Mitten in Zürichs neuer urban-moderner Mitte, der Europa­allee, hinter einer der zahl­reichen Glasfronten, wartet eine andere Welt. Historische Holzschränke mit einer Armee an Schubfächern, Vitrinen, Bücher und Ledersofas, daneben Nähmaschinen und Büsten aus dem vergangenen Jahrhundert. Hinten hängen braune Papierstreifen von der Decke.

Man kann durchaus von einem Sehnsuchtsziel für Männer sprechen: Nicht wenige träumen davon, einmal den eigenen Massanzug, vollständig handgefertigt, zu tragen; Kragen, Ärmel, Taille, jeder Millimeter individuell dem Körper angemessen. ­Einige Meter Stoff ausgebreitet, brütet Eva Bräutigam (35) über einem Schnittmuster, einen Tisch weiter näht Chantal Keller (25) konzentriert am Revers eines Sakkos. Beiden hängt ein gelbes Massband um den Hals.

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A la Savile Row

Darf man heute noch eine Frau «Amazone» nennen, weil sie in einem Männerberuf arbeitet, einer vermeintlichen Männer­domäne gar? Heute lauert schliesslich hinter jeder Ecke ein Shitstorm. Wie dem auch sei: Eva Bräutigam ist Feinmass-Schneiderin, macht also Herrenanzüge, Festkleidung oder Mäntel, aber auch Damengarderobe, komplett von Hand, nach den individu­ellen Massen des Kunden und dafür eigens erstellten Schnitten, stickt selber jedes einzelne Knopfloch.

Eva Braeutigam

Nischenanbieter: Eva Bräutigam in ihrem Atelier in der Zürcher Europaallee.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Sie arbeitet streng nach der klassisch-traditionellen Methode à la Savile Row in London, wo die legendären Massschneider sitzen, wo sich Hollywoodstars, Spitzenpolitiker und Wirtschaftsgrössen einkleiden – und immer noch, wohl der Ursprung dieser Profession, Top-Militärs. Und selbst hier würde Bräutigam noch als eine derjenigen gelten, die im Handwerk am weitesten «back to the roots» gehen: je klassischer gefertigt, desto besser. So sieht sie das.

Eva Bräutigam widmet sich im Herrenfach der Königsdisziplin, dem Anzug – als Frau eine absolute Ausnahme.

Frauen sind in diesem Beruf bis heute, schon zahlenmässig, Exoten. Bekannt wurden im traditionellen Schneiderhandwerk vor allem zwei Hemdenmacherinnen: Emma Willis in London und Anna Matuozzo in Neapel. Bräutigam allerdings widmet sich im Herrenfach der Königsdisziplin, dem Anzug; in diesem Bereich sind die Anbieter international allesamt männlich.

Bräutigam, die in der Freizeit gern mal eine Zigarre schmaucht und zum Boxtraining geht, ist also eine Ausnahmeerscheinung. In der Schweiz ohnehin: Hierzulande braucht es nicht einmal die Finger einer Hand, um alle Feinmass-Anbieter abzuzählen, und auch hier «dürfte sie punkto Qualität vorne liegen», sagt eine Änderungsschneiderin mit Top-Ausbildung, die in ihrem Atelier schon Teile von Bräutigam zu Gesicht bekam. Der Anzug, sagt die Schneiderin in gutschweizerischer Zurückhaltung, «war erstklassig gemacht».

Eva Braeutigam

In ihrem Atelier fertigt Eva Bräutigam neben Damenmode «keine zehn Feinmass-Anzüge pro Jahr».

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Dass traditionelles Handwerk nichts mit Mangel an Modernität zu tun hat, lässt sich bei der Anprobe von Adriano Lucatelli be­sichtigen. Der Hochschuldozent und Fintech-Unternehmer ist ­einer von Bräutigams ersten Kunden, steht seit einem Jahrzehnt immer wieder vor ihrem Spiegel. Und «er trägt die Anzüge wohl am ­häufigsten», sagt Bräutigam, «öfter gehts fast nicht». Er bestätigt: «Ich setze mich damit auch auf Langstreckenflügen ins Flugzeug.» Und lacht: «Evas Anzüge haben die halbe Welt ge­sehen.»

