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Vernaccia di Oristano - Sardiniens nobelster Wein

 Vernaccia di Oristano, Sardinien
Wein-Anbau in Oristano: Milde Winter, wenig Regen und heisse Sommer schaffen ideale Bedingungen.

Der Vernaccia di Oristano ist ein traditioneller sherryartiger Wein, der nördlich von Oristano erzeugt wird. Leider ist er nur noch Kennern ein Begriff.

Von Rudolf Trefzer
27.04.2016, Aktualisiert am 27.05.2016

Wäre der Bekanntheitsgrad eines Weines der Gradmesser für seine Qualität, so würde man sich wohl ­hüten, auch nur ein paar Zeilen über den sherryartigen Vernaccia di Oris­tano zu schreiben. Doch dass auch in der Weinwelt der Bekanntheitsgrad eines Weines nur ein unzuverlässiger Indikator für das wirklich Einzigartige und Herausragende ist, zeigt das Beispiel des Vernaccia di Oristano.

Dieser sherry­artige Traditionswein, der an der sardischen Westküste nördlich des Städtchens Oristano ­erzeugt wird, ist in der auf vordergründig-laute und gestylt-modische Tropfen versessenen Weinwelt in Vergessenheit geraten und läuft ­Gefahr auszusterben. Dabei sind sich Kenner darüber einig, dass es sich beim Vernaccia di Oristano um ein ebenso einzigartiges und ­aussergewöhnliches wie nobles und grossar­tiges Weinmonument handelt.

Traubensorte «Vernaccia»

Es gibt in Italien verschiedene, nicht mitei­nander verwandte Traubensorten, die die Bezeichnung «Vernaccia» im Namen tragen. Vernaccia ist vom lateinischen Wort «vernaculum abgeleitet, mit dem in verschiedenen Gebieten lokale einheimische Traubensorten bezeichnet wurden.

Doch der Vernaccia di Oristano ist für die Sarden mehr als nur eine alte einheimische Sorte. Der aus ihr gekelterte bernsteinfarbene, trockene Wein hat seit Generationen als iden­titätsstiftendes Symbol gegolten, der früher in jeder Bar Sardiniens ausgeschenkt wurde und von dem man wusste, dass es sich um ein unverwechselbares, einzigartiges Getränk handelte. Doch was ist denn am Vernaccia di Oristano so aussergewöhnlich, so anders?

Herstellung Vernaccia di Oristano

Die Erklärung liegt in seiner Herstellung. Die erst in der zweiten Septemberhälfte und Anfang Oktober von Hand geernteten, zuckerreichen Trauben werden zu einem alkoholstarken Weisswein vergoren. Nach Abschluss der Gärung kommt der Wein in kleine Fässer aus Eichen- oder Kasta­nienholz, wobei diese nicht ganz, sondern nur zu drei Vierteln gefüllt werden. Dank dem Luftkontakt bildet sich(, ähnlich wie beim Sherry,) auf der Weinoberfläche eine Schicht von sogenannten Florhefen, die mehrere Jahre erhalten bleiben kann. (Im Gegensatz zum Sherry wird der Vernaccia di Oristano jedoch nicht aufgespritet.)

Da Wasser durch das Holz verdunsten kann, nimmt der Alkoholgehalt des Weines mit der Dauer der Fasslagerung auf natürliche Weise ­stetig zu. Der vom 1971 erlassenen Appellationsreglement vorgeschriebene Mindestalkohol­gehalt beträgt 15, bei den Superiore und Riserva-Versionen 15,5 Volumenprozent. Mit zunehmendem Alter werden die bernsteinfarbenen Weine noch dunkler und der Alkoholgehalt kann bis auf über 20 Volumenprozent ansteigen.

Einzigartige aromatische Intensität

Die Florhefe und der jahrelange, mitunter Jahrzehnte dauernde oxydative Ausbau in den nicht spundvollen Fässchen verleihen dem Vernaccia di Oristano seine einzigartige aroma­tische Intensität und Komplexität. Auch wenn sich die grandiosen Erzeugnisse von Qualitätsproduzenten wie Attilio Contini, Francesco At­zori, Silvio Carta und den Fratelli Serra unterscheiden, so verdeutlichen sie doch alle, weshalb der Vernaccia di Oristano von Kennern und Liebhabern zu Recht als Weinmonument bezeichnet wird.

Das expressive und vielschichtige Bouquet ist geprägt von zahlreichen typischen Aromen, zu denen Rosinen und getrocknete Feigen, Mandelblüten und Mandelgebäck, Haselnüsse und Baumnüsse gehören. Im Gaumen präsentiert er sich kraftvoll, füllig-warm und im Geschmack ebenso komplex und nachhaltig lang wie in der Nase.

Dahinschwinden eines Traditionsweines

Doch trotz seiner Einzigartigkeit, trotz seiner beeindruckenden Qualität ist dieses sardische Weinoriginal vom Aussterben bedroht. Wegen der aufwendigen Herstellung und der mangelnden Nachfrage wird nur noch ein kleiner Teil der im Gebiet von Oristano angebauten Vernaccia-Trauben zu gealtertem Vernaccia di Oristano verarbeitet. Der Grossteil wird als normaler ­Tafelwein verkauft.

Doch wer je einen gealterten Vernaccia di Oristano zum Aperitif, als Essensbegleiter, etwa zu Bottarga-Gerichten oder zu Mandelgebäck, getrunken hat, wird diesen unvergesslichen Wein schätzen und lieben. Leider ist er hierzulande nur schwer erhältlich.

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