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Management 
Lieber nett als Chef – vom Glück der Zweitplatzierten

Top-Manager oder ewige Nummer zwei: Letzteres macht zufriedener. Quelle: Getty Images/Thomas Trutschel

Lieber Beta-Mann als CEO: Die glücklichsten Karrieren machen die Männer, die es knapp nicht an die Spitze schaffen.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
22.11.2017

In einem Punkt war Urs der beste Topmanager, den ich jemals kennen lernte. Er war der perfekte Beta-Mann. Urs war zwei Jahrzehnte lang Mitglied der Konzernleitung in einem grossen Dienstleistungsunternehmen. In dieser Zeit sah er dreissig andere Konzernleitungsmitglieder kommen und gehen. Er diente unter vier verschiedenen CE-Os.

Bei keinem dieser Wechsel an der Spitze stand jemals zur Diskussion, dass Urs selber CEO werden könnte. Er blieb stets die Nummer zwei. Er war der perfekte Beta-Mann.

Vergleich zur Tierwelt liegt nahe

Alpha-Männer, Beta-Männer und dann die Skala hinunter bis zu den Omega-Männern – in der Unternehmenswelt ist es exakt wie in der Tierwelt. Besonders gut wurden diese Hierarchiestufen bei den Pavianen untersucht.

Vor den Affen aber noch ein Wort zu Beta-Mann Urs. Er war im Betrieb stets beliebter als die vier CE-Os über ihm. Er war ein verbindlicher Typ, immer hilfsbereit, immer gut gelaunt. Wenn man einen Ratschlag brauchte, war Urs die beste Adresse.

Das Alpha-Männchen hat am meisten Stress

Es gibt eine Langzeitstudie der Princeton University über Paviane im Amboseli-Park. Über Jahre massen die Forscher deren Stresshormone im Blut. Die höchste Konzentration an Stresshormonen hatte jeweils der CEO der Affengruppe. Er kam zwar als Erster an die Boni wie das Futter und die Weibchen heran. Aber der ständige Druck, seine Chefposition gegenüber seinen Rivalen zu verteidigen und zugleich das Rudel zusammenzuhalten, zermürbte ihn. Die gestresste Number one blieb darum oft nur kurze Zeit an der Spitze.

Eine hohe Konzentration an Stresshormonen hatten aber auch die Affen am unteren Ende der Hierarchieskala. Sie waren die physisch schwächsten Tiere, ständig auf der Suche nach Futter und in Panik wegen natürlicher Feinde wie Löwen und Leoparden.

Halbwertszeit von CEOs sinkt

Auf normalen Büroetagen ist es genauso. Die Halbwertszeit der gestressten CEOs wird immer kürzer. Der Zwei- oder Dreijahresrhythmus an der Spitze ist die Regel. Hohe Stresswerte vermelden Arbeitsmediziner jedoch auch auf tieferen Positionen. Verkaufsberater, IT-Ingenieure, Controller und Produktmanager sind genauso Burn-out-gefährdet.

Und damit wären wir zurück bei Urs: Den geringsten Anteil an Stresshormonen hatte in der Gruppe der Paviane das Beta-Tier, also der Affe direkt unter dem Firmenchef. Die Nummer zwei der Organisation hatte das entspannteste Leben.

Lieber nett als tough

In den USA ist der Unterschied zwischen den «Alpha Males» und den «Beta Males» längst in die Populärpsychologie vorgestossen. Erstere sind demnach maskulin, direkt, gruppenorientiert und risikobereit. Letztere sind ausgeglichen, hilfsbereit, tolerant und vorsichtig. Die Alpha-Männer sind die «tough guys». Die Beta-Männer sind die «nice guys».

Studien aus Menschheit wie Zoologie kommen zum identischen Schluss. Die grosse Mehrheit der Weibchen fühlt sich vom Alpha-Mann sexuell angezogen. Der Unterschied zwischen humanem und tierischem Verhalten offenbart sich dann etwas später. Wenn es zur Heirat kommt, bevorzugen Frauen den Beta-Mann.

Urs wurde zwar nie CEO, aber er ist inzwischen seit über vierzig Jahren verheiratet, die beiden Töchter sind aus dem Haus. Das Familienleben war harmonisch, denn der Vater kam ohne grosse Stress-Symptome von der Arbeit nach Hause. Er brauchte auch nie medizinische Hilfe.

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