Fast nicht totzukriegen

Beide finden: Das muss auch so sein. Ein Anzug im Schrank nutzt keinem, auch dem Schneider nicht. «Ein Uhrmacher baut seine Werke ja auch nicht für den Schrank oder den Safe, sondern ­damit sie getragen werden», sagt Lucatelli. Das sieht er auch als Respektbezeugung vor der Arbeit des Handwerkers. Und trotz seiner Nutzungsfrequenz überleben seine Bräutigam-Anzüge ­locker sieben bis acht Jahre; bei anderen Kunden, schätzt sie, «sicher doppelt so lange».

Eva Braeutigam

Anprobe: Fintech-Unternehmer Adriano Lucatelli ist einer von Eva Bräutigams ersten Kunden. Trotz hoher Nutzungsfrequenz halten die Anzüge bei ihm locker sieben Jahre.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Der tiefblaue Anzug, den er probiert, wird noch provisorisch zusammengehalten, sitzt jedoch schon jetzt perfekt. Ärmel- und Beinlängen passen, aber auch die Schulterpartie liegt wie angegossen, die Hose schlank, aber nicht eng; im Bekleidungshaus hätte man bereits vor Freude gejubelt. Dennoch will Bräu­tigam hier noch etwas nachjustieren, da an der Naht und dort noch zwei Millimeter – und sich gleich wieder an die Arbeit machen.

An kleinen Details oder an der Passform, sagt Lucatelli, merkten immer wieder Leute, dass seine Anzüge speziell sind; obwohl er keinerlei Erkennungszeichen anbringen lässt. Das freue ihn für Eva, die beiden duzen sich längst – und dann berichtet er Interessenten gern, woher die Teile stammen. Der Unterschied zu Masskonfektion (siehe Box unten) ist für ihn: Man «fühlt sich wohler im Feinmass-Anzug, der ist viel flexibler, weniger panzerig, sehr angenehm zu tragen». Kommt hinzu: Das langlebige Handwerk steht für das Gegenteil jener Wegwerfmentalität, die er nicht mag.

Lucatelli besitzt auch seit Jahrzehnten ein Paar handgefertigte Schuhe, die wenn nötig jeweils eine neue Ledersohle bekommen, oben aber wunderschöne Patina entwickeln, «die tragen sich bequem wie Finken». Dasselbe gelte für den Anzug. Man fühle sich nie overdressed, aber auch nie underdressed, und dank der Flexibilität auch nach einem ausgiebigen Dinner nicht eingeengt.

Eva Braeutigam: Rubinacci in Neapel schneidert garantiert alles von Hand – im Gegensatz zu zahlreichen anderen «Feinmass»-Anbietern.

Höchste Qualitätsansprüche: Der neue Anzug passt dem Kunden augenscheinlich schon perfekt – aber Eva Bräutigam findet immer noch kleine und kleinste Details, an denen sie etwas nacharbeiten möchte.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Lucatelli weiss: «Da steckt viel Handwerkerstolz drin.» Allerdings seien «bei Eva ganz speziell die Freude und die Passion, mit der sie ihren Beruf macht». Wenn man sich dann noch vorstelle, dass man Kleidung trägt, an der sie fast einen Monat lang gearbeitet habe … er freue sich jedenfalls, dass er als Kunde Bräutigams Business unterstützen könne.

150 Stunden pro Feinmass-Anzug

«Fast einen Monat» ist nicht übertrieben. Zwar geistert eine Zahl von rund 80 Nähstunden pro Anzug durch die Branche, doch das reicht bei Bräutigams Fertigungstiefe und Perfektionismus bei weitem nicht. Inklusive aller Anproben, zu denen sie jeweils alle Teile punktgenau zusammenheften und hinterher wieder vorsichtig auseinandernehmen muss, kommt sie eher auf 150 Stunden.

