Eine Hoteleröffnung ist für den erfah­renen Reisenden das, was ein neues Fahrzeugmodell für den Autofan bedeutet – eine Verheissung noch nie ­dagewesener Glücksgefühle. Auch Comebacks revitalisierter Hotel-Ikonen versetzen die internationale Traveller-Gilde in fein dosierte Aufregung. Will man zusammenfassen, was die Hotelneulinge der letzten zwölf Monate prägt, ist 
es die Abkehr von der global gleichgeschalteten ­Ästhetik und die Hinwendung zum Echten.

Man kann zwar das Wort «authentisch» nicht mehr hören, doch beschreibt kein anderes Wort besser, wenn ein Hotel unverwechselbar ist, also entspannt und ungekünstelt, wenn es die Natürlichkeit und Souveränität ausstrahlt, nicht besser sein zu wollen, als es tatsächlich ist.

Ein Hoch auf die Individualität

Das São ­Lourenço do Barrocal im portugiesischen Alentejo strahlt all das aus – und die meisten neuen Ableger der internationalen Hotelgruppen das Gegenteil. Das ist der Grund, weshalb so viele Reisende individuelle Häuser wie das «São Lourenço» lieben und die Kettenhotels bestenfalls respektieren. Die leidenschaftlichen Einzelkämpfer, die hinter diesen Hotelperlen stehen, lassen sich nicht von Marketingstrategien und Businessplänen leiten, sondern ziehen das durch, was ihnen richtig erscheint, und dies eigenständig und begeisternd.

Ähnlich ausgerichtete Newcomer, etwa La Granja auf Ibiza, The Pig at Combe in Südengland, auch La Donaira in Andalusien oder das Meneghetti in Istrien, verzichten ebenfalls auf jede Geste des Protzens.

Agriturismo der Luxuskategorie

Wer in diese Farmhotels kommt, der weiss, dass es ihm gut geht. Die Hotels müssen das nicht marktschreierisch unter die Leute tragen. Dass selbst Superluxus nicht auf Authentizität verzichten muss, zeigt das im November eröffnete Soneva Jani auf den Malediven. Zwar ist keine der 25 Pool-Villen unter 1870 Franken pro Tag buchbar, doch überrascht das englisch-schwedische Besitzerpaar Sonu und Eva Shivdasani mit einer grossartigen Weiterentwicklung seines ebenfalls zauberhaften Inselresorts Soneva Fushi. Letzteres war vor zwanzig Jahren der Pionier des tropischen Eco-Chics und konnte sich seitdem immer wieder frisch erfinden.

Ein glücklicher Ort voller Seele ist auch das «Soneva Jani» geworden, mit spektakulären Merkmalen wie dem ausfahrbaren Dach über dem Bett und ungezählten kleinen Aufmerksamkeiten des Hotelteams, dessen gute Laune aus dem Herzen kommt und nicht aufgesetzt wirkt.

Auch im Six Senses Zil Pasyon auf den Seychellen wird das liebenswerte Personal für leidgeprüfte Viel- und Gernereisende zur Sensation. Zudem bietet die private Hotelinsel einmalige Fotomotive.

Sich wie ein Einheimischer fühlen

Perfekt ins Zeitalter der digitalen Bohème passen die sogenannten Neighbourhood Hotels: Lokal verwurzelte, heimelig urbane Wohlfühlorte, in denen man für die Dauer seines Aufenthalts glaubt, aktiv am Stadtleben zu partizipieren und ein willkom­menes Mitglied der dortigen Community zu sein.

Das Nomad in Basel und das Le Pigalle in Paris bieten diese Home-away-from-home-Atmosphäre, ebenso das Zoku in Amsterdam, die Casa Bonay in Barcelona, The Poli House in Tel Aviv und das Alex Hotel in Perth.

Die Stadt besser verstehen

Die Erkenntnis, nahe am Puls der Destination dran zu sein, ist eigentlich alt. Bereits vor hundert Jahren verkörperte das Ritz die Quintessenz von Paris besser als jedes andere Hotel an der Seine. Daran hat sich auch nach vierjähriger Schliessung nichts geändert: Wer heute im erneuerten «Ritz» eincheckt, ist vom Zwang entbunden, die Stadt innert kürzester Zeit erobern zu müssen, weil das Hotel den Gast von Anfang an zu einem Teil von ihr macht.

