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Malerei 
Ferdinand Hodler und die Frauen

Ferdinand Hodler in seinem Genfer Atelier 1916
1916: Ferdinand Hodler in seinem Genfer Atelier.Quelle: Keystone

Er gilt als der Schweizer Künstler schlechthin, der ein spezielles Verhältnis zu Frauen pflegte: Am 19. Mai jährt sich Ferdinand Hodlers Todestag zum 100. Mal.

Veröffentlicht 30.04.2018

Ferdinand Hodlers schwieriges Verhältnis zu Frauen ist legendär. Er bediente sich ihrer, wie es ihm nützte. Doch leicht geht vergessen, welchen Anteil die Modelle an seiner Kunst hatten.

In der Genfer Promenade du Pin, einem kleinen Park im ehemaligen Bollwerk der Stadt, gleich hinter dem Kunstmuseum, steht ein Denkmal «à la memoire de Ferdinand Hodler». Es stammt vom Bildhauer Henri König, wurde 1958, 40 Jahre nach dem Tod des Malers, eingeweiht und zeigt zwei schreitende, vielleicht tanzende Frauen. Sie sind den Einzelfiguren zu Hodlers Bilder «Blick ins Unendliche» nachempfunden.

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Schauderhaftes im Atelier

Hodler und die Frauen - viel ist zu Lebzeiten des Malers über das Thema gesprochen und noch mehr ist seither darüber geschrieben worden. Hodler selbst hat es angefacht: Machte er nicht «cherchez la femme!» zu sei seinem Lebensmotto? Schrieb er nicht, das Schönste im Leben seien «Weiber und Rosen»?

Noch in seinen späten Jahren, so berichtete seine Schülerin Stéphanie Guerzoni, soll Hodler sie gewarnt haben, in seinem Atelier gehe es «schauderhaft» zu und her, selbst die «hässlichsten Modelle» vermöchten ihn nicht abzustossen.

Ferdinand Hodler in seinem Genfer Atelier 1903
Ferdinand Hodler in seinem Genfer Atelier 1903.
Quelle: Keystone

Die Kunstgeschichtsschreibung hat sich festgelegt, die Frauen und der Tod seien Hodlers Obsession gewesen, zuzüglich noch der Landschaften. Erklärt wird das damit, dass Hodler schon als Kind mit dem Tod konfrontiert gewesen ist. Sämtliche Geschwister Hodlers starben jung, mit vierzehn war er Vollwaise. Seiner Mutter sah er als Kind buchstäblich beim Sterben zu. Später gab Hodler vor, die Nähe zu Frauen zu suchen. Er liess diese Nähe aber nie wirklich zu und suchte immer wieder schleunigst die Nähe einer anderen.

Die Empörte

Interessanter als die psychologische Deutung Hodlers ist allerdings die Frage, welchen Anteil Frauen an der Urheberschaft seiner Werke, an seiner Kunst hatten.

Zum Beispiel Caroline Leschaud, eines seiner frühen Modelle: Mit ihr verlobte sich der 22-jährige Maler im März 1877 keusch. Als er sie bei einer Sitzung körperlich bedrängte, wehrte sie sich, biss ihn und liess ihn stehen.

Übrig geblieben ist ein unvollendetes Porträt von ihr, und zwar ein besonders lebendiges, selbst gemessen an den Massstäben Hodlers, der, in den Worten Paul Klees, «wie kaum einer durch den Körper die Seele gestalten» konnte. Das Bild heisst die «Empörte».

Die Wäscherin Augustine Dupin, die 1887 die Mutter seines Sohnes Hector wurde, malte Hodler in sein erstes Erfolgsbild «Die Nacht». Im gleichen Bild liegt Bertha Stucki, die Frau, die Hodler fast zur gleichen Zeit heiratete, wohl in der Hoffnung, sie würde ihm einen sozialen Aufstieg ermöglichen. Die Ehe hielt keine zwei Jahre.

«Die Nacht» von Ferdinand Hodler
«Die Nacht» von Ferdinand Hodler im Kunstmuseum Bern.
Quelle: Keystone

Letztmals malte Hodler Augustine Dupin 1909: als Tote. Das Bild nimmt eine ganze Serie von Skizzen, Zeichnungen und Gemälden vorweg, mit denen Hodler zwischen 1913 und 1915 das Sterben seiner Geliebten Valentine Godé-Darel dokumentierte. Kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter war Godé-Darel an Krebs erkrankt. Sie war eine geschiedene Französin, eigenwillig, stolz, eifersüchtig, finanziell aber wohl von Hodler abhängig: eine Amour fou.

Schmerz und Grösse

Der Zyklus der sterbenden Valentine gilt in seiner grausamen Präzision heute als Hodlers Meisterwerk, voller Schmerz und Grösse. Hodler litt, als Valentine starb, und wusste auch: so etwas hat noch keiner gemacht. Kommentatoren haben die Radikalität von Hodlers Unterfangen betont.

Über Wochen fand er sich Tag für Tag an Valentines Bett ein, um ihren Zerfall zu zeichnen. Auf einem Bild aus dem frühen Stadium der Krankheit ist Valentine schon als Bettlägerige zu sehen, den verzweifelt fragenden Blick zum Maler gewandt. Will sie wissen, was mit ihr geschieht? Oder fragt sie Hodler, was er da tue?

Ferdinand Hodler Valentine Godee-Darel 1914
1914: Valentine Godé-Darel im Krankenbett.
Quelle: Wikimedia Commons

Sie wusste es. Valentine Godé-Darel war Schauspielerin. In Paris hatte sie sich ausbilden lassen, in Genf spielte sie Operetten, so hat Hodler sie kennengelernt. Selbst als Todgeweihte war sie kein hilfloses Modell. Sie wusste, was es bedeutet, sich dem Blick der anderen auszuliefern und diesen Blick wie eine unentdeckte Malerin selbst zu gestalten.

Das ist ebenso gut ein Handwerk, wie dem eigenen Auge eine Hand zu geben. Völlig zu Recht schrieb die sterbende Valentine ihren Namen neben den von Hodler in dessen Skizzenbuch.

Hodler war zu diesem Zeitpunkt übrigens mit Berthe Jacques verheiratet, die sich dann um die Tochter Valentines kümmerte. Gleichzeitig machte er schon wieder einer anderen schöne Augen: Gertrud Dubi-Müller, Fabrikantentochter aus Solothurn, Autofahrerin, Fotografin, Modell und Sammlerin Hodlers. Sie machte die letzten Aufnahmen von ihm, die allerletzte auf seinem Sterbebett. Aus dem Maler war ein Modell geworden.

(sda/ccr)