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Kryptowährungen 
Wie aus Bitcoin und Co. Reichtum entstehen kann

Kryptowährung: Goldgräberstimmung hat auch die Schweiz erfasst.Quelle: NurPhoto/Getty Images

Der ­Appetit auf Bitcoins und Co. ist so gross wie das Risiko ­eines Absturzes. Doch ­Totgesagte leben oft länger.

Von Erich Gerbl
2017-11-13

Der Cheeseburger liegt Aaron Koenig ­immer noch im Magen. Dabei hat er ihn schon vor mehr als sechs Jahren verspeist. Im Sommer 2011 bezahlte Koenig im «Room77» einen ganzen Bitcoin für Burger und Cola – heutiger Wert: knapp 4000 Franken. Die Berliner Szenekneipe im Herzen von Kreuzberg war das erste Lokal, das die Kryptowährung akzeptierte. Waren Bitcoins damals nur wenigen Technologiefans wie Koenig ein Begriff, sind sie heute in aller Munde.

Eine wahre Goldgräberstimmung hat auch die Schweiz erfasst. Kollegen, die sonst nichts mit spekulativen Geschäften am Hut haben, starren ständig auf ihr Handy und checken die neuesten Kurse von Bitcoin, Ether und Dash. Wie das Licht die Motten ziehen die rasanten Kursbewegungen die Masse in ihren Bann.

«Eher Revolutionäre als Speku­lanten»

Der Traum vom schnellen und mühe­losen Reichtum hat sich für Tausende meist junger Tekkies erfüllt. Der Wert aller Bitcoins überschritt vorübergehend die 80-Milliarden-Dollar-Grenze. Der grösste Teil der Coins soll von rund 800 Adressen, die auf ihren Beständen sitzen, gehalten werden. Alleine der sagenumwobene Bitcoin-Erfinder mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto soll eine Million Bitcoins besitzen. Am 31. Oktober 2008 verschickte er ein PDF mit den Grundpfeilern der digi­talen Währungsreform und eröffnete den Run auf das digitale Gold.

Anders als den Spekulanten, die jetzt in Scharen auf den rasanten, führerlosen Zug aufspringen, geht es den frühen Bitcoin-Sammlern nur in zweiter Linie ums Geld. Sie haben sich Bitcoins zugelegt, um das Finanzsystem aus den Angeln zu heben. «Sie sind eher Revolutionäre als Speku­lanten», sagt Koenig. Er weiss, wovon er spricht. Sein Buch «Cryptocoins» kommt jetzt auf den Markt und ist bereits sein zweites zu dem Thema.

Revolutionäre unter sich

Nicht die neuen digitalen Cryptocoins halten die Tekkies für kryptisch und geheimnisvoll, sondern die Politik der Noten­banken. Das Monopol zur Ausweitung der Geldmenge führe zu Inflation und einer Umverteilung des Geldes von der arbeitenden Bevölkerung zu Regierungen, Banken und Grosskonzernen. «Henry Ford hat gesagt: Wenn die Menschen das Geldsystem verstünden, gäbe es eine Revolution noch vor morgen früh», sagt Koenig. «Satoshi Nakamoto hat das Geldsystem verstanden, die Revolution ist in vollem Gange.»

Wer seine analogen Franken in Bitcoins und Co. investiert, der wettet langfristig auf eine Zukunft, in der sich die Visionen der Tekkies zumindest teilweise realisieren und digitale Währungen eine tragende Rolle spielen. Die Einschätzungen, ob das realistisch ist, schwanken so extrem wie die Kurse. «Man kann beim Bitcoin mehrfach das gleiche Muster beobachten. Auf den steilen Anstieg folgt ein heftiger Absturz, aber auf ein deutlich höheres Niveau als vor dem Anstieg. Dann dümpeln die Kurse vor sich hin, bis ein weiterer steiler Anstieg folgt. Langfristig ging es aber stetig bergauf», sagt Koenig.

Andreas Dietrich leitet das Institut für Finanzdienstleistungen Zug. Der Autor der «IFZ FinTech Study» versuchte dem Anstieg des Bitcoin zur 5000-Dollar-Marke mit herkömmlichen Modellfaktoren näher zu kommen. «Ich bin daran gescheitert, die Preisentwicklung wissenschaftlich zu erklären. Wenn es keine Erklärung gibt, sollte man sich nicht auf die Äste hinauslassen.» Dass sich Bitcoin als Zahlungsmittel verbreitet, erkläre zwar Zuwächse, aber nicht in dem Ausmass.

