Das grösste Gebäude der Welt, das teuerste Hotel, die schnellste Achterbahn, das grösste Einkaufszentrum... die Liste kann lange so weitergeführt werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein Land der Superlative. Hier entspringt Geld, Einfluss, Macht und alles, was damit zusammenhängt. Aber vielleicht können die Identität und die internationale Bedeutung einer Nation am besten durch ihren kulturellen Beitrag geprägt werden.

Kunst ist eine sanfte Macht. Sie ist aber auch höchst lukrativ. Mit Bauten wie dem 640 Millionen Dollar teurem Louvre von Jean Nouvel oder Frank Gehrys ähnlich extravagantem Guggenheim Museum in Abu Dhabi setzt die Öl-Stadt ein deutliches Zeichen: Sie ist auf dem Weg, ein globaler Knotenpunkt für Kunst und Kultur zu werden.

Die Entstehung des Louvre Abu Dhabi

Als Teil unserer neunmonatigen Reise für die CNN-Reihe «The Silk Road» hatten wir die Möglichkeit, der Entstehung des Louvre Abu Dhabi, einer der aufregendsten und bedeutungsvollsten kulturellen Entwicklungen unserer Zeit, beizuwohnen. Man kann die gigantische Kuppel des Louvres, die den Sanddünen der Saʿadiyat-Insel vor der Küste Abu Dhabis entsteigt, bereits aus einer Entfernung von mehreren Kilometern sehen. Während der Aufzeichnung unserer Sendung filmten wir die Anbringung der fast 8000 Stahlträger an die netzartige Kuppel. Durch den Einfallswinkel der Sonne entsteht ein prächtiges Licht-und-Schattenspiel, das die dekorativen Holzgitter der Maschrabiyya-Wände imitiert.

Obwohl die Inspiration für das Design aus den regionalen Traditionen entstammt, ist die resultierende Ästhetik universal. Inmitten der Wüste soll dieser Ort bald zu einer Oase für die wertvollsten Stücke der Kunstgeschichte werden. Es ist ein schimmernder Versuch der Vereinigten Arabischen Emirate, ihre Wirtschaft auszuweiten. Bedenkt man die Unbeständigkeit des Öl-Marktes, so wird die Investition in Kunst und Kultur zu einem Teil einer Langzeitstrategie, um Touristen anzuziehen und das Reiseland Vereinigte Arabische Emirate an die ganze Welt zu vermarkten.

Geschmäcker müssen entwickelt werden

So wie die historische Seidenstrasse den Austausch von Ideen und Wissen gefördert hat, werden auf der modernen Seidenstrasse durch kulturelle Investitionen wie dem Louvre Bildung und Dialog unterstützt. Der Chefkurator Jean-Francois Charnier erklärte mir: «Wir haben eine gemeinsame Gesprächsbasis und Elemente, die uns verbinden. Die Geschichte beweist das. Sie zeigt all die Dialoge zwischen den Kulturen und Zivilisationen im Laufe der Zeit. Dazu ist die Kunst da. Sie ist eine Zeugin dieser Dialoge.»

Aber es sind nicht bloss solche Museen, die die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft entfalten. Top-down Massnahmen zur kulturellen Bereicherung werden vom Öl-Reichtum der Region gestützt. Sie gelten als Vorbilder und generieren Interesse, aber sie benötigen auch ein engagiertes Publikum, das empfänglich für solche Programme ist. Geschmäcker müssen entwickelt werden, Sammeln muss zur Gewohnheit werden und all das muss sozusagen von unten nach oben geschehen. Und genau deshalb sind Galerie-Zentren wie die Alserkal Avenue im Al Quoz-Bezirk Dubais so wichtig.

«Früher hatte Kunst hier keinen Wert»

Wo es früher nur einen Industriebezirk mit Autoteilfabriken gab, existieren heute über 25 kreative Treffpunkte und Kunstgalerien. Sie bilden eine dringend benötigte Plattform für regionale Künstler. «Früher hatte Kunst hier keinen Wert», erzählt ein Galeriebesitzer in Alserkal. «Die Leute haben Geld für teure Häuser und Autos ausgegeben, aber sie hätten nie daran gedacht, in Kunst zu investieren.»

Diese Einstellung veränderte sich durch die Eröffnung von Auktionshäusern wie das Christie’s im Jahr 2006. Plötzlich hatte Kunst einen Wert und wurde zu einem guten Investment – und plötzlich entstand auch ein Markt dafür. Inzwischen machen Kunden aus dem Mittleren Osten in etwa acht Prozent von Christie’s Gesamtumsatz aus. Das Auktionshaus vermittelte hier bereits Kunst im Wert von 250 Millionen Dollar und siebzig Prozent der Käufer sind Sammler aus der Region. Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der nicht nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sondern auch in Ländern wie Katar und Kuwait globale Museen erreichtet werden, hoffen viele Künstler und Galerien darauf, hier eines Tages den grossen Sprung zu schaffen.

Man muss nicht extra betonen, wie optimistisch dieser Markt im Moment ist. Die Vereinigten Arabischen Emirate versuchen auf allen Wegen durch ihre kulturelle Bereicherung, eine neue Perspektive zu schaffen, in der kleine, reiche Länder zu Knotenpunkten für Kunst und Kultur werden und damit den Osten und den Westen verbinden.

CNN International Korrespondentin Sumnima Udas bereist jeden Monat ein anderes Land entlang der Seidenstrasse. In dem 30-minütigen Format wird die moderne Welt in den historischen Kontext gestellt. Weitere Informationen finden Sie auf der Microsite und unter #CNNSilkRoad. Diese Kolumne lesen Sie in der Schweiz exklusiv auf handelszeitung.ch.

Anzeige
Anzeige