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Belgien 
Die Wurzeln der Marktwirtschaft in Bildern

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Blick in die Ausstellung «Für Gott & das liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit» in Gent.

Kunst aus Flandern wird zum Gütesiegel: In Gent führt eine gut gemachte Ausstellung die Besucher zu den Wurzeln von Marktwirtschaft und Kapitalismus.

Von Katrin Bachofen
15.11.2016, Aktualisiert vor 22 Stunden

Für Fernand Huts ist es eine klare Sache: «Wir in Flandern haben den Kapitalismus erfunden», sagt er bei einem Besuch der Ausstellung «Für Gott & das liebe Geld. Flanderns Goldene Zeit», die noch bis Neujahr im Kulturzentrum Caermersklooster im belgischen Gent zu sehen ist. Der Initiator und Leihgeber einer Grosszahl der dort gezeigten Werke hat zudem einen wesentlichen Teil des Ausstellungskatalogs verfasst.

Der Chef des belgischen Logistikriesen Katoen Natie hat seine beeindruckende Kunstsammlung in «The Phoebus Foundation»vereint. Im Gespräch verweist er stolz und selbstbewusst auf die Verdienste einer Region, die am Ende des 13. Jahrhunderts die Voraussetzungen für den freien Handel geschaffen hat.

Eine Welt grosser Ambitionen

Die in der Ausstellung gezeigten Meisterwerke des späten Mittelalters und der frühen Renaissance legen Zeugnis ab von der wirtschaftlichen Macht der Grafschaft Flandern und des Herzogtums Brabant, basierend auf einer technologischen und industriellen Schlüsselposition und als Handelszentrum der Welt.

Die Ausstellung zeigt diese wirtschaftliche und kulturelle Glanzzeit der südlichen Niederlande unter einem neuen Blickwinkel. Es ist eine Welt grosser Ambitionen, der Faszination für das Unbekannte und auch der süssen Sünde, die überall lauert. Der Fokus liegt auf der Entstehung des Bürgertums, das sich gegen die traditionelle Ordnung von Kirche und Adel auflehnte und einen neuen Menschen entstehen liess - den Unternehmer.

Wohlstand und Unzucht

Ab etwa 1200 entwickelt sich in der heute als Flandern bezeichneten Region eine neue Art von Mensch - praktisch denkend, innovativ, unternehmerisch. Ein kritischer Mensch, der sich traut, Fragen zum aktuellen Geschehen zu stellen. Er wohnt in den Städten der damaligen Niederlande und wird dank seinem unternehmerischen Spürsinn vermögend.

Handel und Unternehmertum sorgen dafür, dass in der Blütezeit des 15. und 16. Jahrhunderts wirtschaftliche Machtzentren mit einem blühenden Kunsthandwerk entstehen. Künstlerische Produkte aus Flandern und dem Brabant erobern den Weltmarkt. Gemälde, Bilder, Wandteppiche, Altaraufsätze, illustrierte Handschriften - alles begehrte Güter, die leidenschaftlich exportiert werden.

Vorbild Börse Brügge

Dank der boomenden Schifffahrt erreicht der Handel bisher ungekannte Dimensionen. Kunst aus den südlichen Niederlanden wird zu einem Gütesiegel. In dieser Zeit entstehen auch die Grundlagen für die doppelte Buchführung - und nach dem Vorbild der Börse in Brügge werden mehrere Handelsniederlassungen eröffnet.

Doch alles hat seine Kehrseite und der Wohlstand paart sich schon bald mit Unzucht. Trotz seinem kritischen Geist bleibt der unternehmerische Mensch tief gläubig. Die dem geschäftstüchtigen Ablasshandel nicht abgeneigte katholische Kirche ist sich der Todesangst der Schäflein bewusst. Um sich einen Platz im Himmel zu sichern, kann man sich von seinen Sünden freikaufen. Doch missbräuchliche religiöse Praktiken lassen kritische Stimmen laut werden und es kommt zu Unruhen, die das Ende dieses Goldenen Zeitalters der südlichen Niederlande einläuten. Doch sein Erbe, der Geist des Unternehmertums, lebt weiter.

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