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Interview 
Francesca Lavazza: «Schweizer sind Kaffee-Enthusiasten»

Francesca Lavazza
Francesca Lavazza: Gehört zur vierten Generation beim Turiner Kaffeespezialisten.Quelle: Steve McCurry

Der Turiner Kaffeespezialist Lavazza wird in vierter Generation geführt. Wie die Jungen auf den Einstieg vorbereitet werden, warum Kaffeekapseln und Qualität sich nicht widersprechen und worin sich Schweizer und Italiener beim Kaffeetrinken unterscheiden, erklärt Francesca Lavazza.

Corinna Clara Röttker
Von Corinna Clara Röttker
13.12.2017

Frau Lavazza, wie viel Kaffee trinkt man am Tag, wenn man wie Sie in einer Kaffee-Dynastie aufgewachsen ist?
Francesca Lavazza: Mein Konsum variiert. Ich starte meinen Tag immer mit einem Lavazza-Espresso am Morgen und trinke danach meist nach jeder Mahlzeit einen Weiteren.

Und wie trinken die Schweizer ihren Kaffee am liebsten?
Schweizer sind Kaffee-Enthusiasten, für die der Genuss das Mass aller Dinge ist. Aber auch Milchgetränke auf Espresso-Basis wie Latte Macchiato oder Cappuccino sind bei Schweizern sehr beliebt.

Es heisst, Schweizer trinken ihren Kaffee anderes als Italiener. Inwiefern?
Italiener nehmen ihren Espresso beispielsweise schnell im Stehen an der Kaffeetheke ein, wohingegen in vielen anderen Kulturen wie der Schweiz der Kaffee im Sitzen und viel langsamer getrunken wird. Nichtsdestotrotz finde ich, dass die Kaffeekultur in der Schweiz ähnlich wie in Italien sehr weit entwickelt ist.

Was meinen Sie damit?
Damit meine ich, dass Kaffee ein integraler Bestandteil der Schweizer Kultur ist. Schweizer Konsumenten haben ein ausgeprägtes Wissen über Kaffee und erwarten eine hohe Qualität, wenn sie ihren Kaffee trinken.

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Das war vermutlich nicht immer so. Wie stark hat sich der Kaffeekonsum in der Schweiz über die Jahre verändert?
Sehr stark. Die Verbreitung von Kaffee ist heutzutage viel grösser. Vor 30 Jahren zum Beispiel hat man ausserhalb von Italien noch kaum eine Espressomaschine finden können, heute findet man sie hingegen überall: in jedem Café, in Restaurants, Hotels und häufig auch bei sich zu Hause, von Australien bis nach Kanada. Das war eine richtige Revolution. Nur dadurch konnten sich Getränke wie Latte Macchiato oder Cappuccino überhaupt etablieren.

Bei Lavazza gibt es seit einigen Jahren auch Kaffee aus Kapseln. Ist das für Sie als Liebhaber von gerösteten Kaffee kein Widerspruch?
Ehrlich gesagt, sehe ich darin überhaupt keinen Widerspruch. Unser starkes Engagement für Innovation und Forschung hat die Entwicklung von Kaffeekapseln gefördert, die die gleiche Qualität und ein italienisches Erlebnis bieten – also genau die Eigenschaften, die sich unsere Kunden von unserem Kaffee gewohnt sind. Die «inneren» Werte sind entscheidend.

Sie engagieren sich stark beim Thema Nachhaltigkeit. Doch gerade Kaffeekapseln führen zu einem hohen Abfallaufkommen und enthalten häufig umweltschädliches Aluminium. Wie sehen Sie das?
Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Produkte noch innovativer zu machen, mit dem Ziel, Umweltbelastungen zu reduzieren. So haben wir beispielsweise 2015 in Partnerschaft mit Novamont ein Kaffeekapselprodukt für Espresso auf den Markt gebracht, das zu 100 Prozent kompostierbar ist.