Emerging Markets brauchen digitales Geld

Doch wozu sind diese Kryptowäh­rungen, abgesehen von der Entmachtung der Notenbanken, überhaupt gut? «In der Schweiz braucht sie grundsätzlich keiner, sie sind momentan Spekulationsobjekte», sagt Jan Brzezek, CEO und einer der Gründer von Crypto Fund. Der ehemalige UBS-Experte bringt am 1. Januar 2018 einen Fonds mit den bedeutendsten Kryptowährungen auf den Markt. Er trägt dadurch zum Aufstieg der sogenannten Cryptos bei. Je stärker sich die Finanzindustrie engagiert, desto stärker verbreiten sich die neuen Währungen.

Jetzt schon gebraucht wird digitales Geld in Emerging Markets. Brzezek: «Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu einer Bank. Für den Motorrad­mechaniker in Afghanistan kommen Bitcoins wie gerufen.» Besonders gerne setzt man in Ländern mit hoher Inflation auf die neue Währung. Im inflationsverseuchten Venezuela stieg Bitcoin zur wichtigsten Parallelwährung auf.

Ausserhalb der Schwellenländer könnten einzelne Kryptowährungen durch die Integration in eine zunehmend digitalisierte und global vernetzte Welt reüssieren. So wurde prognostiziert, dass 2027 zehn Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Blockchains gespeichert sind.

Volatilität zehrt am Vertrauen

Soll eine Währung als Geld funktionieren, braucht es Vertrauen. Die Frage ist, ob Bitcoin und Co. dieses nicht nur in Krisenstaaten verdienen. Am ­Vertrauen zehrt die riesige Volatilität. Selbst beim Schwergewicht Bitcoin sind Schwankungen von zehn Prozent keine Seltenheit. Steigt der Wert der Währung ständig, gibt sie keiner aus. Bricht sie ein, sinkt die Kaufkraft. Mit heftigen Ausschlägen ist eine Kryptowährung weder als Wertspeicher noch als alltägliches Zahlungsmittel zu gebrauchen.

Laut J.P.-Morgan-Chef Jamie Dimon ist Bitcoin ohnehin ein riesiger Betrug. Er feuert jeden Mitarbeiter, der in die Währung investiert. Doch so richtig verstanden hat Dimon, der die Bank schon leitete, als sie noch faule Hypotheken zu komplexen Wertpapieren bündelte und verkaufte, Bitcoin offenbar nicht. «Die Kernidee bei Bitcoin ist, dass man keiner dritten Partei vertrauen muss. Im Unterschied zu den zu Recht streng regulierten Banken ist die Regulierung bei Bitcoin schon in die Software eingebaut», sagt Koenig.

Blockchain über alles

Möglich wird das durch die Blockchain. Die Blockchain kommt ganz ohne Vertrauen aus. Mit ihrer Hilfe kommen Menschen, die sich nicht vertrauen, zu einem Konsens. Die Blockchain ist eine Datenbank, die in einer identischen Version von Tausenden Computern gespeichert wurde. Man kann sie mit einem für jeden einsehbaren Kassabuch vergleichen. Aktualisiert wird simultan. Aufgrund der dezentralen Speicherung gilt eine Manipulation der Blockchain derzeit als ausgeschlossen.

Mit ihrer Erfindung hat Satoshi Nakamoto nicht nur den Weg für Bitcoin frei gemacht. Es ist ein wahrer Krypto-Damm gebrochen. Auf der Website Coinmarketcap.com sind mittlerweile 1121 Cryptocoins aufgeführt. In einigen Wochen kommen über die boomenden Initial Coin Offerings (ICOs) mehr als zehn neue Währungen mit Namen wie HappyCoin, First Bitcoin, Cash­Me oder Shell Coin hinzu.

