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Nobelherbergen: Mehr Authentizität

Jaume Tàpies, Internationaler Präsident der Vereinigung Relais & Châteaux, über die klassische Grandhotellerie und den Sprung in die Moderne.

Von Denise Weisflog
03.10.2012

Wenn Jaume Tàpies, Inter­nationaler Präsident von Relais & Châteaux, in Zürich ist, checkt er häufig im «Widder» ein. Richtig privilegiert fühlt er sich aber, ­sobald er von dort zu Fuss in die Confiserie Sprüngli geht und seine Lieblings­pralines kauft. Es sind solche Details, die für den ­gebürtigen Spanier wahren Luxus bedeuten. Dies manifestiert sich auch im Profil der Mitglieder seiner Hotelvereinigung.

«Bei Relais & Châteaux geht es mehr um das Sein als das Haben», sagt Tàpies. Deshalb lege man unter anderem viel Wert auf eine familiäre Atmosphäre. «Wir nennen einen General Manager nicht GM, sondern Maître de Maison. In der Regel ist er eine sehr leidenschaftliche Person, die die Geschäfte nicht nur vom Büro aus leitet, sondern sich persönlich um das Wohl der Gäste kümmert.» Auch Authentizität werde gross­geschrieben. «Ein Relais & Châteaux in Kalifornien ist kalifornisch, eines in der Schweiz schweizerisch. Wir wollen kein französisches Restaurant in China. Ein Mahl mit den Fingern in der Wüste Marokkos kann ebenso luxuriös sein wie ein Abend­essen in einem Sternelokal, weil das Erlebnis authentisch ist und den Gast bereichert», erklärt Tàpies. Ein Konzept, das anzukommen scheint. Im vergangenen Geschäftsjahr hat Relais & Châteaux seinen 518 Mitgliedern einen Umsatz von 86 Millionen Euro vermittelt (plus 23 Prozent).

Dass nicht alle internationalen Luxushotels gleich erfolgreich sind, führt Jaume Tàpies nicht nur auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. «Einige renommierte Grandhotels haben enorme Summen in eine Renovation investiert, ohne darauf zu achten, dass die Seele des Hauses erhalten bleibt. Wenn dann die Stammgäste zurückkehren, erkennen sie das Haus nicht wieder.» Modernisierungen seien in der Luxus­hotellerie wichtig, aber man solle sie nicht übertreiben. Die wahren Werte eines Hauses dürften dabei nicht verloren ­gehen. In der Schweiz gebe es einige Fünfsternehotels, die ­diesen Spagat sehr gut gemeistert hätten.

Veränderte Kundenbedürfnisse

Der wahre Schlüssel zum Erfolg einer Nobelherberge liege aber in der Kommunikation. Es gehe darum, dem Gast zu ­vermitteln, dass man genau das biete, was er suche. «Bei Relais & Châteaux zeigen wir dem Kunden, dass wir wissen, dass sich seine Bedürfnisse verändert haben.» Das Reisen habe mit der Globalisierung an Bedeutung gewonnen, gleichzeitig verfüge die Zielgruppe der Luxushotellerie über weniger Zeit als Geld, wobei sich neue Tendenzen herauskristallisieren würden. «Es besteht ein verstärktes Verlangen nach Verbinden und Wiederverbinden. Meine Frau arbeitet zum Beispiel in Spanien, ich in Frankreich. Wenn wir uns sehen, möchten wir diese Zeit optimal nutzen», meint Tàpies.

Zu den weiteren Trends gehörten ein gesteigertes Umweltbewusstsein, eine Sehnsucht nach Echtheit und der Wunsch, neue Erfahrungen zu machen sowie persönliche Interessen und Hobbys zu verfolgen. Mit Angeboten wie «Déjeuners sur l’herbe» (Picknicks im Grünen) versuche Relais & Châteaux, diesen modernen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. «Die Möglichkeit, Köstlichkeiten unserer Küchenchefs in der freien Natur zu geniessen, soll alle Altersgruppen ansprechen. Hier geht es um Freizeit, Natur, Authentizität und Lebensfreude. Man muss mit seinen Kunden auf eine ganz andere Art kommunizieren, als es die Mitbewerber tun», ergänzt Tàpies.