Das Ökobewusstsein der Kaffeetrinker hat sich über die Jahre geändert. Ist das für Lavazza ein Problem? Wie fangen Sie das auf?
Im Gegenteil, diese Entwicklung ist für uns kein Problem. Mit unseren Initiativen der Lavazza-Stiftung und unseren organischen und anderen zertifizierten Produkten wie ¡Tierra! sind wir zuversichtlich, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen.

Francesca Lavazza

Francesca Lavazza (48) ist Mitglied des Verwaltungsrats der Lavazza Gruppe. Von 2005 bis 2015 war sie als Corporate Image Director tätig und leitete Projekte wie den Lavazza-Kalender und die Entwicklung globaler Werbekampagnen. Davor arbeitete Sie bei der Werbeagentur Armando Testa und lebte einige Jahre in New York, um Drehbuchkurse an der New Yorker Filmakademie zu belegen. Heute leitet sie die Kommunikationsaktivitäten von Lavazza.

Sie sitzen bei Lavazza im Verwaltungsrat. Wie muss ich mir Ihren Job vorstellen?
Als Verwaltungsrätin bemühe ich mich darum, die künstlerischen und kulturellen Initiativen von Lavazza vorwärtszubringen. Die Aktivitäten in diesem Bereich sind breit gefächert und reichen von Projekten mit renommierten Fotografen über Kooperationen mit führenden Kulturinstitutionen bis hin zur Entwicklung und Unterstützung von Veranstaltungen von grosser kultureller Bedeutung.

Woher rührt Ihr kulturelles Engagement?
Unsere Leidenschaft für Kunst und Kultur begann in den 1950er Jahren, als wir mit Armando Testa zusammengearbeitet haben, der unvergessliche Lavazza-Werbekampagnen mit Persönlichkeiten wie Caballero und Carmencita kreierte. Heute ist unser Engagement für Kunst und Kultur Teil unserer internationalen Strategie, in der wir Lavazza als Premium-Marke positionieren. Parallel dazu veranstalten wir grosse Ausstellungen in wichtigen Kulturinstitutionen. So können wir unser Produkt einem internationalen Publikum präsentieren, das sich für Kunst und Kultur interessiert.

Was steht aktuell auf Ihrer Agenda?
Im ersten Quartal 2018 weihen wir den neuen Lavazza-Hauptsitz ein. Das Gebäude wurde vom Architekten Cino Zucchi entworfen und wird im Herzen von Turin liegen. Ein weiteres Projekt, das ich betreue, ist die Entwicklung des Lavazza-Museums, das von Ralph Appelbaum entworfen wurde. Das Museum wird in fünf Räume aufgeteilt, die auf erlebnisorientierte Weise die 120-jährige Geschichte des Unternehmens erzählen.

Neben all Ihren beruflichen Verpflichtungen haben Sie noch Kinder und Familie. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Tatsächlich ist mein Tagesablauf meistens mit Meetings und Geschäftsreisen vollgepackt, allerdings kommt die Familie immer an erster Stelle. Ich bekomme viel Unterstützung von meiner Familie und meinem Ehemann.

Was empfehlen Sie anderen Frauen in einer ähnlichen Situation? 
Meine Familie kommt immer zuerst. Ich verbringe so viel Zeit mit meiner Familie wie möglich. Das ist auch etwas, das ich anderen Frauen empfehle: Egal wie hektisch der Alltag ist, am Ende des Tages ist es die Familie, die zählt.

Lavazza-Hauptsitz
Der Hauptsitz von Lavazza in Turin.
Quelle: Lavazza

Und doch ist es sicherlich nicht immer einfach mit Verwandten ein Unternehmen zu führen. Wie gut lässt sich da Privates von Beruflichem trennen?
Unser Verwaltungsrat setzt sich sowohl aus Familienmitgliedern wie auch aus Nicht-Familienmitgliedern zusammen. Über die verschiedenen Generationen hinweg haben wir es geschafft, die Arbeitsweise so zu optimieren, dass strategische Entscheidungen in einem kollaborativen und positiven Umfeld getroffen werden. Wir setzen nie wichtige Entscheidungen um, die nicht einstimmig getroffen worden sind. Auch ausserhalb des Arbeitsalltags stehen wir in einem engen Verhältnis.