Ähnliches lässt sich über charismatische historische Gebäude sagen, die zu aussergewöhnlichen Hotels umgewandelt wurden. Jüngste Beispiele sind das Grand Ferdinand, The Kimpton Gray Hotel und das Trump International Hotel Washington D.C., welche den Esprit von Wien, Chicago und ­Washington auf eine Weise zum Ausdruck bringen, dass man als Hotelgast die Stadt darum herum gleich besser versteht.

Hotel-Showdown in New York

Wer in New York ein Nachtlager sucht, mag sich als Erstes fragen, ob es klassisch oder cool sein soll. Unter den aktuellen Hotel-Openings sind beide Kategorien vertreten. Das Wythe, lange die einzige wirklich empfehlenswerte Herberge in Brooklyn, erhält mit dem benachbarten TheWilliamsburg Hotel und dem weiter südlich gelegenen 1 Hotel Brooklyn Bridge gleich zweifach coole Konkurrenz.

Auf der anderen Seite des East River sorgt das 
11 Howard mit skandinavisch schlichten Interieurs für Aufsehen. Bevorzugt man eher viktorianische Grandezza, liegt man im neuen The Beekman nahe dem World Trade Center richtig und ist dort auch kulinarisch gut versorgt.

Auch London verblüfft mit einem ständigen Nachschub an neuen Hotspots. Soeben hat das ­dritte Four Seasons der Stadt in einem Baudenkmal am Trinity Square eröffnet, unter anderem mit dem Restaurant «La Dame de Pic» der französischen ­Köchin Anne-Sophie Pic, die auch im «Beau-Rivage Palace» in Lausanne jeweils zeitlich begrenzt ihre Visitenkarte abgibt. Ebenfalls interessant sind das exzentrisch nostalgische Batty Langley’s und das modernere The Courthouse Hotel Shoreditch, ­beide in Londons quirligem East End.

Perfekte Symbiose

Im internationalen Trend liegen sinnvolle Partnerschaften. Davon profitieren die Gäste – so zum Beispiel im The Westin Hamburg, das sich im Gebäude der Elbphilharmonie befindet, oder im soeben eröffneten The Silo an Kapstadts umtriebiger Waterfront. Hier wurden sechs loftige Hoteletagen auf den historischen Getreidespeicher aufgebaut, welcher ab September 2017 das verheissungsvolle Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) beherbergen wird.

Ein grosses Echo in der internationalen Presse fand die Eröffnung der Masseria Trapanà in Apu­lien. Von der Grundhaltung her wie das Il Sereno Lago di Como am Comersee und das Las Alcobas im Napa Valley oder die beiden japanischen Hotelrefugien Amanemu und Hoshinoya Tokyo, setzt die «Masseria» auf erlesene Einfachheit und höchste Qualität in allen Bereichen, ohne dies übertrieben zur Schau zu stellen. Der Besitzer ­arbeitete sein halbes Leben lang in einigen der besten Hotels rund um den Globus, entsprechend weiss er, was ein besonderes Haus ausmacht und wie man die Sehnsucht erholungsbedürftiger Menschen nach dem Echten bedient. Um nicht zu sagen: nach dem Authentischen.

Neueröffnungen in der ­Hotelszene Schweiz

Was tut sich in der Schweiz? Die vier ­heimischen Ferienhotels, die es neben dem Basler Nomad in die Hot-List der «Handelszeitung» geschafft haben, liegen alle in den Bergen: Für die Therme Vals, die nun nach ihrer Postleitzahl 7132 Hotel heisst, haben die japanischen Architekten Kengo Kuma und Tadao Ando puristisch schöne Zimmer und Suiten gestaltet.

In Davos macht das Spenglers Hotel mit Dachterrasse und Event-Kapelle von sich reden und im Saanenland eröffneten im Dezember 2016 gleich zwei bemerkenswerte Häuser: Das kleine, ultraluxuriöse Ultima in Gstaad und das sportlich fami­liäre Huus Gstaad im früheren Steigenberger Hotel ob Saanen. Letzteres überrascht mit einem vielfältigen, im Zimmerpreis ­inbegriffenen Outdoor-Aktivitätenprogramm und smarten Kooperationen, die den Hotelgästen direkt zugutekommen – von Hästens-Betten über Mammut-Bergsportausrüstungen und Zeiss-Ferngläser bis zu Range-Rover-Geländewagen.

Die ganze Liste der 60 besten neuen Ferien- und Stadthotels finden Sie in der «Handelszeitung», am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

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