Bräutigam führt auch ein kleines Angebot «angemessener ­Begleiter» zu ihren Anzügen. Unterwäsche der Schweizer Zimmerli und Krawatten vom Neapolitaner E. Marinella, handgefaltet ­natürlich und bekannt für ihr puristisches Design. Daneben bietet sie auf Mass produzierte Hemden und Konfektionsanzüge an – berät und misst genauso sorgfältig wie bei ihren Feinmass-Kunden, überlässt die Fertigung der Anzüge der renommierten Schneiderei Scabal, die der Hemden der Tessiner Manufaktur Bruli, selbst ein Goldstandard ihrer Branche.

Rubinacci in Neapel

Definitiv «bespoke»: Rubinacci in Neapel schneidert garantiert alles von Hand – im Gegensatz zu zahlreichen anderen «Feinmass»-Anbietern.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Das Mass aller Dinge

«Feinmass» oder «Vollmass» sind Übersetzungen des englischen «bespoke tailoring». Grundsätzlich soll in diesem höchst traditionellen Handwerk alles per Hand gemacht werden, natürlich bis zum kleinsten Knopfloch. Weil die deutschsprachigen Begriffe im Gegensatz zum «bespoke» aber nicht geschützt sind, nehmen es viele Anbieter nicht immer ganz genau. Fragen Sie also, ob im «Feinmass» auch wirklich «bespoke» drin ist. Tipp: Schauen Sie hinten am Sakko-Kragen, wo der Kragenfilz befestigt ist: Findet sich hier ein Zickzackstich, dann wurde er maschinell angenäht. Auch an den Nähten des Innenfutters lässt sich zuweilen einiges erkennen. Ausserdem dürfte echtes Feinmass wohl keinem anderen passen als dem ersten Kunden, weil es zu individuell gefertigt ist: Solche Anzüge lassen sich nicht vererben.

Gesichertes «bespoke» bietet in der Schweiz neben Eva Bräutigam auch Francesco Gianoli in Poschiavo an. Europäische Vertreter sind Thomas Netousek in Wien, Italiener wie Rubinacci in Neapel, in Mailand A. Caraceni (Gianni Agnellis Hausschneider) oder der weniger bekannte, aber superbe Giuseppe Mirici Cappa und viele andere, in London die grossen Namen rund um und direkt an der Savile Row, wie Huntsman oder Kilgour.

Masskonfektion ist ein ganz anderes Produkt. Zwar wird auch hier der Kunde vermessen und speziell für ihn produziert, aber der Schnitt des Anzugs ist nicht individuell, sondern vorgegeben. Er wird lediglich auf die Messwerte angepasst, die Teile werden gern maschinell gefertigt, wobei es hier Mischformen mit Anteilen an Handarbeit gibt. Die Preise liegen bei einem Bruchteil vom Feinmass. Die Stoffe können aber durchaus genauso hochwertig sein.

Puristisch, so geht Bräutigam auch die Geschmacksfrage an. «Beim Feinmass bin ich strenger als bei der Masskonfektion», lacht sie – aber weisses Revers zu blauem Anzug, das gibt es bei ihr auch für Konfektionsanzüge nicht. Grundsätzlich folgt sie dem englischen Handwerk, «schwere Einlagen etwa, denn der Anzug ist ein Teil zum Gebrauchen, das lange halten soll».

Kunden sagten oft, so Bräutigam, «der Anzug sei so leicht, dabei ist er ein schweres Teil» – aber er sitzt eben perfekt auf der Schulter. Beim Schnitt hat sie hingegen keinen «Haus-Stil» wie viele Wettbewerber, sondern «ich schaue, was zum individuellen Kunden passt». So könne man nicht bei jedem Kunden das Sakko taillieren. Einem Dandy-Typen würde sie mit Freude Anzüge in Knallfarben nähen, einmal fertigte sie einem Kunden für eine Mottoparty einen Anzug aus mit Floralmuster bedruckten Stoffen – es passte.

Passt es nicht, rät sie auch «knallhart» ab. «Ich biete alles an», sagt sie, «aber ich funktioniere streng nach der Kleiderkultur.» Das heisst: Bei Eva Bräutigam gibt es keine farbig vernähten Knopflöcher, und steigende Revers, also mit den Spitzen nach oben, «gibt es nur beim Zweireiher», wo sie formal hingehören. Klassische Gestaltung also.