Wie werden die nachfolgenden Generationen bei Ihnen auf den Einstieg ins Unternehmen vorbereitet?
Für den Übergang zur fünften Generation haben wir gemeinsam Richtlinien erarbeitet, die von der ganzen Familie verfasst und genehmigt wurden, um einen transparenten und nahtlosen Übergang zu gewährleisten und das Wohlergehen sowie die Zukunft des Unternehmens sicherzustellen.

Was muss ich mir darunter vorstellen?
Der Prozess sieht eine Ausbildung an einer international anerkannten Universität vor, Fremdsprachenkenntnisse, ausgewiesene Arbeitserfahrung in anderen Unternehmungen und die Bereitschaft zum leidenschaftlichen Engagement für Lavazza. Jedoch muss hierbei auch erwähnt sein, dass es der fünften Generation grundsätzlich völlig freisteht, ob sie Lavazza beitreten wollen oder nicht.

Würden Sie sagen, Familienbetriebe sind die besseren Unternehmen?
Was ich definitiv sagen kann, ist, dass Familienbetriebe den grossen Vorteil haben, dass man mit Leib und Seele dem Unternehmen verschrieben ist. Lavazza wurde 1895 von meinen Urgrossvater Luigi Lavazza gegründet, seither von Generation zu Generation weitergegeben und nun in vierter Generation geführt. Mein Job ist daher für mich eine Herzenssache, und diese Leidenschaft schwingt natürlich auch in meiner alltäglichen Arbeit mit.

Wie führen Sie Ihr Familienunternehmen?
Mit Entschlossenheit, Engagement, kreativem Denken und einem Blick für die Zukunft.

Was ist dabei die grösste Herausforderung?
Lavazza ist in den vergangenen Jahren weitergewachsen und hat sich als global führendes Unternehmen etabliert. Die grösste Herausforderung gerade in meiner Rolle ist daher auch, sicherstellen zu können, dass unsere Marke in der richtigen Art und Weise an Konsumenten in mehr als 90 Ländern kommuniziert wird. Dies schaffen wir mit Hilfe einer erstklassigen Belegschaft und externen Partnern mit Projekten, wie dem jährlichen Lavazza Kalender. Das ist ein Projekt, das ich seit Beginn leite und mir sehr am Herzen liegt.

Apropos Lavazza-Kalender: Jedes Jahr lancieren Sie einen neuen, um die Aufmerksamkeit auf Nachhaltigkeit und Ressourcenknappheit zu lenken. Dafür arbeiten Sie seit 1993 mit berühmten Fotografen zusammen. In diesem Jahr haben Sie sich für den englischen Fotografen Platon entschieden. Warum?
Platon ist eine renommierte Persönlichkeit, die für ihren einzigartigen Porträtstil und ihre jüngsten Arbeiten im Bereich der sozialen Gerechtigkeit bekannt ist, was ihn perfekt für dieses Projekt macht.

Wie eng haben Sie zusammengearbeitet?
Als Vorstandsmitglied von Lavazza bin ich für die Kunst- und Kulturpartnerschaften des Unternehmens verantwortlich. Entsprechend eng war die Zusammenarbeit mit Platon und unserer Kreativagentur Armando Testa, die die kreative Entwicklung des Kalenders betreut hat. Ich war mit Platon am Set, als er einige unserer Protagonisten fotografierte.

Wäre für Sie eine andere Kunstform als die Fotografie für den Kalender auch vorstellbar?
Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir weiterhin an der Welt der Fotografie festhalten. Deshalb plant Lavazza momentan nicht, die Kunstform zu ändern.