«Die Allermeisten sind Totgeburten. Als das Auto erfunden wurde, gab es auch Hunderte Autohersteller. Aber wer am Anfang nicht dabei war, ist auch jetzt nicht bei den führenden Konzernen», sagt Brzezek. Einzuschätzen, welche Cryptocoins das Rennen machen würden, sei schwer. Hinzu komme ein «massives technologisches ­Risiko». Wer hinter Bitcoin stehe, sei nicht bekannt. Obwohl es als unmöglich an­gesehen werde, würde ein erfolgreicher Hackerangriff das Vertrauen in eine Blockchain-Währung wie Porzellan zerschlagen. «Dieser Risiken muss sich jeder bewusst sein», sagt Brzezek.

Wer auf Cryptocoins wetten will, sollte streuen

Wer dennoch auf Cryptocoins wetten will, sollte streuen. Drei Kategorien stehen zur Wahl: Münzen, die wie Bitcoin eine Zukunft als allgemeines Tauschmittel anstreben, die sogenannten Appcoins mit ­einer internen Zahlungsfunktion und lokale Cryptocoins wie der Tel Aviv Shekel.

Niklas Nikolajsen ist CEO der in Zug ­beheimateten Bitcoin Suisse, eines der grössten Cryptocoin-Händler Europas. Zuletzt half er immer mehr reich gewordenen Krypto-Millionären dabei, sich im Kanton niederzulassen. Der gebürtige Däne kennt die Wünsche dieser Millionäre. Er hat bereits 2011 in Bitcoin investiert und entsprechend profitiert. Nikolajsen schätzt, dass fünf bis zehn Währungen als allgemeines Tauschmittel und Wertspeicher eine Zukunft haben.

Derzeit liegen Bitcoin, Bitcoin Cash, Lite­coin, Dash und Monero vorne. Bitcoin wird von Experten als Wertspeicher und Alternative zu Gold positioniert. Family Offices sollen bereits investieren. «Alles, was Gold zu gutem Geld macht, wurde bei Bitcoin nachmodelliert», sagt Koenig. Wie Gold werden Bitcoins aufwendig geschürft. Die Zahl ist auf 21 Millionen limitiert. «Bei Bitcoin weiss man wie bei Gold, was man bekommt. Bitcoins kann man nicht wie den Franken beliebig drucken», sagt Niklas Nikolajsen.

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Bitcoin hat Defizite

Doch dass Bitcoin die Poleposition ­unter den Kryptowährungen halten kann, ist nicht gesagt. Denn die Kryptowährung hat einige Defizite. Die Position als Wertspeicher schwächen die starken Schwankungen. Zudem könnten laut dem Kryptologieexperten Adi Shamir bereits zwei bis drei der Bitcoin-Minen-Pools das System manipulieren oder zu Fall bringen.

Unterlegen ist Bitcoin anderen Währungen bei der Trans­parenz. Kennt man die Adresse eines Senders oder eines Empfängers, ist Bitcoin ganz und gar nicht anonym. «Weil die Blockchain nie gelöscht werden kann, sind alle je getätigten Transaktionen nachvollziehbar. Das haben auch die US-Behörden begriffen. Sie sind jetzt Unterstützer von Bitcoin», sagt Crypto-Fund-Chef Brzezek. Währungen wie Dash (Option «Private Send»), ZCash oder die komplett intransparente, im Darknet gefragte Währung Monero sind Bitcoin punkto Anonymität voraus.

Ausserdem sind Bitcoin-Transaktionen nicht besonders schnell. Im Bitcoin-Netzwerk wird alle zehn Minuten ein neuer Block erzeugt. So lange dauert es, bis eine Transaktion bestätigt ist. Im Vergleich zu Kreditkarten ist das eine Ewigkeit. Noch dazu steigen mit wachsendem Gebrauch die Staus und Wartezeiten. Litecoin ist vier Mal so schnell, Monero arbeitet mit dem fünffachen Tempo. Dash schickt mit der Instant-Send-Transaktion Geld in weniger als einer Sekunde und spielt hier in einer eigenen Liga.

Dass das Tempo zum Problem werden könnte, hat man auch in der Bitcoin-Community erkannt. Am 1. August wurde Bitcoin Cash geboren. Mit den Blocks hat sich das Tempo verachtfacht. Bitcoin Cash war eine komplizierte Geburt. Ihr ging die sogenannte Blocksize-Debatte über eine Vergrösserung der Blocks voraus. Die Uneinigkeit war gross. «Die Diskussion hat die Community gelähmt und fast gespalten», sagt Koenig.