«Ich zeichne das Schnittmuster sofort nach dem Massnehmen, so habe ich den Kunden ganz frisch vor Augen.»

Eva Bräutigam

Die wahre Differenzierung findet sich dafür in der Passform. «Ich zeichne das Schnittmuster sofort nach dem Massnehmen, so habe ich den Kunden ganz frisch vor Augen.» Denn das Schwierigste sei, «die Körperhaltung perfekt zu realisieren», Details wie unterschiedliche Schulterhöhen, kräftige Arme, Waden oder Gesäss vom ersten Kreidestrich an zu berücksichtigen. Fotos der Kunden nutzt sie aus Prinzip nicht. Auch die Arbeitsteilung, in vielen Londoner Häusern üblich, gibt es bei ihr nicht.

Von Massnehmen bis Finish, bei ihr kommt alles aus einer Hand. Wegen der Muster-Passung bei den Nähten dauert die Arbeit mit Nadelstreifenstoffen etwas länger, mit Karostoffen noch länger. Zudem «sind die Stoffe heute viel dünner als früher, die verzeihen nicht den kleinsten Fehler». Bräutigam erinnert sich an einen Karostoff der Qualität Super 150, «da bestand das Karo aus einem einzigen Faden».

Zum Schneiderhandwerk gehört als essenzielle Fertigkeit auch das Dressieren. Dafür «macht man den Stoff richtig nass, und dann arbeite ich mit einem heissen Eisen, habe also Gewicht und Hitze, trimme und ziehe den Stoff und bringe damit eine Form hinein». Diese bleibt dann dauerhaft erhalten. Das sei etwa bei Schulterpartie oder Brust wichtig, denn hier «hat ein guter Anzug eine regelrechte Wölbung», auch den Kragen müsse man stark dressieren, weil er fast gerade geschnitten ist – «würde man ihn schon in eine runde Form schneiden, statt zu dressieren, dann läge er da wie tot». Erst durch das Dressieren «bekommt er einen schönen Schwung». Neben Körpereinsatz braucht es dazu genauso viel Fingerspitzengefühl wie Können.

Eva Braeutigam: Vom Massnehmen bis zum Finish – bei Eva Bräutigam stammt alles aus einer Hand. Spezielles Augenmerk erhält das Dressieren (Bild rechts). Dabei arbeitet die Schneiderin mit einem heissen Eisen auf dem nassen Stoff, um ihn dauerhaft in Form zu bringen.

Fingerspitzengefühl: Vom Massnehmen bis zum Finish – bei Eva Bräutigam stammt alles aus einer Hand. Spezielles Augenmerk erhält das Dressieren (Bild rechts). Dabei arbeitet die Schneiderin mit einem heissen Eisen auf dem nassen Stoff, um ihn dauerhaft in Form zu bringen.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Familiär vorbelastet

Schon zur Kindergartenzeit fing Bräutigam, zu Hause in Kreuzlingen, mit dem Nähen an. Zumal sie quasi familiär vorbelastet war: Ihre Mutter entwarf Stoffmuster, hatte auch in Paris gearbeitet. Letztlich war es dann «der Berufsberater, der mich darauf gebracht hat: Warum nicht das Hobby zum Beruf machen?». Nach dem ersten Tag in der Lehre war ihr schlagartig klar: «Das ist mein Beruf!»

In Basel lernte sie Damenschneiderin bei Therese Robé, die dort an der Berufsfachschule Couture Ateliers aufgebaut hatte, wo die Lernenden bereits direkte Kundenaufträge annehmen. Weil sie während ihrer Lehre erfuhr, dass das ganz traditionelle Handwerk eher im Herrenfach stattfindet, suchte sie noch eine Ausbildungsstätte für die Herrenschneiderei – zwei verschiedene Berufslehren, die sie beide absolvierte.

