft verbunden, wird häufig auch Paris des Ostens genannt. Ein kurzer Blick in die Geschichte erklärt dies: Infolge des ersten Opiumkrieges kamen 1847 die Franzosen nach Schanghai. Die Stadt war damals in autonome Zonen unterteilt, in denen die Gesetze Chinas nicht galten, wie eben der französische Konzessionsbezirk. Dieses Gebiet im Stadtteil Puxi und unweit des Bunds entspricht heute keiner politischen Quartiereinteilung mehr. Es ist als French Concession Area bekannt. Hier befinden­ sich Tausende schöne Art-déco-Gebäude. Die Stadtregierung hat seit wenigen Jahren begriffen, wie sehr sie ihre Geschichte schützen muss und damit auch diese alten Herrenhäuser.

Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er-Jahre war Schanghai eine absolute Weltstadt mit bereits mehr als 1 Million Einwohnern. Der britische Schriftsteller Aldous Huxley schrieb damals davon, dass Schanghai Synonym für Abenteuer, Reichtum und Sünde gewesen sei. Fast wie heute wieder. Zwar stoppte dann die Entwicklung für fünf Jahrzehnte. Erst Mitte der 1980er-Jahre wendete sich das Blatt. Die Zentral­regierung in Peking entschied, dass Schanghai ein weiteres Mal die Vorreiterrolle für die Modernisierung Chinas übernehmen sollte. Dies führte zu einem enormen Anstieg der indus­triellen Produktion und der ausländischen Investitionen. 1990 wurde die Sonderwirtschaftszone Pudong gegründet, da wo übernächstes Jahr beispielsweise Disneyland China eröffnet.

Chinesische Gotham-City

Gerade weil Schanghai fast 50 Jahre stillstand, kann man heute alt und neu so offensichtlich nebeneinander erleben. Ein Mietvelo genügt und man kann stundenlang durch die alten­ Quartiere radeln und dabei Wahrzeichen besuchen wie das 1929 eröffnete Peace Hotel, heute von Fairmont geführt. Die wechselvolle Geschichte des Luxushauses direkt am Bund wird im eigenen kleinen Museum sichtbar, mit Hunderten von ­Erinnerungsstücken aus den 1920er-Jahren, beispielsweise Sylvester-­Menukarten, Geschirr oder Fotos. Andere starke ­Blicke in die Vergangenheit gewähren das Jewish Refugees Museum, das Shanghai Ghetto oder das kleine Propa­ganda Museum und die Plakatkommunikation während der Kulturrevolution.

Die neue Welt Chinas wird hingegen weniger mit dem Velo erkundet. Kunst, Mode, Gastronomie und Nightlife haben sich pilzmässig entwickelt und Neueröffnungen lösen sich fast ­wöchentlich ab. Schanghai hat sich fast zum Popkult-Mittelpunkt der westlichen Welt entwickelt. In den 1960er- und 1970er-Jahren pilgerte man nach London, später folgte New York. In den 1990er-Jahren war Hongkong «really hip» und jetzt strömt die urbane Erlebnisgeneration nach Schanghai. Restaurants wie das Mr. & Mrs. Bund, am Bund gelegen, geben sich global-chinesisch und präsentieren Fusion-Food mit Burgunder Weinen und Alternativen aus Chile.

Gedränge pur

Nicht alles ist gut in dieser modernen Welt. Das sieht man gerade am Beispiel des erst vor einem Jahrzehnt eröffneten Ausgehbezirkes Xintiandi. Das von einem Deutschen mitgeplante Quartier ist eine 65 000 Qudratmeter grosse Partymeile mit Hunderten von Restaurants, Bars, Shops und Galerien. Im alten chinesischen Dorfstil erbaut, aber völlig neu mit ­Paulaner, Spaghetterias und Starbucks. Ursprünglich für die anfänglich wenigen ausländischen Touristen gedacht, sind mittlerweile 70 Prozent aller Besucher Chinesen. Insgesamt kommen täglich über 60 000 Menschen. Gedränge pur.

Zu empfehlen hingegen gibt es viele richtige Gastronomieerlebnisse, beispielsweise das erste von Michelin ausgezeichnete Restaurant im Land der Mitte, das chinesische Hakkasan. Auch «Shook!» hat sich mit einem panasiatischen An­gebot ­einen exzellenten Namen gemacht. Und wer sich zur Abwechslung westlich verpflegen möchte, dem kann man das italienische «de Canto» oder das «Vespertine» mit seinemCalifornian Fine Dining vorschlagen.

Die Palette ist fast unendlich, kein Wunder bei einem Markt von über 7,5 Millionen ausländischen Besuchern pro Jahr. Der Westen ist in Schanghai zu Hause – nicht nur gastronomisch, auch unterkunftsmässig. Alle sind sie hergezogen, die «Waldorfs» und «Hyatts» dieser Welt oder die «Peninsulas» und «Swiss­ôtels» mit helvetischem Touch. Das moderne Schanghai ist also bereit, ebenso wie die alte Welt der chinesischen Me­tropole. Ein Besuch drängt sich geradezu auf.

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