Geldmenge verdoppelt

Für die Bitcoin-Gemeinschaft war die Geburt von Bitcoin Cash jedoch ein Geschäft. Für jeden Bitcoin wurde ein Bitcoin Cash verteilt. Dieser wurde über Nacht zur drittgrössten Kryptowährung. Anders als befürchtet sank der Bitcoin nicht. Noch in diesem Jahr könnten eine weitere Abspaltung und die Geburt eines dritten Bitcoin-Klons über die Bühne gehen. Fraglich ist, ob dies den Bitcoin-Kurs wieder so unbeeindruckt lässt. Durch die Blocksize-Debatte gewannen Alternativen an Bedeutung. Entfielen vor einem Jahr noch über 80 Prozent der Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen auf Bitcoin, sind es mittlerweile etwas mehr als 50 Prozent.

Einer der Emporkömmlinge ist Ethereum. Im ersten Halbjahr hat sich die interne Währung Ether verfünfzigfacht. Mit einer Marktkapitalisierung von 27 Milliarden Dollar ist Ether unter den Kryptocoins hinter Bitcoin inzwischen die Nummer zwei.

Nutzungsrecht statt Eigentum

Das Projekt hat ein sehr junges Gesicht. Der 23-jährige Vitalik Buterin gilt in der Kryptoszene als Genie und Prophet. Bis 2014 hatte er in Baar gleich neben Glencore seine Zelte aufgeschlagen und seine Vision vorangetrieben. Buterin träumt von einer digitalen Welt, in der die Server von Firmen wie Google oder Amazon durch ein dezen­trales Netz von privaten Computern, die Nodes, ersetzt werden.

Streng genommen ist Ether keine Währung, sondern der prominenteste Vertreter der Appcoins. Mit Appcoins wie Golem, Augur oder Steem zahlt man nicht im ­Restaurant, sondern, ähnlich wie mit Casino-Chips, im eigenen Netzwerk. Wer sie besitzt, darf mitspielen und eine Software oder Dienstleistung nutzen. Ist Bitcoin Gold, gleichen Appcoins eher Aktien. Jedoch gibt es statt Eigentum lediglich ein Nutzungsrecht. Zudem gibt es die Dienstleistungen zum grössten Teil noch gar nicht. «Noch kaufen viele diese Token einfach blind, ohne ihren wirklichen Nutzen zu verstehen», sagt Koenig.

Dotcom-Blase 2.0?

Während sich Bitcoin als Zahlungsmittel verbreitet, entwickelt sich das Ethereum-Netzwerk als Spielwiese für ICOs. Die meisten neu begebenen Appcoins setzen auf dem Ethereum-Netzwerk auf und lassen sich in Ether bezahlen. Mit den ICOs steigt oder fällt die Nachfrage nach Ether.

Jetzt kommen die ICOs völlig zu Recht unter Beschuss. Auf dem unregulierten Markt wird so manches aussichtslose Projekt mit Millionen finanziert. Brzezek sieht zwar ICOs aufgrund des einfachen Zugangs zum Finanzmarkt als riesige Chance. «Bei 99 Prozent der ICOs sind die Preise aber mit keinem Bewertungsmodell begründbar oder zu rechtfertigen. Der Boom gleicht der Dotcom-Blase.»

Chinas ICO-Verbot gab den Startschuss. Das Aus für chinesische Kryptobörsen steht bevor. Das aufziehende Regulierungsgewitter setzt die Kurse von Bitcoin und Co. gehörig unter Druck.

Es ist wieder angesagt, das nahende Ende der Kryptowährungen an die Wand zu malen. Die Website 99bitcoins.com hat sich daraus einen Spass gemacht und sammelt Artikel, in denen Bitcoin totgesagt wurde. 160 Artikel gibt es dort bereits, der erste aus dem Jahr 2010. Damals war ein Bitcoin 0.23 Dollar wert.

Doch verbieten lässt sich Bitcoin nicht. «Der Geist ist aus der Flasche und kehrt nicht mehr zurück», sagt Koenig.

Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe 10/2017 der BILANZ.