Auf dieser Suche bereiste sie Italien, England, Paris, stellte sich bei Schneidern vor, «die immer als Erstes auf die Knopflöcher geschaut haben». Die gelten bis heute als wichtigste Referenz eines Schneiders, mehr als gute Noten. Und klar: «Wenn man sich vorstellt, zieht man natürlich etwas an, das man selber gemacht hat.» Fündig wurde sie letztlich in Zürich, auf der Forch – Rhys Evans, ein Engländer aus einer Familie von Schneidermeistern, «er war sensationell im Handwerk», sagt Bräutigam, «ich nenne ihn bis heute die goldene Hand». Bis heute haben die beiden guten Kontakt.

Eva Braeutigam

Damen- und Herrenschneiderin: Eva Bräutigam absolvierte zwei verschiedene Berufslehren.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Keine Kompromisse

Das erarbeitete Niveau wollte sie nicht wieder preisgeben. Aber wo hätte sie als Angestellte so arbeiten können? Also machte sich Eva Bräutigam 2009 selbständig, mit einem Kelleratelier in Zürich-Enge, wie man sich den einsamen Schneider so vorstelle, lacht sie – für sie «weniger ein mutiger, vielmehr ein zwangsläufiger Schritt». Doch das Geschäft lief, bis heute genügt ihr Mundpropaganda als Werbemittel.

Auf Anfang 2015 zügelte sie in die Europaallee, wenige Monate zuvor war Chantal Keller als Verstärkung hinzugestossen; auch sie hat beide Schneiderausbildungen, suchte gezielt nach dem traditionellen Handwerk, fand Bräutigam im Internet und bewarb sich. Bräutigam hat «Chantal dann noch in meine Handschrift eingearbeitet, und heute haben wir bei der Arbeit praktisch ein blindes Verständnis». Keller selbst findet «bei der Herrenschneiderei das Handwerkliche spannender, bei der Damenschneiderei das Kreative und Verspielte».

Seit fast fünf Jahren arbeiten Bräutigam (r.) und Chantal Keller zusammen. Sie verstehen sich inzwischen blind.

Eingespieltes Duo: Seit fast fünf Jahren arbeiten Bräutigam (r.) und Chantal Keller zusammen. Sie verstehen sich inzwischen blind.

Quelle: Dan Cermak für BILANZ

Klein und fein – so soll das Atelier Bräutigam auch bleiben. Denn bei der Qualität wollen beide keine Kompromisse machen. Deshalb können sie, neben der Damengarderobe, «keine zehn Feinmass-Anzüge pro Jahr» fertigen, die benötigen eben extrem viel Zeit. Und trotz des riesigen Aufwands kann Bräutigam ihre Preise nicht frei entlang Aufwand und Materialkosten (manche Stoffe, von denen es im Schnitt knapp vier Meter braucht, kosten pro Meter rund 1000 Franken) veranschlagen, sondern muss sich an der Savile Row orientieren. Ihre Preise starten bei 7800 Franken, und sie weiss: Bei fünf Ziffern liegt eine psychologische Grenze – für einen Monat Handarbeit plus teuren Stoffen immer noch knapp kalkuliert.

Reich werden Bräutigam und Keller nicht mit ihrem Handwerk. Aber das Duo fühlt sich pudelwohl in seiner Marktnische.

Reich werden Bräutigam und Keller also nicht, ganz im Gegenteil. Und die aufwendigen Herrenanzüge rechnen sich vermutlich am wenigsten, «wir vergleichen uns auch hier mit der Savile Row, und auch dort verdient sich keiner einen goldenen Nagel». Aber die beiden fühlen sich pudelwohl in ihrer ganz eigenen Nische im Markt – und so gar nicht wie die Amazonen des Schneiderei­wesens: «Darüber habe ich noch nie nachgedacht», sagt Chantal Keller. «Das spielt für mich keine Rolle; ich finde es schön, ein bisschen Einzelgänger zu sein, schaue nicht nach links und nach rechts und kann meiner Philosophie folgen», sagt Eva Bräutigam.

Was viel hilft: Dass die junge Mutter einer Tochter einen Partner hat, der «am gleichen Strick mitzieht», dass man sich organisieren können muss. Sie sei jedenfalls glücklich, sagt sie mit leuch­tenden Augen: «Ich kann genau das tun, was ich möchte.»

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 09/2019 der BILANZ.