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«Kunst bringt weniger Rendite als vermutet»

Werke von Picasso oder Giacometti bringen Rekordpreise. Der Schweizer Glücksökonom Bruno Frey erklärt, warum Traumrenditen Illusion sind und die Menschen für Kunst zahlen, die sie nie nutzen.

Von Daniel Eckert («Die Welt»)
12.06.2015

Bruno S. Frey beschäftigt sich mit Themen, die andere Wirtschaftswissenschaftler gerne links liegen lassen. Mit der Ökonomik des Krieges zum Beispiel, der Ökonomik der Demokratie, der Ökonomik des Terrors. Früher als andere widmete er sich der Glücksforschung – und auch in der Kulturökonomik gilt er als Pionier. Im Gespräch mit der «Welt am Sonntag» erklärt Frey, warum Kunst kein gutes Geschäft ist.

Ein Picasso ist kürzlich für die Rekordsumme von 179 Millionen Dollar versteigert worden. Sind diese Spitzenpreise Ausdruck einer neuen Wertschätzung von Kunst?

Bruno Frey: Es ist wohl eher das viele billige Geld, das die Preise treibt. Allerdings wird so mancher, der jetzt glaubt, er könne mit Kunst Rendite machen, eine böse Überraschung erleben. Wenn ein Picasso wie «Die Frauen von Algier», der in den Neunzigern noch für 32 Millionen Dollar gehandelt wurde, jetzt für 179 Millionen den Besitzer wechselt, macht das natürlich Schlagzeilen. Weniger beachtet wird dabei, dass selbst bei renommierten Auktionshäusern bis zu einem Drittel der Objekte keinen Abnehmer findet. Außerdem fallen beim Weiterverkauf hohe Gebühren an, die zulasten des Verkäufers gehen. Ein Gemälde oder eine Skulptur lässt sich nicht so einfach zu Geld machen wie eine Aktie.

Aber ist die mit Kunst zu erzielende Rendite nicht trotzdem fulminant?

Der Picasso ist da nicht repräsentativ. Denn es gibt ja immer auch Künstler, die in Ungnade fallen und deren Preise sinken. Wir haben einmal die Auktionsergebnisse bis ins 17. Jahrhundert gesammelt und nachgerechnet, welcher Ertrag mit Kunst zu erzielen gewesen war. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die reale Rendite, also nach Abzug der Inflation, liegt über diesen Zeitraum bei 1,5 Prozent. Aktien brachten dagegen drei Prozent. Kunst ist langfristig also kein so gutes Geschäft wie vielfach angenommen. Davon unbenommen ist aber die Beobachtung, dass ein Kunstwerk im Salon für den Einzelnen vielleicht mehr zur Lebenszufriedenheit beitragen kann als eine Aktie, auch wenn die mehr abwirft.

Sie werden oft als Ökonom des Glücks bezeichnet. Wie viel tragen Kunst und Kultur zum Wohlstand bei?

Wir haben das mal untersucht und eine hochinteressante Entdeckung gemacht: In einer Stadt wie Zürich besuchen nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung die Oper. Nach einer Erhebung sind es acht Prozent. Aber fragt man die Leute, ob die Oper für sie wichtig ist und ob sie bereit sind, dafür etwas zu bezahlen, ist die Zustimmung erstaunlich hoch, auch wenn sie sie nicht nutzen. Bei dem Volksentscheid stimmten schließlich 73 Prozent für die Finanzierung. Die Leute schätzen Kultur als Teil ihrer Lebensqualität und sie sind bereit, dafür Geld einzusetzen.

Was gehört noch zum Glück dazu?

Wir haben herausgefunden, dass Freundschaften einen wichtigen Anteil am Glück haben und insofern zum Wohlstand beitragen. Das kann sogar die «Freundschaft» bei Facebook sein. Die sozialen Netze spielen wohl eine größere Rolle, als ich ursprünglich gedacht hätte. Ein Beispiel: Wenn ein Familienmitglied stirbt, kann es Menschen etwas bedeuten, wenn Bekannte und Freunde über Facebook ihr Beileid aussprechen. Freundschaft erschöpft sich nicht darin, dass Leute in einem Lokal zusammensitzen. Darauf sollten wir uns auch als Ökonomen viel mehr konzentrieren.

In Ihrer Forschung haben Sie zuletzt verstärkt thematisiert, dass die gezielte Zerstörung von Kunst und Kultur auch zum Mittel des Krieges geworden ist. Das jüngste traurige Beispiel dafür ist die Verwüstung von Palmyra. Wie sollte die Gesellschaft mit solchen Terrorakten umgehen?

Da erleben wir leider den paradoxen Effekt, dass ein Ort gerade deshalb zum Angriffsziel wird, weil er zum Weltkulturerbe zählt. So war es auch bei der Brücke von Mostar und der Altstadt von Dubrovnik. Diese Unesco-Liste war ein guter Ansatz, aber sie dient auch als eine Art Reiseführer für Terroristen. Ökonomisch betrachtet kann man Terroristen wohl am ehesten entmutigen, indem sich die Staaten dazu verpflichten, zerstörtes Kulturerbe originalgetreu wieder herzustellen, gleich was es kostet und wie lange es dauert, wobei die Bürger zustimmen sollten. Den Urhebern des Terrors wird so der Triumph versagt.

Wer soll für den Wiederaufbau finanziell aufkommen?

Wenn der betroffene Staat selbst nicht über genügend Mittel verfügt, kann die internationale Gemeinschaft einspringen. Denkbar ist aber auch eine Fondslösung oder eine Versicherung. Wenn man sich klarmacht, wie wichtig Kunst und Kultur für den Wohlstand der Menschheit sind, sind die Kosten dafür jedoch sehr überschaubar.

Das vollständige Interview erschien zuerst in unserer Schwester-Publikation «Welt am Sonntag».

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