Schlechte Überlebenschancen attestiert Tàpies individuellen Fünfsternehotels, die keiner Kette oder Vereinigung angeschlossen sind. «Die Rahmenbedingungen für Nobelherbergen haben sich in den letzten 15 Jahren radikal geändert. Neue Technologien erlauben es den Kunden, Häuser schnell und einfach miteinander zu vergleichen; die Infrastruktur der einzelnen Länder wurde verbessert, sodass man rasch von A nach B kommt. Zudem wurde viel in neue Hotels und Destinationen investiert. Während die Konkurrenz früher lokal war, ist sie heute global», so Tàpies. In dieser Flut von Angeboten müsse ein einzelnes Haus enorme Anstrengungen unternehmen, um der Welt zu zeigen, dass es existiere und ein führendes Produkt biete. «Ohne die technologische Plattform einer Organisation ist so etwas kaum mehr möglich.» Der globale Marktanteil solch individueller Luxushotels beträgt heute gemäss Tàpies denn auch weniger als 1 Prozent.

Was neue Hotelprojekte im Hochpreissegment betrifft, hält er nur diejenigen mit einzigartigen Konzepten für erfolgversprechend. «Es gibt zahlreiche Leute mit Geld und einem ­guten Architekten, doch das genügt nicht. Heutzutage muss man eine Vision haben, um die Menschen zum Träumen zu bringen», sagt Jaume Tàpies. Ein Vorzeigeprojekt werde zurzeit auf der französisch-polynesischen Insel Tetiaroa realisiert. Das Atoll, das sich früher im Besitz von Marlon Brando befand, werde ein neues, vollkommen ökologisches Erstklasskonzept beherbergen. Auch für Südamerika, Afrika und Asien bestünden zurzeit interessante Projekte.

Geheimtipps des Szenekenners

Bis diese umgesetzt werden, entspannt sich Tàpies am liebsten ohne Computer und Handy im «Estancia Colomé»­ in der argentinischen Provinz Salta, im «Les Gîtes Marins» von Starkoch Olivier Roellinger in der Bretagne oder – innerhalb seiner Vereinigung – im Relais & Châteaux Las Balsas Gourmet Hotel & Spa in Patagonien (Argentinien). «Für mich ist das der ­romantischste Platz der Welt. Das Haus verfügt über zehn Zimmer und drei Suiten, bietet einen einzigartigen Blick auf den Nahuel-Huapi-See sowie die umliegenden Berge und offeriert wundervolles argentinisches Essen. Dank seiner abgeschiedenen Lage ­müssen nachts nicht einmal die Türen abgeschlossen werden.» Es gebe sicher luxuriösere Häuser als «Las Balsas», aber das Hotel ziehe die vermögendsten Menschen der Welt an, weil sie dort fänden, was sie suchten. «Man kann den gigantischsten Turm in Dubai bauen, und es wird immer Leute ­geben, die ihn besuchen, doch die wirklich Reichen werden sich nach einer anderen Art von Luxus umsehen», weiss Tàpies.

Jaume Tàpies zum Relais & Châteaux Las Balsas in Patagonien: «Für mich ist das der romantischste Platz der Welt. Das Haus mit zehn Zimmern und drei Suiten bietet einen einzigartigen Blick auf den Nahuel-Huapi-See.»

 

Relais & Châteaux: 27 von 518 Mitgliedern in der Schweiz

Weltweit
Relais & Châteaux ist eine interna­­­­tionale Vereinigung von Hoteliers, Restaurant­besitzern sowie Küchenchefs mit gegenwärtig 518 Mitgliedern und gegen 13 000 Zimmern in 60 Ländern. Seit November 2005 ist der Spanier Jaume Tàpies ihr Internationaler Präsident.

National
In der Schweiz gibt es momentan 22 Luxushotels und fünf Grand Chefs ohne Zimmer, die das Gütesiegel Relais & Châteaux tragen. 6 Prozent aller vermittelten Gäste besuchen die Schweizer Mitgliedshäuser, denen die Vereinigung im letzten Geschäftsjahr ein Reservations­plus von 14 Prozent vermitteln konnte.

Kriterien
Relais & Châteaux wurde 1954 in Frankreich mit ursprünglich acht Mitgliedern gegründet, die sich an der idyllischen Strecke von Paris nach Nizza, der «Route du Bonheur», befanden. Alle angeschlossenen Häuser müssen strenge Qualitätskriterien erfüllen, die regelmässig von ­anonymen Testpersonen überprüft werden. Jährlich nimmt die Vereinigung rund 20 neue Mitglieder auf, etwa ebenso viele treten aus oder werden infolge Nicht­erfüllens der Qualitätsanforde­rungen ausgeschlossen.

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