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Thomas Wildberger liest «Panikherz»  
Keine Panik!

Disclosed book on a table. Close-up.
Quelle: Gulfiya Mukhamatdinova

Die Ratgeber auf der Bestsellerliste sind sicher gut, aber hin und wieder ist es besser, auf Udo Lindenberg zu hören.

Thomas Wildberger*
Von Thomas Wildberger*
03.03.2019

Mein Vater meinte mal zu mir, dass man von jedem Menschen irgendetwas lernen könne. Also auch von George W. Bush. «Bringe Höchstleistungen nie zu früh im Leben», sagte der Ex-US-Präsident einst. Für ihn mag das stimmen. Ein Leben lang rumgammeln, zum Schluss noch schnell Chef der Welt werden, abtreten. Da hat einer doch alles richtig gemacht.

Auch «Panikherz» ist eine Höchstleistung. Und diese kam wohl gerade noch rechtzeitig im Leben des Autors Benjamin von Stuckrad-Barre. Dieser lebte wie ich in Zürich, Hamburg, Berlin und im Chateau Marmont. Während ich mir allerdings nur ein paar Nächte im unausrottbaren Hollywood-Klassiker leisten konnte, ging Stuckiman dort beinahe ins Inventar über und schrieb dieses Buch, das von seiner Lebensgeschichte handelt und auch ein bisschen von der seines Lebensretters Udo Lindenberg.

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Komplett neue Bildsprache

«Panikherz» – der Titel ist Programm – kommt von der ersten bis zur letzten Seite nicht zur Ruhe. Und es kommt einem vor, als hätte sich der Autor komplett leer geschrieben und jede Phase seines Lebens zwischen die zwei hochglänzenden Buchdeckel gepresst, die von weitem so aussehen, als hätte man ins Bücherregal ein lustiges Bonbon gestellt.

«Bon» ist jedoch stark untertrieben dafür, was Stuckiman da höchst unterhaltsam von sich schreibt. Er wendet ohne Unterlass eine komplett neue Bildsprache an, zum Beispiel dann, wenn er zuerst «Geld aus der Wand lassen muss», um seinen Kurier zu bezahlen, der ihm die Drogen «zum Nachlegen» liefert. Wobei das während seiner Zeit in der Schweiz seltener vorgekommen ist, denn hier bemerkte er häufig «diese immer wieder erstaunlich ausgerüsteten Handtaschen Zürcher Frauen». Ecstasy, Koks, Antidepressivum, neues iPhone – alles dabei, was das Panikherz begehrt.

Seine Beobachtungsgabe ist so faszinierend und manchmal fast gespenstisch, etwa wenn Stuckiman als höchstwahrscheinlich erster Mensch einen weltweiten Fauxpas feststellt, nämlich dass es bei Plattenspielern ja diesen Schalter zur Umdrehungsgeschwindigkeitswahl gibt, für LPs und für Singles, «33/45 steht da immer – unfassbar, auf JEDEM Plattenspieler dieser Welt steht die NS-Zeit! Das ist doch, äh, das, also, naja!»

«Panikherz», Benjamin von Stuckrad-Barre, Kiepenheuer & Witsch, 576 Seiten.
«Panikherz», Benjamin von Stuckrad-Barre, Kiepenheuer & Witsch, 576 Seiten.
Quelle: Pressebild

«Panikherz» ist ein irres Buch

Es könnte der Eindruck entstehen, «Panikherz» sei ein wirres Buch. Das stimmt nicht. Es ist ein irres Buch. Man durchliest so ganz nebenbei eine jahrelange Beinahe-Selbstzerstörung, die von Zweifeln, Drogen, Alkohol und Essstörungen geprägt ist. Aber das ist nicht weiter tragisch, weil man sich hauptsächlich über die herrlichsten Anekdoten und Wortschöpfungen amüsiert und dabei jede Menge Lebenshilfe und Weisheiten von Wegbegleitern wie Harald Schmidt, Helmut Dietl oder eben Udo bekommt: «Die Tage sind immer gleich lang, aber unterschiedlich breit.»

Es wird schwierig für Stuckiman, diese Allerhöchstleistung noch zu toppen. Was für ein Fluch, dass wir heute immer nur als so gut gelten wie unser letzter Job! Daher Hut ab vor Menschen, die sich nicht aufsparen, sondern grundsätzlich jeden Job mit maximaler Leidenschaft und Tatendrang angehen und liefern, liefern, liefern. Falls dabei Druck entsteht, einfach an den Satz der Sätze denken, Udos Weltenformel, bei der einem die Tränen waagerecht aus den Augen schiessen: «Keine Panik!»

*Thomas Wildberger ist CEO von Publicis Communications und Migros-Besitzer.